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Schulstart mit hoher Risikobelastung

Die Berliner GEW-Vorsitzende Doreen Siebernik rechnet mit erneuten Schließungen von Bildungsstätten

  • Von Jérôme Lombard
  • Lesedauer: 5 Min.

Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) freut sich, dass nach sechs Wochen Sommerferien am heutigen Montag das neue Schuljahr wieder im Regelbetrieb mit Anwesenheitspflicht startet. Trotz der weiter um sich greifenden Corona-Pandemie will Scheeres alle Schüler ohne Mund-Nasen-Schutz und Abstandsgebot in den Unterricht schicken. Spielt die Senatorin mit der Gesundheit von Schülern und Lehrern?

Die Schulstarts stellen zweifelsohne eine enorm hohe Risikobelastung für alle Beteiligten dar. Es herrscht eine riesige Unsicherheit darüber, wie der Schulalltag in der neuen Normalität mit den widersprüchlichen Hygiene- und Schutzmaßnahmen aussehen soll. Die Schulen sehen sich ab Tag eins des neuen Schuljahres mit einer äußerst schwierigen Situation konfrontiert. Viele Lehrkräfte sind wütend und in großer Sorge. Eine Kollegin drückte ihre Gefühlslage so aus: »Wir haben das Ticket für die ›Titanic‹ gebucht und wissen nicht, wann der Eisberg kommt.«

Finden Sie es aus pädagogischer Sicht denn nicht wichtig, dass die Schüler nach Monaten des Fernunterrichts nun wieder in die Schulen dürfen?

Das Recht auf Bildung ist ein hohes Gut. Wir müssen alles dafür tun, dass es bei den Schülerinnen und Schülern ankommt. Es ist aber doch keineswegs so, dass vor den Sommerferien keine Schülerinnen und Schülern in den Klassenräumen waren. Nur wurde eben den Corona-Bedingungen Rechnung getragen und in kleinen, geteilten und festen Gruppen unterrichtet. Dadurch konnte im Infektionsfall schnell reagiert werden, die Lernatmosphäre war vielfach hervorragend. Mit diesen Regelungen haben die Berliner Lehrkräfte gute Erfahrungen gemacht. Frau Scheeres wirft diese schnöde über den Haufen. Sie drückt einfach die Reset-Taste und tut so, als wäre nichts gewesen. Ich finde es unverantwortlich, die Gruppen- und Klassengrößen wieder auf das Vor-Corona-Niveau anzuheben und auf Abstandsregeln zu verzichten.

Auch in Hamburg und NRW hat das Schuljahr gerade begonnen. Dort besteht eine Maskenpflicht sowohl in Gemeinschaftsräumen als auch im Klassenzimmer. Wieso verzichtet man in Berlin darauf?

Pädagogik braucht das offene Gesicht. Die Kommunikation im Unterricht funktioniert nur mit klarer Mimik und Gestik. Die Entscheidung, auf die Maske im Klassenzimmer zu verzichten, finde ich richtig. Aus meiner Sicht ist es ohnehin nicht praktikabel, dass Schülerinnen und Schüler komplett von 8 bis 15.30 Uhr überall in ihrer Schule eine Stoffmaske tragen. Gerade auch jetzt in sommerlicher Hitze ist das eine Zumutung. Das eigentliche Problem ist doch, dass die Klassen an vielen Schulen viel zu groß sind. Das ist schlecht für die Lernatmosphäre und in Corona-Zeiten brandgefährlich.

Mit den ganzen Lockerungen steigt das Infektionsrisiko. Risikogruppen unter den Lehrkräften sind vom Präsenzunterricht befreit, versichert der Senat. Alle Pädagogen sollen sich an Teststellen regelmäßig kostenfrei checken lassen. Sind die Kollegen mit den Schutzmaßnahmen zufrieden?

Nein! Die Kolleginnen und Kollegen sind überhaupt nicht zufrieden. Sie sehen vielmehr, wie die Bildungssenatorin die Verantwortung für Hygiene- und Schutzmaßnahmen auf die einzelnen Schulen abwälzt. Der Senat fordert etwa die Schulleitungen auf, zu prüfen, ob Lehrkräfte, die aufgrund ihres Alters oder wegen Vorerkrankungen zur Corona-Risikogruppe gehören, trotz ärztlichem Attest in der Schule eingesetzt werden können. Wie die Schulleitungen als Nicht-Mediziner das beurteilen sollen, ist völlig unklar. Hier werden Schulleitungen und Lehrkräfte in Konflikte gestürzt, die für beide Seiten unzumutbar sind. Die kostenlosen Teststellen sind grundsätzlich eine gute Idee. Wie praktikabel das Ganze ist, bleibt fraglich. Mit den Belastungen in diesem Schuljahr wird sich zeigen, wie viele Lehrkräfte die Kraft aufbringen werden, nach der Arbeit regelmäßig zu einer Teststelle zu fahren.

In Berlin herrscht chronischer Lehrermangel. Zum Schulstart hat Scheeres verkündet, dass von den 2547 neuen Stellen das Gros von 2500 bereits besetzt ist. Wollen Sie die Senatorin für die guten Einstellungszahlen nicht einmal loben?

Ich würde die Senatorin gerne loben. Nur leider suggeriert sie mit diesen Zahlen eine Situation, die nicht der Realität entspricht. Rechentricks verschleiern, wie groß der Fachkräftemangel wirklich ist. Unter den 2500 Neueingestellten sind viele Quereinsteigende und Teilzeitkräfte. Beide Gruppen stehen nicht für die volle Berliner Stundentafel zur Verfügung. Hinzu kommt, dass wir aktuell nicht wissen, wie viele Kolleginnen und Kollegen im Homeoffice arbeiten werden. Scheeres spricht von sieben Prozent aller Berliner Lehrkräfte, die zur Risikogruppe gehören. Vor den Ferien war noch von 15 Prozent die Rede. Ob unter diesen Voraussetzungen ein Regelbetrieb starten kann, steht an vielen Schulen massiv in Frage.

Wie sich der Regelschulbetrieb in den nächsten Wochen und Monate entwickeln wird, kann noch niemand sagen. Der Pandemietrend ist derzeit jedenfalls eindeutig: Die Zahlen steigen. Für wie wahrscheinlich halten Sie erneute Schulschließungen oder gar einen Lockdown?

Ich gehe davon aus, dass es absehbar wieder zu Schul- und Klassenschließungen in Berlin kommen wird. Auch einen erneuten Lockdown kann niemand ausschließen. Die Reiserückkehrwelle ist angekommen. Viele Berlinerinnen und Berliner sind auch aus Risikogebieten wieder da. Ein individuelles Vorgehen gegenüber Schülerinnen und Schülern, die aus dem Urlaub zurückgekehrt sind, ist für Lehrkräfte kaum möglich, da weder die Eltern noch die Kinder ihr Urlaubsziel nennen müssen. Es ist zudem unklar, wer wie in der Pflicht ist, den Hintergrund zu prüfen, wenn zum Beispiel ein Kind mit Schnupfen und Kopfweh in die Schule kommt. Dieser Umstand, gemischt mit dem Wegfall der Abstandsregel und der Rückkehr zu übergroßen Klassen, macht mir große Sorgen. Umso ärgerlicher ist es, dass der Plan B fehlt. Der Bildungssenat hat es in den Ferien versäumt, ein nachhaltiges Corona-Schulkonzept zu erarbeiten. Wir als GEW haben Hilfe angeboten. Diese wurde bisher nicht wahrgenommen.

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