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Max Kruse

Ein Exzentriker für die Eisernen

Mit der Verpflichtung von Max Kruse holt Union Berlin eine Reizfigur an die Alte Försterei. Bei näherer Betrachtung ergibt sich für Spieler und Verein eine Win-win-Situation.

Von Frank Hellmann

Nun ist die Zahl der Follower in sozialen Medien nicht immer aussagekräftig, um die Beliebtheit eines Fußballvereins oder Fußballers zu bemessen. Aber Hinweise auf die Popularität gibt sie schon. Und dabei zeigt sich, dass ein Spieler wie Max Kruse, der bei der Plattform Instagram mit 410 000 Abonnenten geführt wird, die des Bundesligisten Union Berlin (107 000) bei weitem übersteigt. Macht eine Zusammenarbeit allein deshalb Sinn, weil die Figur weit über die Alte Försterei strahlt?

Es bedarf schon einer näheren Betrachtung, warum die Eisernen und der Exzentriker zusammengefunden haben. Beide besitzen das gewisse Etwas - und verbindet der Ehrgeiz, dem Establishment mit einem anderen Ansatz die Stirn zu bieten. Unverstellt und unangepasst.

Er sei glücklich, »mit Union einen coolen neuen Verein kennenzulernen, der in den letzten Jahren eine tolle Entwicklung genommen hat«, wurde Kruse auf der Website von Union zitiert. Deren Geschäftsführer Oliver Ruhnert wiederum hielt fest: »Dass ein ablösefreier Spieler dieser Qualität sich trotz wirtschaftlich deutlich höher dotierter Angebote für Union entscheiden hat, zeigt, dass Union als Klub mit anderen Werten punkten kann.« Der 32 Jahre alte Kruse ist für das Abenteuer, einen Aufsteiger im verflixten zweiten Jahr fußballerisch auf die nächste Entwicklungsstufe zu führen, offenbar recht leicht zu haben gewesen.

Für beide Seiten könnte sich eine Win-win-Situation ergeben: Der in keine Schablone zu pressende Alleskönner weist noch einmal gehobenes Bundesliga-Niveau nach, der in kein Schema passende Außenseiter schafft eine spielerische Weiterentwicklung. Nur kämpfen, kratzen, beißen wird nächste Saison kaum ausreichen, zumal die Coronakrise wohl weiterhin den Heimvorteil killt. Es ist davon auszugehen, dass der Union-Trainer Urs Fischer seit längerem Überlegungen angestellt hat, wie die Herangehensweise schlau angepasst werden kann. Und Kruse ist nun mal maßgeschneidert für ein gepflegtes Spiel mit Ball.

Kaum einer bewegt sich so stilsicher hinter der ersten Sturmlinie, wie der kaum zu stellende »Unterschiedsspieler« mit dem Feingefühl im linken Fuß. Notfalls holt der Zehner auch mal Bälle hinter der Mittellinie ab, aber der Instinkt lockt ihn bald nach vorne, und wenn Angriffszüge zu versanden drohen, hat meist er die richtige Lösung parat - selbst wenn der Nutella-Liebhaber mal ein paar Pfunde zu viel auf den Rippen herumschleppt. Ihm gefällt die Rolle als Einfädler, er hat sich mit den Jahren immer mehr zum Spezialist für den letzten und vorletzten Pass entwickelt. Wobei er immer noch selbst genug Tore schießt. Bislang waren es 74 Treffer (und 68 Vorlagen) in 250 Bundesligaspielen. Und was nicht in den Statistiken steht, verriet sein letzter Bundesliga-Trainer Florian Kohfeldt bei Werder Bremen: Kruse ist derjenige, der gerne auch gegenüber seinen Vorgesetzten anspricht, was Sache ist. Solche Querdenker, die mit Reibung noch Leistung erzeugen, sind ganz, ganz selten geworden.

Union Berlin hat mit dem Kruse-Coup die Gunst der Stunde genutzt: Nach seinem einjährigen Gastspiel bei Fenerbahce Istanbul war der 14-fache Nationalspieler wegen ausgebliebener Gehaltszahlungen auf Vereinssuche. Die digitale Welt nutzt das Pokerface überaus clever, um die Deutungshoheit zu erlangen. Seine Absage an Werder erfolgte gerade auf diesem Weg. »Ich habe von Anfang an gesagt, dass eine Rückkehr zu Werder nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit hat.« Das Thema sei in der Öffentlichkeit »hochgepusht worden.« Die Erwartungshaltung an der Weser wäre vermutlich ins Unermessliche gestiegen.

Der gebürtige Reinbeker ging bei Werder im Vorjahr als Kapitän von Bord - und ohne ihn wäre das Team fast abgestiegen. Der Offensivallrounder hat überdies bereits für den FC St. Pauli, SC Freiburg, Borussia Mönchengladbach und VfL Wolfsburg gespielt, wo ihm sein damaliger Berater Thomas Strunz angeblich ein Salär von sechs Millionen Euro ausgehandelt hatte. Kruse sieht kein Problem darin, seinen Reichtum beispielsweise mit protzigen Autos zu zeigen, aber mitunter hat er es auch definitiv übertrieben: Einmal vergaß er bei einer nächtlichen Spritztour in Berlin einen erheblichen Geldbetrag in einem Taxi auf dem Rücksitz - und bald war das Tischtuch mit dem Werksverein zerschnitten.

Als Ausweg kam seine erste Profistation Bremen wieder ins Spiel - dort spielte er von 2016 bis 2019 drei Spielzeiten so stark, dass gar eine Rückkehr in die Nationalmannschaft im Raum stand. Bundestrainer Joachim Löw aber hatte den Charakterkopf Kruse bereits im Frühjahr 2016 suspendiert. Unsolider Lebenswandel, wechselnde Lebensgefährtinnen: Das vertrug sich nicht mit dem Ehrenkodex, den sich die DFB-Auswahl gegeben hatte.

Bei Kruses aktueller Arbeitsplatzwahl dürfte es eine Rolle gespielt haben, dass gestandene Bundesligaspieler wie Christian Gentner, Anthony Ujah oder Neven Subotic ihren Wechsel nach Berlin-Köpenick nie bereut haben. Dass die Hauptstadt ganz nebenbei genügend Abwechslung abseits des Fußballplatzes bietet - diesen Aspekt hat Max Kruse sicherlich auch einfließen lassen.

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