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Im Alter ohne »Heimat«

Rohnstock-Gespräche über die Misere in Seniorenheimen, die Auswirkungen der Coronakrise und über die Bedeutung von Musik

  • Von Lisa Ecke
  • Lesedauer: 5 Min.

»Finanziell schlecht abgesichert und nicht aus freiwilligen Stücken«, beschreibt Uta Sadowski-Lehmann im digitalen Erzählsalon die 800 000 Menschen aus den neuen Bundesländern, die um 1990 »plötzlich quasi über Nacht und im Eiltempo beruflich ausgegliedert und in den Vorruhestand geschickt wurden.« Die Soziologin ist die erste Teilnehmerin, die vergangene Woche ihre Erfahrungen zum Thema Altenpflege teilte. Der sogenannte Erzählsalon ist einer von 20 in diesem Sommer, Anlass: »30 Jahre Deutsche Einheit«. Initiiert von der Firma Rohnstock Biografien, gefördert vom Bundesbeauftragten für die neuen Bundesländer, erzählen hier Menschen von ihren Lebenserfahrungen, unter Pandemiebedingungen aktuell nur noch online.

Sadowski-Lehmann berichtet, wie sie einst an der Charité eine Pilotstudie dazu gemacht habe, wie Menschen aus der DDR diesen vorzeitigen Berufsaustritt bewältigten. In den Untersuchungen habe sich gezeigt, dass circa die Hälfte der Befragten eine Chance in dem Umbruch sahen, während die anderen gesagt hatten: »Das ist eine Katastrophe. Es ist nicht nur grade das Gesellschaftssystem zusammengebrochen, sondern auch unsere persönliche Existenz.« Im Anschluss spricht Tobias Ittner, 1993 in Sachsen geboren und der Jüngste der Salongäste. Er arbeitet als Wohnbereichsleiter im Seniorenzentrum, hatte etwas mit und für Menschen machen wollen. Diesen Wunsch habe er aber auf gewisse Weise versucht abzulegen. Es wäre kaum möglich, eine qualitativ gute Pflege zu leisten und die Individualität der Menschen zu berücksichtigen. »Wenn ich mehrere Bewohner habe, die länger schlafen wollen, ich mich aber so organisieren muss, dass ich rechtezeitig fertig werde, entstehen nun mal Konfliktsituationen«, erklärt Ittner. »Man merkt schon beim Dienstplanschreiben, dass man es quasi 90 Prozent nicht recht machen kann, und die anderen zehn Prozent freuen sich auch nicht.«

Ein wenig klingt er schon jetzt, in jungen Jahren, desillusioniert. Auch Quereinsteiger seien eine Herausforderung. »Wir haben jemanden im Team, der vorher die Reinigung im Haus gemacht hat.« Man könne aber nicht einfach sagen, »der Opa ist jetzt satt und sauber, und damit sind wir fröhlich«. Ittner will seinen Job gut machen. Der Umgang mit den Heimbewohnern sei aber herausfordernd. Die Diskrepanz zwischen Betreuungs- und Pflegefachkräften sei teils sehr spürbar, fasst er zusammen.

Luiz Ramalho war ebenfalls Teil des Erzählsalons, 1952 in Rio de Janeiro geboren und in den 1970ern nach Deutschland geflohen. Der Rentner sagt, er habe sich im Vorfeld des Salons gefragt: »Wo gehöre ich im Alter eigentlich hin? Was ist meine Heimat?« Er komme aus einer relativ armen Familie, in der das Arbeiten wichtig war. »Diese Abgrenzung, der Bedeutungsverlust der Existenz und Identität, wenn man aus dem Berufsleben ausscheidet«, sei schwierig. Gelöst habe er sein Problem durch ehrenamtliches Engagement. Doch jetzt, während der Corona-Pandemie, ist das kaum möglich, er gehört zur Risikogruppe. »Das war für mich ein Schock«, sagt er. Andererseits habe ihn die Pandemie berührt, er sei dankbar, wie viele Menschen sich Sorgen machen und Masken tragen. Es müssten aber auch Lektionen aus der Krise gelernt werden: »Es braucht radikale Veränderung. Die Pflege braucht Wertschätzung, auch in Form von Ressourcen.«

Als die 83 Jahre alte Ulla Fischer anfängt zu erzählen, wirkt sie berührt. Sie beginnt damit, wie sie früher in Erfurt als Krankenschwester gearbeitet hat. »Auf den damaligen Stationen hatten wir sehr viel mehr Zeit.« Sie berichtet von Situationen, in denen sie Patienten mit Musik helfen konnte. Das heutige Pflegepersonal bedauere sie darum, diese schönen Erlebnisse nicht mehr haben zu können. An ihre jüngeren Vorredner appelliert sie, mit den alten Menschen zu musizieren. »Musik ist das Medium, das uns von Geburt bis zum Sterben begleitet«, gerät sie ins Schwärmen.

Sie schaut nun beim Erzählen immer öfter zur Decke, beginnt auf einmal, von ihrer Kindheit in Weimar zu erzählen. Sie habe auf einem Berg gegenüber dem Ettersberg gewohnt, wo später Verbrennungsöfen standen. »Über Weimar lag immer eine Nebelschicht.« Mit geschlossenen Augen berichtet sie: »Ich bin 37 geboren, 43 in die Schule gekommen, 44, 45 waren dann diese Nebelschichten über Weimar zu sehen. Ich erinnere mich auch an den Geruch.« Immer noch sei sie durch die Erfahrung furchtbar geruchsempfindlich. Andererseits gäbe es Berichte aus Konzentrationslagern, in denen Musik gespielt wurde, wodurch die Menschen »für ein paar Minuten ihre fürchterliche Situation vergessen« konnten. Musik sei ein Medium, das Menschen in ihre innersten Regionen führen könne. »Mit dem Singen kommen auf einmal die Erinnerungen«, erzählt sie, jetzt wieder mit einem Lächeln.

Die Letzte in der Runde ist Sarah Bertram. Sie habe im Beruf Demut gelernt - vor dem Alter, den Biografien. Die Praxisanleiterin betonte die Bedeutung der Internationalität. »Es ist eine notwendige Maßnahme und birgt ein Potenzial, das uns in der Altenpflege (…), verbunden mit dem demografischen Wandel nur positiv beeinflussen kann.« Es gebe aber auch Schwierigkeiten: Letztes Jahr hätten drei Tunesier die Altenpflegeausbildung über eine Vermittlungsfirma angefangen. Sie wussten weder etwas von Mietkautionen noch von brutto und netto. Dazu kam, dass ihr Vermittler ihnen umgerechnet 3000 Euro abgeknöpft hatte. »Der hat ihnen den Himmel auf Erden versprochen, (…) wir haben uns dann dafür eingesetzt, dass sie hier gut starten, das sie Wohnraum bekommen.«

Der nächste Digitale Erzählsalon findet am 11.8.2020 um 18 Uhr zum Thema Familie statt. https://deine-geschichte-unsere-zukunft.de

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