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Ruf nach dem digitalen Hausmeister

Die moderne Medienwelt verteuert das Bildungswesen enorm - eine Beratung mit SPD-Fraktionschef Erik Stohn

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 3 Min.

Eine angemessene Ausstattung brandenburgischer Schulen mit modernen Medien würde beträchtliche Aufwendungen erfordern und zudem ein ständiger zusätzlicher Kostenfaktor bleiben. »Dafür muss es den politischen Willen geben«, sagte die Landtagsabgeordnete Katja Poschmann (SPD) am Dienstagabend am Ende einer Beratung in ihrem Wahlkreis Rathenow, zu der Lehrer, Schüler, Eltern, kommunale Verantwortliche und auch SPD-Fraktionschef Erik Stohn geladen waren.

»Mehr Tempo, mehr Wille und mehr Entschlusskraft« seien erforderlich, um hier den Anschluss nicht zu verpassen, sagte Stohn. Je nach Renovierungsstand der einzelnen Schulen sind die Voraussetzung für den Einsatz von Tablets, Beamern und Computern besser oder schlechter, wurde im Gespräch deutlich. Die kürzlich modernisierte Jahn-Schule in Rathenow hat da beispielsweise einen Vorsprung gegenüber der Bürgel-Schule. Von einer Region, die »sehr lange angehängt« gewesen sei, sprach Lehrerin Franca Reuter. Sie beklagte eine immense Bürokratie bei der Beschaffung eines Gerätes. »Ich habe einen Polylux, der ist so alt wie ich selbst. Und sonst nichts.«

Allgemein begrüßt wurde das aktuelle Angebot der Bundesregierung, mit fünf Milliarden Euro die Ausstattung der Schulen zu verbessern. Allerdings sorgen die damit verbundenen umständlichen Antragswege dafür, dass eine Idee von 2019 vielleicht 2023 erste Wirkungen zeige. Ein Pädagoge meinte: »Von Tempo kann man da nicht sprechen.«

Schüler John sprach sich für einen »Mix« aus traditionellem Lernen und dem Einsatz neuer Technik aus. Mitschülerin Lea würde es ausdrücklich begrüßen, wenn in der Schule Tablets in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen.

Ihr Vater Olaf Fischer mahnte, dass mit der Anschaffung und Einrichtung solcher Geräte auch Pflege und Wartung notwendig seien. Ohne einen »digitalen Hausmeister« sei das nicht zu stemmen. Kosten und Folgekosten würden entstehen durch den Kauf von Software, von Lizenzen, durch gebührenpflichtige Nutzung von Leitungen und Leistung. »Die wollen alle Geld verdienen.« Und: »Was, wenn die Geräte veralten?« Auch der Datenschutz erfordert Aufmerksamkeit. Olaf Fischer sagte: Bei der Nutzung bestimmter Angebote »werden die Daten der Schüler nach Amerika übermittelt«.

SPD-Politiker Stohn äußerte in diesem Zusammenhang, die Datenschutzbehörde Brandenburgs habe das Versenden von Bußgeldbescheiden erwogen, weil in der Coronazeit der Unterricht via Computer nicht überall alle Anforderungen des Datenschutzes erfüllt habe. »Ich habe mich vor die Lehrer gestellt, solche Bußgeldforderungen müssen sie nicht mehr fürchten.«

Mit der Ausrüstung der Schulen sei es unter Umständen gar nicht getan, denn was, wenn coronabedingt wieder eine Schulschließung anstehen sollte, fragte die Abgeordnete Poschmann. Dann müssten auch bei den Schülern daheim die Bedingungen für ein sogenanntes Homeschooling gegeben sein.

Lehrerin Reuter erklärte: »Es ist unglaublich, wie viele Kinder noch keine E-Mail-Adresse haben.« Sie mahnte, bei allen Voreilen einer Tastatur, den Grundschulkindern immer noch gediegen das traditionelle Lesen und Schreiben beizubringen. Was die Handschrift für die Persönlichkeitsentwicklung leiste, sei unersetzlich.

Britta Mau ist mit ihrer Familie aus dem bayerischen Augsburg zurück nach Rathenow gezogen und sprach von einem »erheblichen Gefälle« im Ausstattungsgrad aber auch in der Einstellung der Lehrer zu den neuen Medien. Es herrsche in Brandenburg noch viel Angst und die Auffassung: »Ich mache das nicht, dafür bin ich zu alt.« Auch gerate die Autorität der Lehrkraft ins Wanken, wenn ihr Siebentklässler auf diesem entscheidenden Feld etwas vormachen können.

Unterschiede existieren allerdings auch innerhalb des Landes Brandenburg. So wurde bei der Veranstaltung der Ausstattungsgrad von Potsdamer Schulen ausdrücklich gelobt. Ein paar Dutzend »Modellschulen«, die Extra-Mittel einsetzen konnten, sind aus Sicht der Anwesenden jedoch nicht ausreichend, die meisten der rund 900 Schulen des Bundeslandes haben einen Nachholebedarf. Die Abgeordnete Poschmann hat gelernt: »Wir müssen Geld in die Hand nehmen, und das muss verstetigt werden.«

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