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Der Tragödie nächster Teil

Bürgermeister Andreas Bausewein will Thüringens SPD-Vizechef werden - nicht alle sind erfreut

  • Von Sebastian Haak
  • Lesedauer: 5 Min.

Wenn es um Dramen geht, dann ist die in Umfragen in den vergangenen Jahren ziemlich geschrumpfte Thüringer SPD ganz groß. Vor allem dann, wenn es um selbst verschuldete Dramen geht. So wie jenes, das sich derzeit um Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein entspinnt, und das auf dem besten Wege ist, eine ausgewachsene Tragödie zu werden. Denn, dass er nun wieder stellvertretender Landesvorsitzender der Thüringer SPD werden will, gefällt längst nicht jedem in der Partei - und hat das Potenzial die Gräben bei den Sozialdemokraten wieder aufzureißen, die der designierte SPD-Landesvorsitzende Georg Maier und die derzeitige Parlamentarische Geschäftsführerin der sozialdemokratischen Landtagsfraktion, Diana Lehmann, zwar nicht zugeschüttet, aber zuletzt doch zumindest abgedeckt haben.

Zur Erinnerung: Bausewein war 2014 Landesvorsitzender der Thüringer SPD geworden, nachdem die Partei mal wieder eine Landtagswahl krachend verloren hatte. Ende 2017 warf er das Amt dann hin. Überraschend für viele Genossen, aber doch irgendwie auch folgerichtig, wenn man an einen Satz von ihm denkt: Als er noch Landesvorsitzender war, erklärte er in einem Interview mit der »Thüringischen Landeszeitung«, der Schwerpunkt seiner Arbeit sei seine Tätigkeit als Oberbürgermeister. »Die SPD ist mein Hobby, das ich nebenher mache.« Nun hat Bausewein ausführlich bei den Genossen für sich als stellvertretender Landesvorsitzender geworben - nachdem auch sie eigentlich nur durch Medienberichte wussten, dass der Chef von damals der Vizechef von morgen werden will. Manche in der Partei sagen, er wolle damit seine Chance verbessern, einen Ministerposten zu ergattern.

In Bauseweins Schreiben - gerichtet an die Sozialdemokraten in Erfurt, das aber schon in SPD-Kreisen in ganz Thüringer zirkuliert - beginnt der 47-Jährige damit, zu beschreiben, wie anstrengend für ihn die vergangenen Wochen als Oberbürgermeister in Erfurt waren. »Ich will mich nicht beklagen, ihr sollt nur eine Vorstellung dafür bekommen, warum ich in den letzten Monaten so wenig bei euch sein konnte«, schreibt Bausewein.

Erst weiter unten kommt er darauf zu sprechen, wie er vor etwa drei Jahren seinen SPD-Posten hinwarf. »Das kam für viele überraschend, ich habe auch die Enttäuschung in der Partei wahrgenommen. Ob das richtig oder falsch war, darüber kann man sicher auch heute noch philosophieren«, so Bausewein. Doch tatsächlich habe er die Landeshauptstadt für die Sozialdemokraten gewinnen können, während die SPD-Oberbürgermeister in Weimar und Jena inzwischen aus ihren Ämtern gewählt worden seien.

Dann appelliert er noch ein wenig an die Geschlossenheit der Partei in schwierigen Zeiten: »Die Landtagswahl 2019 hat uns der Fünf-Prozent-Hürde näher gerückt.« So weit, so - für sozialdemokratische Verhältnisse - normal im internen SPD-Wahlkampf um die Posten der Stellvertreter des Landesvorsitzenden, könnte man meinen.

Kurz vor dem Schluss von Bauseweins Brief kommt dann allerdings noch eine Wendung, die wie bei jeder guten Tragödie, die Geschichte noch einmal zuspitzt - kurz bevor es in den letzten Akt geht, was in diesem Fall der SPD-Parteitag im September sein wird. Da nämlich verkündet Bausewein, dass Maier ihn und die auch aus Erfurt stammende SPD-Landtagsabgeordnete Cornelia Klisch »gebeten« habe, als stellvertretende Landesvorsitzende zu arbeiten. Maier will das so nicht bestätigen, sagt aber: »Ich unterstütze die Kandidaturen.«

Wie auch immer es nun war: Jedenfalls gibt es nun Unruhe in der SPD. Denn die Reaktionen aus SPD-Kreisverbänden jenseits von Mittelthüringen auf den Brief Bauseweins und die Aussicht, Klisch und er könnten demnächst stellvertretende Landesvorsitzende werden, sind verheerend. Um das zu verstehen, muss man wissen, dass es bei der Thüringer SPD vier Chef-Stellvertreter gibt. Und in der Partei wird eigentlich sehr genau darauf geachtet, dass nicht nur die großen, städtischen Kreisverbände mit Personal für diese Posten berücksichtigt werden, sondern auch kleinere Kreisverbände aus dem ländlichen Raum.

Wenn nun aber Klisch und Bausewein stellvertretende Landesvorsitzende werden sollten, wären zwei der Ämter schon mit Sozialdemokraten aus Erfurt besetzt. Entsprechend erzürnt ist die Stimmung bei SPD-Kreisverbänden in den ländlichen Regionen Thüringens - einerseits über Bausewein persönlich und andererseits über die angekündigte Kandidatur von Bausewein und Klisch. Einer, der das nicht nur hinter vorgehaltener Hand, sondern offen sagt, ist der Vorsitzende des SPD-Kreisverbandes Sonneberg, Andreas Langethal-Heerlein. »Das geht gar nicht, dass da nun zwei aus Erfurt gewählt werden sollen«, sagt er. Zwar entscheide die Landespartei über die Besetzung der Gremien, doch schon die Kandidatur von Bausewein und Klisch sei »kein gutes Zeichen«, denn »hinterm Berg ist ja auch noch Land«. Bei der SPD werde der ländliche Raum immer wieder vernachlässigt. »Die SPD Thüringen besteht nicht nur aus dem Kreisverband Erfurt.« Sollten wirklich sowohl Bausewein als auch Klisch sich um die entsprechenden Posten bewerben, werde das für sie jedenfalls kein Durchmarsch. Auf Parteitagen, schiebt er noch nach, seien schon viele Dinge passiert.

Auch grundsätzlich hält Langethal-Heerlein nichts von der geplanten Rückkehr von Bausewein in den SPD-Landesvorstand. Er sei zunächst »schwer begeistert« von Bausewein gewesen, als dieser SPD-Chef geworden sei, sagt Langethal-Heerlein. »Er war ein Hoffnungsträger.« Dann habe Bausewein ihn mit seinem Abschied »schwer enttäuscht«. Das hat er ihm bis heute offenbar nicht verziehen. »Die SPD ist kein Selbstbedienungsladen, wo man kommen und gehen kann, wie man will.«

Das sind alles Sätze wie aus dem Drehbuch einer Tragödie.

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