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Kein coronabedingter Stillstand

Vier Monate lang fuhren die Züge von Flixtrain nicht. Doch die Pandemie war offenbar nicht der Grund dafür

  • Von Hans Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.

»Die letzten Wochen waren schwer für uns alle, und deshalb freuen wir uns umso mehr, Dich ab jetzt wieder mit auf Reisen zu nehmen«, so die kumpelhafte Flixtrain-Eigenwerbung mit Hinweis auf Verbindungen zwischen Köln und Hamburg sowie Berlin, die man seit Ende Juli wieder bedient. Einen kleinen Haken gibt es dabei: In Bielefeld halten nur die Züge in Richtung Berlin. Mitte März hatte Flixtrain den Betrieb eingestellt und die Kunden mit bereits gebuchten Fahrscheinen auf die bundeseigene Deutschen Bahn umgeleitet, die auch in Corona-Zeiten den Fernverkehr aufrechterhielt und bei schrumpfenden Fahrgastzahlen hohe Defizite einfuhr.

Doch der monatelange Betriebsstopp von Flixtrain war nicht den Sorgen der Münchner Manager um Gesundheitsschutz auf ihren grünen Zügen geschuldet. Ursache war offensichtlich ein Krach mit dem Partnerunternehmen BahnTouristikExpress (BTE), das bis März Züge und Personal stellte. Flixtrain ist, ähnlich wie die ebenfalls unter dem Dach von Flixmobility angesiedelte Schwester Flixbus, ein Geschäftsmodell der Plattformökonomie. Die Zentrale mit Managern, Kaufleuten und IT-Kräften vermittelt Billigreisen »ohne eigene Busse, Fahrer, Loks, Waggons und Servicepersonale« und »umgeht Arbeitgeberpflichten«. Diesen Vorwurf erhebt der gewerkschaftsnahe Verein Mobifair, der seit Jahren die Auswüchse der Liberalisierung und Prekarisierung im Verkehrsbereich verfolgt und sich für »faire Lohn- und Sozialstandards« einsetzt. Recherchen von Mobifair ergaben, dass auf Flixtrain-Zügen oftmals unternehmensfremde Beschäftigte im Einsatz sind, die nur eine »Blitzausbildung« hinter sich haben.

Im Frühjahr hatten die Münchner Flixtrain-Chefs offenbar versucht, die Vertragsbedingungen mit BTE für eine Wiederaufnahme des Verkehrs knallhart neu zu bestimmen. Die Verhandlungen platzten. Die Änderungen hätten »eine grundlegende Umkehr der vereinbarten Struktur der Partnerschaft« beinhaltet und eine Fortführung der Geschäftsbeziehungen mit einem nachhaltigen Bahnbetrieb unmöglich gemacht. Flixmobility habe keinerlei Kompromissbereitschaft gezeigt, beklagte sich BTE-Chef Markus Hunkel. Dabei ist BTE eine Tochter des US-Konzerns RDC, der seit langem als Global Player an Bahnprivatisierungen in Lateinamerika beteiligt ist.

Die vom Ende der Vertragsbeziehungen mit Flixtrain betroffenen 170 BTE-Beschäftigten mussten in Kurzarbeit gehen. Für Mobifair ist all dies kein Einzelfall: »Die Schrauben von Flixmobility wurden schon manchmal angezogen. Da haben auch einige Busunternehmen die Flucht nach vorne angetreten und sind aus den Verträgen ausgestiegen.« Für die Verbindungen Köln-Hamburg und Köln-Berlin hat Flixtrain nach eigenen Angaben jetzt die Schienenverkehrsgesellschaft mbH (SVG) aus Horb am Neckar sowie die fränkische IGE-Erlebnisreisen und Reiseservice GmbH (IGE) angeheuert. Beide stammen aus dem Sonderzuggeschäft.

Flixtrain ist nicht das erste Unternehmen, das der Bahn im Personenfernverkehr Marktanteile abjagen will. Die europaweite Liberalisierung und Privatisierung der Branche förderte eine Fragmentierung und Zerschlagung bisheriger Staatsbahnen. Sie ist im Regionalverkehr weit fortgeschritten, zumal hier Staatsgelder im Ausschreibungswettbewerb kurzfristige Profite versprechen. Im Güterverkehr hat der beinharte Wettbewerb vor allem Rosinenpickerei und den Rückzug aus der Fläche gefördert. Im Personenfernverkehr ist die Deutsche Bahn weiterhin tonangebend; die Erfolge ihrer Konkurrenten sind bisher überschaubar. Mehrere Versuche, ihr mit Marken wie Interconnex, HKX oder Locomore das Wasser abzugraben, scheiterten. Im Nachtzugverkehr sprangen nach dem Ausstieg der Bahn teilweise die österreichischen ÖBB ein. Die Flixtrain-Manager scheinen entschlossen zu sein, nach dem Vorbild des irischen Billigfliegers Ryanair, ohne Rücksicht auf soziale Kollateralschäden den Markt zu erobern. Dabei haben sie als strategische Investoren offenbar auch die Daimler-Tochter Daimler Mobility und die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck im Rücken.

Wenn - wie auch unter Flixtrain-Regie - an einem Zug mehrere Firmen beteiligt sind, kann dies schwerwiegende Folgen haben. So überfuhr im August 2014 in Mannheim ein Güterzug ein Haltesignal und rammte einen Eurocity der Deutschen Bahn. Der Lokführer war nach Mobifair-Angaben von einem deutschen Personaldienstleister an ein niederländisches Unternehmen mit britischem Eigentümer ausgeliehen worden. Auf einer österreichischen Lok war er im deutschen Netz auf dem Weg nach Ungarn.

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