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Vorpommern

Löwenjagd am Oderhaff

Der Ferne Osten Vorpommerns offenbart Erstaunliches in puncto Natur und Kultur.

Von Ekkehart Eichler

Ganz plötzlich geht der Naturführer in die Hocke: Er zieht eine Schaufel hervor, bohrt sie in den lockeren Boden und entnimmt eine Ladung Sand. Mit den Fingern siebt er diesen dann Krümel für Krümel durch. Wiegt schon zweifelnd den Kopf, doch dann ertastet er doch noch das Objekt seiner Begierde und präsentiert hocherfreut seinen Jagderfolg.

»Was ihr hier seht, ist ein Ameisenlöwe«, erklärt Ranger Jürgen Henke der staunenden Gruppe. Ein gefürchteter Kleintierjäger, der gefährliche Trichter in den Sand wühlt und dann geduldig darauf wartet, dass Ameisen und Raupen hineinfallen, um sie sich zu greifen und einzuverleiben. Und kein Witz: »Um diesen Rutschprozess zu befördern, wirft der Ameisenlöwe sogar mit Sandkörnchen nach seinen Opfern - das habe ich selbst schon gesehen«, sagt Henke und tippt vorsichtig an die mörderischen Zangen des Insekts. Wie er dem im Sand versteckten Winzling allerdings auf die Schliche gekommen ist, bleibt sein Geheimnis: »Berufserfahrung«, kommentiert er lakonisch.

Wir sind unterwegs auf den Binnendünen von Altwarp am Stettiner Haff, nur einen Katzensprung entfernt und in Sichtweite von Polen. Ein Naturraum von besonderer Güte und extremen Kontrasten, wie Jürgen Henke nicht müde wird zu betonen und immer wieder mit Beispielen zu belegen. Für Mitteleuropa einzigartig etwa ist die gewaltige Population der vom Aussterben bedrohten Kerbameise mit 2500 Nestern in 18 Brutarealen - da bekommt der Fachmann glänzende Augen. Doch auch viele Käfer-, Spinnen- und über 400 Schmetterlingsarten finden auf Trockenrasen und Feuchtwiesen der Binnendünen erstklassige Biotope vor - um ein paar Beispiele zu nennen.

Für leuchtende Augen ist auch Annette Respondek zuständig. Ein paar Kilometer landeinwärts, am Rande der Kleinstadt Torgelow, leitet sie mit viel Herz und Leidenschaft das Ukranenland. Eine Siedlung am Ufer der Uecker, die ihre Gäste gut 1000 Jahre in eine Zeit zurückführt, als die südliche Ostseeküste von heidnischen Slawenstämmen bewohnt war - zum Beispiel den Ukranen. Die für damals typischen Block-, Bohlen- und Flechtwerkhäuser wurden hier nach archäologischen Befunden in Originalgröße rekonstruiert - eine für Vorpommern einmalige museale Einrichtung.

Mehr noch: Die historischen Häuser beherbergen historische Werkstätten, in denen wie einst geschmiedet, getöpfert, geflochten, gewebt, geschnitzt, gefilzt, Bronze gegossen, Korn gemahlen und Brot gebacken wird - auch und speziell von den Besuchern. Ein Paradies insbesondere für Kinder, wie Anette Respondek täglich erlebt: »Zu uns kommen Gruppen, von denen die Erzieher sagen, außer für ihre Handys seien die Kids für nichts zu begeistern. Und dann sollten Sie mal die Gesichter strahlen sehen, wenn sie eine Stunde später ihren ersten Löffel geschnitzt, ihr erstes Messer geschmiedet oder das dampfende Brot aus dem Lehmofen gezogen haben.« Und noch ein Höhepunkt: Auch die Ausfahrten mit der Svarog, dem ersten je in Deutschland rekonstruierten Slawenschiff, sind extrem beliebt.

Drei Nummern größer ist ein anderes schwimmendes Prachtstück, das ebenfalls in Torgelow nach historischem Vorbild gebaut wurde: »Ucra«, die Pommernkogge. 26 Meter lang und von 26 000 historisch korrekt geschmiedeten Nägeln zusammengehalten, der ganze Stolz der Stadt Torgelow, der seit 2020 aus seinen Heimathafen Ueckermünde in Haff und Ostsee stechen kann.

Für Kapitän Werner Löwe, der den gesamten Bauprozess des Hanseschiffes aktiv begleitet hat, steht dabei das originale Erlebnis im Mittelpunkt: »Bei uns gibt’s kein Schickimicki; wir wollen Geschichte vermitteln und uns möglichst authentisch auf die Spuren der Hanse begeben.« Und das klappt auch jetzt schon ganz prächtig. An Projekttagen trainieren Kinder an Bord maritime Handgriffe und lernen allerlei Interessantes aus dem damaligen Leben. Am Tag der Recherche stand zum einen Kalligraphie auf dem Plan, zum anderen die Geißel der Pest. Plastisch-drastisch vorgetragen vom bordeigenen Mönch, der augenzwinkernd zugibt: »Für ’ne vierte Klasse ist das schon ein ziemlich gruseliges Thema.«

Auch für das Seebad Ueckermünde sollte man sich Zeit nehmen. Das Städtchen an der Mündung der Uecker ins Haff punktet mit seiner gut erhaltenen Altstadt inklusive vieler Baudenkmäler, dem Stadthafen direkt am Zentrum mit hübscher Promenade und dem Residenzschloss der pommerschen Herzöge mit sehenswertem Haffmuseum. Und wer mal richtig lecker essen will, geht zu Martin Wünscher in den Roten Butt - der Rehrücken ist ein Gedicht.

Bleibt zum Schluss noch das Haff selbst, und wie könnte man es zünftiger erleben als an Bord eines traditionellen Zeesenbootes. Vom Hafen Mönkebude läuft Käpt’n Alwin Harder täglich mit seiner schmucken »Ghost« aus zu Törns auf diese ganz spezielle Lagune der Ostsee, die größer ist als der Bodensee und doch immer noch ein Geheimtipp.

Harder erklärt, dass die vorgelagerten Inseln Usedom und Wollin das Gewässer fast völlig von der Ostsee trennen. Das macht es zum idealen Revier für Wassersportler, die sich nicht dem oft rauen Wetter auf dem offenen Meer aussetzen wollen. Das macht es zum Traum für Angler, die im Süßwasser Hechte, Zander, Barsche, Karpfen und Aale in Hülle und Fülle finden.

Und nicht zuletzt fasziniert alle hier die weitgehend unberührte Natur. Die breiten Schilfgürtel am Ufer, in denen sich viele Wasservögel wohlfühlen. Der kreisende Seeadler, »der sich gleich seinen Snack holen wird«, wie Harder aus Erfahrung weiß. Die Möwen, die auf den Reusenpfählen der Fischer auf fette Beute lauern. Und die Abendsonne, die sich schlussendlich durch die düstere Wolkenfront bohrt und die Idylle vergoldet - viel friedlicher und schöner kann ein Abend kaum sein.

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