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Glücksversprechen mit Haken

Vivantes wirbt Pflegekräfte für deutsche Patienten im Ausland an. Aber nur, wenn das Land nicht auf der Roten Liste steht

  • Von Pola Kapuste
  • Lesedauer: 8 Min.

Wendy kommt gerade noch rechtzeitig am Aufzug der Berlitz Sprachschule in Mexiko Stadt an, um Rita Möbus und Dr. René Herrmann ihre Kugelschreiber zu überreichen. Der eine endet in der Figur einer Kuh, der andere wird zu einem Eis am Stiel. Gegenstände, die nicht recht passen wollen zum blassen Dr. Herrmann, Geschäftsführer des Vivantes Forum für Senioren GmbH, und zur abgeklärten Frau Möbus von der zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit. Doch die Geste zählt.

Wendy mag auch große Worte. Die 33-Jährige versichert den beiden Deutschen, dass sie hier, im Recruiting Programm für Pflegekräfte aus dem Ausland, gerade ihren Lebenstraum verwirklicht. Die mexikanische Pathetik wird mit deutschen Dankesfloskeln beantwortet. Als der Aufzug ankommt und Wendy geht, sagt Herrmann: »Das ist die mit den drei Jobs, die muss sie bald nicht mehr machen.«

Später, auf dem Weg in die Raucherpause, erklärt Möbus das Verfahren, das die mexikanischen Krankenpfleger*innen durchlaufen müssen, um in Berlin arbeiten zu können. Im Erdgeschoss der riesigen Einkaufsmall »Plaza Polanco« angekommen, wird langsam klar, wie es geht: Die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit wirbt bereits seit drei Jahren mexikanische Pflegekräfte für Deutschlands Alte und Kranke an. Für Herrmann und das Vivantes Forum ist dies jedoch die erste Rekrutierung aus Mexiko. In enger Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit hat Herrmann für Vivantes im November vergangenen Jahres unter 70 Bewerbern 37 Pfleger*innen ausgewählt. Aktuell lernen sie hier in der Berlitz-Sprachschule die deutsche Sprache bis zum Niveau B2. Herrmann ist nach Mexiko gekommen, um die drei Klassen zu besuchen, sich die Fortschritte seiner zukünftigen Mitarbeiter*innen anzuschauen und ihre Fragen zu beantworten.

Die Vivantes Forum für Senioren GmbH ist eine Tochtergesellschaft des Vivantes Netzwerks, fokussiert sich auf Altenpflege und hat in Berlin circa 2380 vollstationäre Pflegeplätze. Seit über sechs Jahren wirbt Herrmann bereits Fachkräfte in Vietnam an, von seinen insgesamt 1700 Mitarbeiter*innen seien inzwischen circa zehn bis 15 Prozent aus dem Ausland angeworben, so Herrmann. Abwechselnd mit der rauchenden Frau Möbus erklärt er, dass die 37 Mexikaner*innen im November nach Deutschland kommen, dann einen Anerkennungskurs belegen werden, in dem die Lücke geschlossen wird, die aus den Unterschieden zwischen der mexikanischen und der deutschen Ausbildung zu Pflegefachkraft resultiert. Das soll nicht länger als sechs bis acht Monate dauern. Parallel arbeiten sie bereits als Hilfskräfte bei Vivantes. Haben sie dann ihr Arbeitsvisum erhalten, können sie als vollwertige Fachkraft arbeiten.

»Fachkräftegewinnung aus dem Ausland ist nicht wie bei McDonalds: Du fährst nicht ran, bestellst und bekommst geliefert. Das ist ein steiniger Weg mit vielen Vorschriften, die auch wichtig sind«, sagt Herrmann. Irgendwie ist er eine Mischung aus Großhändler, der kommt, um seine Ware zu begutachten, und Träumeverwirklicher, der armen Mexikaner*innen die schweren Tore nach Europa öffnet. Zwei Jahre sind die Arbeiter*innen vertraglich an Vivantes gebunden, anschließend können sie sich unbegrenzt weiterbilden und hocharbeiten, so Herrmann. »Ich habe aktuell fünf Einrichtungsmanagerinnen, die bei uns mal als Auszubildende angefangen haben«, erklärt er stolz. Seine Stimme quietscht ein bisschen, der Mann mit dem rotblonden Haar ist in seinem Element. Heute Morgen ist er aus Frankfurt nach Mexiko Stadt geflogen, heute Nachmittag geht es zurück, ein 72-Stunden-Trip. Solche Reisen machten ihm nichts aus, sagt er mit zuckenden Augen und taucht wieder ein ins Labyrinth der Auslandspersonalfachkraftgewinnung.

