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Einer von uns könnte es packen

Der Wolfsburger Sprinter Deniz Almas über die Aussichten, die 10-Sekunden-Schallmauer zu durchbrechen

  • Von Jirka Grahl
  • Lesedauer: 5 Min.

Als am vergangenen Wochenende 10,08 Sekunden auf der Anzeigetafel standen, konnten Sie es kaum glauben, oder?

Der Wettkampf hatte durchwachsen angefangen. Erst eine Regenunterbrechung, dann mussten die Zielkameras getauscht werden. Bis das ganze System wieder hochgefahren war, vergingen 75 Minuten, das hat genervt. Ich hatte den Wettkampf zu dem Zeitpunkt schon abgeschrieben. Mit schlechter Laune dachte ich: Okay, läufst du den einfach runter. Deshalb hat mich die Zeit auf der Anzeige doch sehr überrascht.

Julian Reus’ deutscher Rekord von 10,01 Sekunden liegt nur noch sieben Hundertstel entfernt, zur 10-Sekunden-Schallmauer fehlen Ihnen neun. Hat sich die Zeit im Training für Sie schon angedeutet ?

Wir haben viel an dem gearbeitet, was ich in der letzten Saison nicht so gut gemacht habe. Start und Beschleunigung habe ich in der Halle eigentlich sehr gut drauf, im Sommer hat es bei den Starts noch nicht so richtig funktioniert. Daran haben wir gefeilt.

2019 war Ihre Bestleistung 10,24. Welche Ursachen hat Ihr Leistungssprung?

Wir haben viel umgestellt. Ich bin viel akribischer hinsichtlich dessen, was auf und neben dem Platz passiert: Mehr Schlaf, Verzicht auf Feierngehen und auch ernährungstechnisch handle ich sehr bewusst. Dadurch habe ich mich super stabilisiert. Ich hab auch die Coronaphase gut genutzt. Wir hatten ja deutlich mehr Zeit als normalerweise, weil ich nicht zur Uni konnte. Es war alles abgesagt, wir sind ganz entspannt an diese Saison rangegangen. Wir hatten einfach keinen Druck. Und Zeit.

Sie trainieren in Leipzig. War Sachsen ein Glücksfall, was den Trainingsbetrieb während der Corona-Auflagen anbetrifft?

Leipzig war super. Wir hatten nur ein oder zwei Tage wirklich Trainingsunterbrechung. Ganz schnell war die Ausnahmegenehmigung da. Wir konnten zwar nur noch draußen trainieren, auf einer anderen Anlage als sonst, aber ansonsten haben wir unser normales Programm durchführen können. In Baden-Württemberg, wo ich herkomme, gab es weniger Ausnahmeregelungen und auch mal komplette Schließungen von Anlagen. Da hatten wir hier schon sehr viel Glück.

Was haben Sie sich jetzt für die Deutsche Meisterschaft vorgenommen?

Eigentlich liegt 2020 das Hauptaugenmerk darauf, einfach so schnell zu rennen, wie es geht. Aber klar, die DM, die nimmt man jetzt mit. Ist immerhin eine Meisterschaft. Man will sich natürlich immer so gut wie möglich präsentieren. Nach so einer Zeit hat man auf jeden Fall den Anspruch, zu gewinnen. Andererseits: Nach der 10,08 wäre ich jetzt auch nicht supertraurig, wenn ich Zweiter oder Dritter werden sollte.

Ihr Kaderstatus ist Perspektivkader. Was bedeutet das?

Es ist ein normaler Bundeskaderstatus. Ein höherer Kader wäre Olympiakader, das heißt, am Ende des Jahres Top 12 der Weltrangliste, oder Platz eins bis acht bei Olympischen Spielen oder WM, oder Platz eins bis drei bei einer Europameisterschaft.

Kaum zu schaffen bei der riesigen Konkurrenz weltweit. Anders als bei technisch anspruchsvollen Sportarten wird ja wirklich überall auf der Welt schnell gerannt.

Ja, das ist wirklich nicht einfach. Aber wir haben auch eine Staffel, und mit der ist es schon möglich, auch mal bei einer Europameisterschaft eine Medaille zu holen oder ins Finale zu rennen bei Weltmeisterschaft oder Olympischen Spielen. Dann kann man auch den Olympiakaderstatus erlangen.

Was haben Sie sich vorgenommen?

Nach den Deutschen Meisterschaften mache ich noch ein paar Meetings. Und dann geht es auch relativ bald schon wieder in die Vorbereitung auf nächstes Jahr. 2021 will ich an den Olympischen Spielen teilnehmen.

Was müssen Sie dafür schaffen?

Die Einzelnorm ist 10,05 Sekunden. Da bin ich gar nicht mehr so weit entfernt. Ziel ist aber erst mal, mich mit der Staffel zu qualifizieren. Da sind wir deutlich konkurrenzfähiger als im Einzelrennen.

Wann ist denn damit zu rechnen, dass ein Deutscher unter zehn Sekunden läuft?

Die Frage ist mir zuletzt oft gestellt worden. Ich bin keiner, der sich generell auf Zeiten festlegen möchte. Weil ich mir sonst immer einen Kopf mache: Ich muss jetzt! In der Vergangenheit hat es nie funktioniert bei mir, wenn ich zu viel wollte. Allgemein denke ich, dass in Deutschland eine starke Generation hochkommt - mit sehr vielen jungen Athleten, die alle sehr schnell rennen können. Ich kann mir sehr sehr gut vorstellen, dass es in unserer Generation ein oder zwei Leute gibt, die diese Schallmauer vielleicht durchbrechen können.

Sie sind in einer Disziplin der Leichtathletik unterwegs, in der Doping seit Jahrzehnten eine große Rolle gespielt hat. Wie oft müssen Sie sich da rechtfertigen?

Dadurch, dass die deutschen Sprinter in der Welt nicht so weit vorne sind, müssen wir uns da eigentlich selten rechtfertigen. Wir laufen ja nicht alle ständig 9,80 Sekunden. Wir haben zudem auch ein viel strengeres Testsystem als manch anderes Land. Mittlerweile ist Doping in Deutschland eine Straftat. Und das ist hoffentlich Abschreckung genug für alle.

Ein Großteil der internationalen Konkurrenz läuft in Serie Zeiten unter zehn Sekunden. Haben Sie das Gefühl, dass der 100-Meter-Lauf jetzt dopingbefreit ist?

Gerade bei Fabelleistungen gibt es schon immer so ein Geschmäckle, sage ich als Schwabe. Man kann aber andererseits nicht behaupten, alles unter zehn Sekunden sei verdächtig. Ich laufe ja selbst schon 10,08 Sekunden und ich denke, dass es deutlich talentiertere Sprinter gibt, die dann auch auf jeden Fall unter zehn Sekunden rennen können. Dann aber liest man wieder irgendwelche Nachrichten gerade aus den USA von Athleten, die Tests verpasst haben, aber nicht bestraft werden. Das nervt dann halt schon.

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