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Fasten für die Abrüstung

Friedensaktivisten rufen zum Gedenken an die Zerstörung von Nagasaki zu vielfältigem Protest gegen Atomwaffen auf

Die Friedensbewegung kann auf ein breites Repertoire an politischen Aktionsformen zurückgreifen. Einige Vorschläge finden sich in folgendem Aufruf: »Geht auf die Straßen! Macht Aktionen, Straßentheater, sammelt Unterschriften für den Atomwaffenverbotsvertrag - macht eine Schweigezeit an jedem 9. eines Monats, zum Gedenken an die Zerstörung Nagasakis vor 75 Jahren am 9. August 1945.« Diese Erklärung wurde Anfang August von den Friedensaktivisten Lothar Eberhardt und Matthias-W. Engelke verfasst. Die beiden Antimilitaristen beteiligen sich darüber hinaus noch an einer besonderen Aktionsform: nämlich einer Fastenkampagne, die in diesem Jahr zum elften Mal stattfindet.

Initiator der Protestidee ist Matthias-W. Engelke, der sich selbst als Friedenstheologe bezeichnet. Er erklärte, diese jährlichen Aktionen so lange fortzusetzen, bis sämtliche Atomwaffen der Vereinigten Staaten aus Deutschland abgezogen sind. »Die Atomwaffen sind der Inbegriff des Allmachtswahns, sie produzieren Angst und Ohnmacht«, sagte der Aktivist. Das öffentliche Fasten aber kehre »die Ohnmacht nach außen und trägt es auf die Straße«, so die Begründung für die ungewöhnliche Aktionsform.

Das Fasten endet immer am 9. August, dem Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Nagasaki. Der Beginn wird jedes Jahr um einen Tag vorverlegt. In diesem Jahr startete die Aktion am 26. Juli. Die mehr als zwei Wochen waren gefüllt mit einem umfassenden politischen Programm, wie Lothar Eberhardt, der in Berlin bei der Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte Kriegsdienstgegner*innen (DFG-VK) und den Naturfreunden aktiv ist, im Gespräch mit »nd« verdeutlichte.

Auf dem zentralen Platz von Mainz haben die Antimilitarist*innen ihr Friedenszelt aufgebaut. Von hier verteilen sie Informationsmaterialien und sammeln Unterschriften für eine Petition, mit der die Bundesregierung aufgefordert wird, einen UN-Aufruf zum Verbot aller Atomwaffen beizutreten. 122 Staaten haben sich bisher hinter den Aufruf gestellt, Deutschland gehört nicht dazu. Ein Grund dafür dürfte sein, dass in Deutschland weiterhin Atomwaffen unter der Befehlsgewalt der USA stationiert sind, unter anderem in Büchel in der Südeifel. Hier wird am 9. August die diesjährige Fasteninitiative enden.

Antimilitaristische Bildungsarbeit ist derweil auch Teil der Fasteninitiative. So wurde in diesem Jahr die Sozialdemokratische Bildungsinitiative (SBI) eingeladen, um an den heute fast vergessenen Antimilitaristen Kurt Bechert zu erinnern. Der Wissenschaftler und SPD-Politiker engagierte sich bereits in den 1950er Jahren sowohl gegen die militärische als auch zivile Nutzung der Atomenergie. Damit stand er im Widerspruch zu den anderen Wissenschaftler*innen, die in den 1950er Jahren Atomwaffen zwar ablehnten, aber beispielsweise in der »Göttinger Erklärung« Atomkraftwerke befürworteten. In den vergangenen Jahren seines Lebens unterstützte Bechert Initiativen, die sich gegen den Bau von Atomkraftwerken zur Wehr setzten. Zudem engagierte sich der Aktivist noch 1980, wenige Monate vor seinem Tod, mit dem »Krefelder Appell« gegen die Nato-Nachrüstung, die wesentlich von dem SPD-Bundeskanzler unterstützt wurde. Im Alter fand Bechert fast mehr Zustimmung in der außerparlamentarischen Bewegung als in seiner eigenen Partei.

»Wehrt euch! Leistet Widerstand!« Dieser Leitspruch von Bechert verstehen die Fastenden auch als Motivation für ihr eigenes Handeln. Allerdings werden sie auch von der offiziellen Politik und Kirche durchaus wahrgenommen. So sandte der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekoski, ein Grußwort und der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf will mit der Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer (SPD), und dem Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling am Hiroshima-Gedenktag an einem Friedensgebet teilnehmen. Doch Lothar Eberhardt ist klar - für eine atomwaffenfreie Welt kommt es auf Bewegung von unten an.

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