In Deutschland kommen auf 100 vom Arbeitsamt ausgeschriebene Stellen für Altenpfleger im Schnitt nur 22 arbeitslose Fachkräfte. Und das, obwohl erfahrungsgemäß nur jede zweite Stelle bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldet wird. Trotz schlechtem Ruf, harten Arbeitsbedingungen, wenig Wertschätzung und niedrigem Gehalt ist die Zahl der Beschäftigten in den letzten Jahren gestiegen. Doch es reicht trotzdem nicht. Denn viele der neuen Pfleger*innen arbeiten nur in Teilzeit, und wegen der Alterung unserer Gesellschaft steigt der Bedarf schneller als die Zahl der Beschäftigten.

Wendy, die Pflegerin mit den Kugelschreibern, ist heute Morgen um 5.30 Uhr aufgestanden. Um 6.15 Uhr verließ sie ihre Sozialwohnung in der Colonia Agrícola Pantitlan, um zwei Stunden später in der Sprachschule im schicken Polanco anzukommen, wie jeden Morgen. Drei Jobs gleichzeitig hatte sie allerdings noch nie. Da müsse Dr. Herrmann wohl etwas verwechseln. Ihr breites Zahnspangenlächeln wird von ihren pink geschminkten Lippen umrahmt. Sie sind so pink wie ihre Federtasche, ihr Stift und ihre Handyhülle.

Man sieht Wendy die zwei Studienabschlüsse, einer als Jahrgangsbeste, nicht an. Beobachtet man sie im Unterricht, fällt ihr scheinbar unstillbarer Wissensdurst aber schnell auf. Am Ende der morgendlichen Fragerunde mit Herrmann fragt Möbus nach den nächsten Unterrichtsthemen. Wendy ruft begeistert: »In diesem Moment, ich habe noch nicht Hausaufgaben, aber ich habe eine zum Beispiel.« Möbus blickt etwas verwirrt in ihr strahlendes Gesicht.

Wendy beschreibt sich selbst als Bücherwurm. Deutschland kenne sie vor allem durch Fernsehsendungen der Deutschen Welle. »Die Kunstmuseen und die riesigen Bibliotheken in Europa faszinieren mich, ich kann mir gut vorstellen, auf lange Sicht in Deutschland zu bleiben«, erklärt sie nach dem Kurs auf Spanisch. Auch von dem deutschen Recruitingprogramm für Pflegekräfte aus dem Ausland habe sie zum ersten Mal in den Nachrichten der Deutschen Welle gehört. Sie sah sie mit ihrem kleinen Bruder, Alexis. Der habe gefragt: »Traust du dich?«, und ihr wenig später einen Deutschkurs geschenkt. »Mein Bruder hat mich am meisten dazu ermuntert, diese Chance wahrzunehmen«, erzählt Wendy. Der erste Deutschkurs sei ihr sehr schwergefallen, aufgegeben hat sie trotzdem nicht.

»Dass ich jetzt hier stehe, liegt auch an meiner Mutter. Sie sagte uns immer, dass wir nie stehen bleiben, uns immer weiterbilden sollen, komme, was wolle. Als ich ihr dann meine Abschlussurkunde mit meiner Medaille als Jahrgangsbeste überreichte, konnte ich ihr endlich beweisen, dass ich auf sie gehört habe.« Wendy spricht meistens, als würde sie gerade eine Dankesrede vor großem Publikum halten. Dann lacht sie wieder über ihre eigene Rührseligkeit und erzählt schüchtern über den schwierigen Teil ihres Lebens.

2011 spendete ihr damaliger Freund seinem Bruder eine Niere. Wendy, damals 24 Jahre alt und mit einem abgeschlossenen PR-Studium, pflegte ihn nach der Operation ein Jahr lang, lernte viel über den Beruf und fand in ihm ihre Berufung, wie sie sagt. Sie absolvierte das vierjährige Studium und das in Mexiko übliche Jahr Praktikum. Danach arbeitete sie vier Jahre lang beim Instituto de Salud del Estado de México (ISEM), bevor sie sich für das Programm der deutschen Arbeitsagentur bewarb.

