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Boccaccio und Corona

Von Reinhard Renneberg , Merseburg

Von Reinhard Renneberg

Wir schreiben das Jahr 1347. Pest in Europa. Zehn junge lebensdurstige Leute gehen in der Nähe von Florenz 1348 freiwillig in Quarantäne. Eben noch gesund beim Frühstück, waren manche Nachbarn schon beim Abendbrot nicht mehr am Leben. Die Ursachen der Pest lagen im Dunkeln. Frische Luft, Sonne, Distanz und gute Laune schienen richtig, um sich zu schützen.

Was machen diese jungen Leute im »Homeoffice« nach der Flucht vor dem Horror? Nun, sie essen, singen und erzählen einander Geschichten. Die meisten Storys sind lustig, einige traurig. Schlechte Nachrichten aus Florenz sind in der Quarantäne übrigens streng untersagt. Das sollte uns Heutigen zu denken geben … Muss man wirklich täglich die Werte der Johns-Hopkins-Forscher für Deutschland sehen?

Das »Decamerone« von Giovanni Boccaccio (1313-1375) mit diesen Geschichten aus Pestzeiten ist ein seit nunmehr 700 Jahren gefeiertes Buch. Ich las es als 14-Jähriger, dem »Giftschrank« meines Papas mit Genehmigung entnommen - auf der Suche nach erhellenden Liebesgeschichten - und habe es soeben in der Zeit der neuen »Pest« wieder in die Hand genommen.

Boccaccio schrieb seinen Novellenzyklus zwischen 1348 und 1353, zur Zeit der großen Pest von Florenz. Der Name »Il Decamerone« leitet sich vom griechischen »deka« (zehn) und »hemera« (Tag) ab und bedeutet »Zehntagebuch«. Der Florentiner schrieb das Decamerone nach dem Pest-Tod seines Vaters. Es wurde gelesen und geliebt von den gleichen Menschen, die die Hälfte ihrer Mitbürger hatten neben sich sterben sehen. Die Novellen selber sind nicht neu, zumeist nacherzählte Familiengeschichten.

Meinen Studenten in Hongkong und Innsbruck erzähle ich übrigens gern (jetzt natürlich über Internet) die Geschichte aus dem »Decamerone« von der schönen jungen Kranken, die einen jungen Arzt liebt und ihn zu sich rufen lässt. Dieser erbittet - nach ausführlicher Begutachtung ihres Körpers - von ihr eine Urinprobe. Der Assistent (nicht der Chef!) verkostet dann den Urin. »Süß!« hieße: »Diabetes« … Das war die erste Beschreibung eines Biosensors (der Zunge des Assistenten) für Glucose in der Literatur, vor 700 Jahren!

Boccaccio beendet im Übrigen das »Decamerone« mit einem Scherz: Man solle ihn nicht als »Leichtgewicht« ansehen, denn in Wahrheit sei er ziemlich fett. Im Italienischen heißt das Wort Novelle sowohl Neuigkeit als auch Geschichte.

Die erste Novelle schon startet lustig, aber es wird immer tragischer, schreckliche Vorfälle, nach denen die Liebenden aber immer ihr Glück finden. Boccaccio schreibt auch, dass die Florentiner während der Pest nicht mehr trauern und weinen konnten.

Nach 10 Tagen kehren die jungen Leute wieder nach Florenz zurück, obwohl die Pest noch andauert. Sie kehren gefestigt zurück, weil sie zusammen gelacht und geweint haben, gelernt haben, die Zukunft zu sehen.

Warum sich mit Kunst zerstreuen, wenn die wahren Geschichten vor der Tür liegen? Der Künstler Robert Filliou sagt:

»Kunst ist, was das Leben interessanter macht als Kunst.«

Und noch etwas, liebe Leser, was ich aus dem Decamerone herausgelesen habe: Memento mori - erinnere Dich daran, dass Du sterben musst - galt für normale Zeiten. Memento vivere - erinnere Dich daran, dass Du leben musst - ist die Botschaft des »Decamerone« für uns aktuell. Bleiben Sie gesund!

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