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Digitale Bildungsungleichheit

Die Coronakrise treibt die Digitalisierung voran, bei dem Tempo können aber viele nicht mithalten

  • Von Markus Drescher
  • Lesedauer: 4 Min.

Bis zur Coronakrise war die Digitalisierung in Deutschland ein eher schleichender Prozess, verglichen mit Tempo und Umfang der derzeitigen Entwicklungen. Arbeit, Schule Freizeit: Immer größere Teile des Coronaalltags spielen sich - zumindest temporär - im Netz ab. Daran teilhaben kann allerdings nur, wer auch Zugang in die digitale Welt hat. Ein Leben offline bedeutet heute noch mehr als vor der Krise gesellschaftlichen Ausschluss.

Arme Kinder offline

Mit Schulbeginn sind davon nun erneut viele Kinder und Jugendliche betroffen, die nicht die Möglichkeit haben, online zu gehen - sei es wegen eines fehlenden Internetzugangs zu Hause oder weil sie keinen Computer, Laptop oder Tablet haben. Hatten Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien schon vor der Krise ungleich geringere Bildungschancen als diejenigen aus finanzstarken Haushalten, vergrößert die Coronakrise diese Kluft noch einmal deutlich.

Wie die Bertelsmann-Stiftung Ende Juli in einer Studie zur Kinderarmut feststellte, erhalte fast jedes siebte Kind (13,8 Prozent) in Deutschland Leistungen der Grundsicherung und wiederum 24 Prozent dieser Kinder hätten keinen internetfähigen PC im Haushalt. Auf nötige Maßnahmen gegen und mögliche Folgen dieser verwehrten Teilhabe machte Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK, aufmerksam: »Um Kindern gleiche Chancen zu garantieren, ist es auch wichtig, dass alle Kinder am digitalen Unterricht teilnehmen können. Hierfür müssen Kindern kostenlos entsprechende Geräte zur Verfügung gestellt werden. Denn Bildungsarmut führt später oft zu Einkommens- und Altersarmut. Diesen Armutskreislauf müssen wir durchbrechen.«

Zwar ist es erklärtes Ziel, dass die Schulen nach dem Ferienende wieder zu Normalität und Präsenzunterricht zurückkehren sollen, doch wird es auf unabsehbare Zeit weiterhin auch Phasen des Homeschooling geben. Sei es aus Platz- und Lehrermangel, sei es, weil einzelne Schulen aufgrund eines Infektionsgeschehens erneut geschlossen werden müssen. In Mecklenburg-Vorpommern etwa war die erste Schulwoche noch nicht vorbei, da mussten am vergangenen Freitag zwei Schulen - eine Grundschule in Graal-Müritz nahe Rostock und ein Gymnasium in Ludwigslust - coronabedingt schon wieder dicht gemacht werden.

Auch wurde beim Bund und in vielen Ländern durchaus das Problem erkannt, dass Kinder beim digitalen Unterricht aufgrund ihrer finanziellen Lage benachteiligt werden und es wird versucht gegenzusteuern. Allerdings gibt es auch hier ein Aber. Denn pünktlich zum Schulbeginn ist man von einer digitalen Chancengleichheit Bildung zu erwerben noch weit entfernt.

So kritisiert etwa die Linkspartei in Mecklenburg-Vorpommern, dass »die Schule längst begonnen« habe, »aber ein geregeltes Homeschooling ist für viele Schülerinnen und Schüler auf absehbare Zeit nicht möglich« sei, so Simone Oldenburg, bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Landtag. Die Landesregierung habe versäumt, die Voraussetzungen dafür zu schaffen und gerade vor dem Hintergrund der erneuten Schulschließungen sei das eine Katastrophe. Der Bildungsministerin sei es nicht gelungen, »die Verteilung der zehn Millionen Euro aus dem Digitalpakt und einer Million Euro Landesgeld für Leihgeräte auf den Weg zu bringen«.

Frauen benachteiligt

Neben der schulischen ist auch die in der Diskussion um digitale Chancengleichheit ungleich weniger häufig genannte Erwachsenenbildung von den Coronaauswirkungen betroffen -, die auch vor allem Frauen eine Teilhabe schwer machen. So berichtete das Frauen Computer Zentrum Berlin, dass die digitalen Angebote des Vereins »nicht alle Teilnehmerinnen problemlos nutzen« könnten.

Zur notwendigen Ausstattung, die sich nicht jeder leisten könne, müssten »die Frauen bereits genug digitale Kompetenzen erworben haben, um damit auch umgehen zu können - das ist insbesondere für Anfängerinnen nicht leicht«, heißt es in einem Blogeintrag auf der Seite der Bildungseinrichtung. Zudem bräuchten sie »Ruhe und einen freien Kopf, um die Lernaufgaben bewältigen zu können«. Dies sei angesichts privater Verpflichtungen, beengter Wohnverhältnisse, durch die Schul- und Kitaschließungen eine große Herausforderung.

Derlei Hürden erforderten viel Motivation und Durchhaltewillen, »um diese Probleme gemeinsam zu überwinden und kreative Lösungen zu finden, um auch im Bildungsbereich «keine zurückzulassen».« Generell brauche es außerdem weitere »Anstrengungen von Seiten der ganzen Gesellschaft, den Digital Gender Gap zu schließen«.

Tatsächlich tat sich schon vor der Krise eine Lücke zwischen Männern und Frauen auf, was den Digitalisierungsgrad betrifft. So konstatierte die Studie »Digital Gender Gap - Lagebild zu Gender(un)gleichheiten in der digitalisierten Welt« des Kompetenzzentrums Technik-Diversity-Chancengleichheit der Hochschule Osnabrück und der Initiative D21 von Anfang dieses Jahres anhand Indexes erhebliche Unterschiede.

In allen vier Bereichen, aus denen sich der Gesamtindex zusammensetzt - Zugang zur Digitalisierung, Nutzungsverhalten in der digitalen Welt, digitale Kompetenz und Offenheit gegenüber Digitalisierung - wies die Kategorie Frauen eine niedrigere Punktzahl auf, im Umfang von 6 bis 12 Indexpunkten.

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