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Lira-Absturz mit Ansage

Erdogans Wirtschafts- und Außenpolitik hat das Land in eine Sackgasse geführt

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.

Recep Tayyip Erdogans neo-osmanisches Reich steht auf tönernen Füßen, zumindest was die Volkswirtschaft und die Landeswährung betrifft. Die türkische Lira hat ihre Talfahrt in den vergangenen Tagen sogar beschleunigt. Zum Wochenstart fiel der Kurs gegenüber Euro und US-Dollar auf neue Allzeittiefs. Zuvor hatte die Notenbank in Ankara bekannt gegeben, sie müsse notgedrungen die Stützungsmaßnahmen zurückfahren - ihr gehen die Devisen aus.

Der Kursverfall ist massiv. Vor nicht einmal drei Jahren war die Währung gegenüber dem Euro noch doppelt so viel wert. Nun warnen Beobachter vor einer möglichen Zahlungsunfähigkeit und argentinischen Verhältnissen am Bosporus. Es stehe »das Risiko einer Zahlungsbilanzkrise im Raum«, warnen die Volkswirte der Landesbank Baden-Württemberg.

Finanzen und Wirtschaft der Türkei galten schon vor Corona als anfällig. Vor einem Jahr setzte Präsident Erdogan nach mehrfacher Kritik an der Geldpolitik den Gouverneur der eigentlich unabhängigen Zentralbank, Murat Cetinkaya, ab. Um die hohe Inflation zu drosseln und vor allem den Wechselkurs der Lira stabil zu halten, hatten die Notenbanker den Leitzins bis auf rekordverdächtige 24 Prozent angehoben. Ein günstigerer Wechselkurs ist für die Türkei wichtig, da die Importe die Exporte beständig übersteigen und diese in Dollar oder Euro bezahlt werden müssen.

Die Türkei steckt seit einiger Zeit in einer wirtschaftspolitischen Sackgasse. Die hohen Zinssätze drohten das ohnehin lahmende Wirtschaftswachstum ganz zu stoppen. Der nachholende Boom mit jährlich fast zweistelligen Wachstumsraten in der mittleren Erdogan-Ära ist vorbei. Der vom Präsidenten eingesetzte Nachfolger an der Spitze der Zentralbank, Murat Uysal, senkte daher den Leitzins seit vergangenem Sommer auf mittlerweile 8,25 Prozent. Aber der erhoffte Schwung für die Wirtschaft blieb aus. Gleichzeitig verlor die Lira an Wert - und dann kam Corona.

Die Pandemie trieb auch die Türkei in die Rezession. Corona stoppte den Touristenstrom fast vollständig, der bis dahin für zwölf Prozent des Bruttoinlandsproduktes stand - wobei Baufirmen, Nahrungsmittelindustrie und Barbiere noch gar nicht eingerechnet sind. Selbst damit ist der Beitrag des Tourismus zur gesamten Wirtschaftsleistung mehr als doppelt so hoch wie der der Automobilindustrie in Deutschland.

Unter Erdogan hatte das Schwellenland seit 2003 zu klassischen Urlaubsländern wie Spanien und Italien aufgeschlossen. Heute sind deutsche Bürger nach den Russen die zweitwichtigste Urlaubergruppe an den türkischen Mittelmeerstränden. Allein im vergangenen Jahr kamen schätzungsweise fünf Millionen Touristen aus Deutschland.

Es hat auch Folgen für die finanzielle Stabilität, dass die Urlauber ausbleiben. Sie brachten nämlich die Milliarden an Devisen ins Land, mit denen die Türkei regelmäßig ihre kurzfristigen Verbindlichkeiten im Ausland bezahlte. Die Außenverschuldung beträgt umgerechnet rund 400 Milliarden Euro, etwa die Hälfte davon ist kurzfristig zu tilgen.

Trotz der Probleme gehört die Türkei zu den größeren Volkswirtschaften der Welt. »Das Land ist trotz der derzeitigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten mittel- bis langfristig ein attraktiver Markt und Investitionsstandort für deutsche Unternehmen«, heißt es bei der hiesigen Außenhandelsorganisation GTAI. Dafür sprächen die günstige geografische Lage, der dynamische Binnenmarkt und die gut entwickelte Industriebasis, die die Türkei als Zulieferer interessant macht.

Allerdings könnte die teils aggressive Außenpolitik Erdogans noch Auswirkungen haben. Mit der EU befindet man sich im Dauerclinch, mit den USA verscherzte man es sich in Syrien, und die reichen Ölstaaten sehen Ankaras Expansionspolitik in Libyen und Irak skeptisch. Auch neue Spannungen mit Griechenland um Erdgas im östlichen Mittelmeer tragen zur Abwertung der Lira bei.

Ein zusätzlicher Grund war die Forderung Erdogans, die Banken sollten in der Coronakrise wie bisher Kredite an Unternehmen und Bürger vergeben. Das Ergebnis war eine Lira-Schwemme, die den Wertverfall beschleunigte. Nun reagierte die Bankenaufsicht und schränkte das Kreditvolumen der Geldhäuser ein. Mal sehen, wie das bei der politischen Führung ankommt.

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