Nicht nur in Zeiten von Corona ist Wendy auf dem Markt Gold wert. Und Herrmann ist der glückliche Finder. Mexikanische Pfleger*innen sind sehr gut ausgebildet, finden aber in ihrem Land kaum Arbeit. Und wenn, nur unter prekären Bedingungen. Denn die mexikanische Regierung gibt nur 5,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts für den Gesundheitssektor aus. In Deutschland sind es über elf Prozent. In mexikanischen Einrichtungen wird deshalb noch mehr gespart als in Deutschland, vor allem am Personal.

Wendy arbeitete 40 Stunden die Woche für 10 000 Pesos im Monat, umgerechnet circa 370 Euro. Sie erzählt, dass sie in den vier Jahren beim ISEM, das als einer der guten Arbeitgeber gilt, immer nur Arbeitsverträge über drei bis vier Monate bekam. In der ganzen Zeit gab es keinen einzigen bezahlten Urlaubstag, kein Weihnachtsgeld, keine Bezahlung im Krankheitsfall und keine Krankenversicherung. All das wird sie in Deutschland bekommen, plus ein Einstiegsgehalt als Pflegefachkraft von 3006 Euro und monatliche Zulagen von durchschnittlich 300 Euro. In Mexiko gehen genügend ausgebildete Pflegekräfte von der Uni. In Krankenhäusern fehlen sie jedoch, weil es kein Geld gibt, sie zu bezahlen. Nimmt Herrmann dem Land also die Fachkräfte weg?

»Auf der WHO-Liste steht, aus welchen Ländern man keine Fachkräfte exportieren darf. Klassisches Beispiel: Indien, das ist auf der Roten Liste.« Der Großhändler in Herrmann kommt wieder durch. Schnell werden ausländische Fachkräfte zu vom Aussterben bedrohten Tieren, die man nur schießen oder mitnehmen darf, wenn sie nicht auf roten Listen stehen. Die besagte Liste stammt aus dem Jahr 2006. Aus einer WHO-Liste von 2017 geht hervor, dass Deutschland 132 Pfleger*innen und Geburtshelfer*innen pro 10 000 Einwohner*innen hat, in Mexiko waren es im selben Jahr 25.

Mexiko verfügte mit Chile und Türkei unter allen OECD-Mitgliedsstaaten 2015 über die wenigsten Krankenschwestern pro Kopf (weniger als drei pro 1000 Einwohner) und pro Arzt oder Ärztin (weniger als 1,2). Das sagt eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. In Deutschland gab es im Vergleich 13,3 Pfleger*innen pro 1000 Einwohner*innen und 3,2 pro Arzt. Herrmann gibt die Verantwortung weiter. Er wäre gar nicht hier, wenn das Programm nicht über die zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit und die mexikanische Arbeitsagentur Servicio Nacional de Empleo (SNE) laufen würde. Außerdem hätten die Mitarbeiter*innen, die sie hier casten, vielleicht eine Teilzeit- oder Minimalbeschäftigung im Krankenhaus oder Altenheim. Sie seien »dann im Zweitjob noch private Pfleger für jemanden. Und im Drittjob, keine Ahnung, vielleicht auch noch Putzfrau«, sagt er.

Wendy hat ihre Vollzeitstelle im Krankenhaus aufgegeben, um nach Deutschland zu gehen. Hier, im kleinen Kreis seiner zukünftigen Mitarbeiter*innen, ist Herrmann jedenfalls der, der Träume wahr werden lässt. Zum Abschied wird ihm vom gesamten Kurs ein Geschenkkorb überreicht, neben dem Süßigkeitenautomaten im Eingangsbereich werden Fotos geschossen. Für Wendy ist der Weg nach Deutschland mehr als nur ein Job. Niemand ihrer Verwandten hat jemals Mexiko verlassen. Sie hat zwei Studienabschlüsse und wird in Europa arbeiten. Vor allem die Frauen ihrer Familie sehen in Wendys Zukunft die Erfüllung der eigenen heimlichen Träume, erzählt sie. »Sie haben alle geheiratet und Kinder bekommen, obwohl sie gerne gereist wären. Ich bin 33 und habe mich nur auf meine Ausbildung konzentriert.«

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