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Bildungsverlierer*innen

Muhammed ist ein Urteil

Die Lehrerinnen und Autorinnen Melisa Erkurt und Nadire Biskin über Vorurteile gegen migrantische Schüler*innen in Deutschland und Österreich und die Notwendigkeit, über Klasse und Geld zu sprechen

Von Asal Dardan

Der Titel Ihres neuen Buches »Generation haram« geht zurück auf Ihre Beobachtungen, die Sie als Lehrerin an Wiener Schulen gesammelt haben. Wen beschreibt dieser Begriff, und welche vereinenden Erfahrungen und Lebenswelten stehen dahinter?

Melisa Erkurt: Ich war viel an Schulen unterwegs, die als Brennpunktschulen verschrien sind. Da ist mir in jeder Klasse ein Trend aufgefallen, nämlich dass Burschen mit muslimischem Background muslimischen Mädchen »haram« zugerufen haben. Das bedeutet verboten. Ich habe die Burschen daraufhin zur Rede gestellt, doch sie konnten meist gar nicht erklären, warum sie es den Mädchen zurufen. Diese Burschen sind maximal 16 Jahre alt gewesen. Je mehr ich mit ihnen geredet habe, desto mehr konnte ich erkennen, dass sie mit diesen »haram«-Rufen versuchen, die einzige für sie verfügbare Macht zu erreichen in einer Gesellschaft, die sie bereits abgeschrieben hat.

Sie bestätigen die Stereotype, indem sie so sind, wie die Gesellschaft ihnen sagt, wie sie sind: Radikale Jungmachos, die nichts anderes können außer in alte Rollenbilder zu verfallen und den Weg des Jihad zu gehen. Die »Generation haram« ist eine der Bildungsverlierer*innen. Sie haben von klein auf eigentlich keine Chance, besonders wenn sie einen muslimischen Hintergrund haben, wenn sie Muhammed oder Fatima heißen. Dann haben sie schon einen Stempel aufgedrückt bekommen, bevor sie in die Bildungsinstitutionen kommen - außer sie haben vielleicht Akademikereltern und das Glück, dass eine engagierte Lehrerperson an sie glaubt. Aber ja, eine ganze Generation muss sich verlassen, auf Glück und Zufall.

Sie beschreiben einen Mechanismus, bei dem die Jugendlichen sich in Vorurteile einfügen, weil sie keine Möglichkeit sehen, anders wahrgenommen zu werden. Ihr Verhalten ist also in erster Linie als Reaktion auf gesellschaftliche Ausschlüsse zu verstehen?

Erkurt: Ich habe es spätestens gesehen, als ich selbst Lehrerin war. Ich habe in den Lehrer*innenzimmern und Konferenzen mitbekommen, wie über diese Burschen gesprochen wird. Es gibt in Deutschland diesen Satz: Kevin ist kein Name, sondern ein Urteil. Das ist in Österreich bei Muhammed so. Wenn du so heißt, hast du automatisch eine schlechte Betragensnote. Obwohl das Jugendliche sind, sieht man sie nicht als Individuen, sondern als muslimische Männer. Man nimmt ihr Wort ganz anders wahr als das von einem Markus. Wenn Markus etwas ähnliches sagen würde wie Muhammed, dann heißt es: Vielleicht hat er Probleme, er ist in der Pubertät oder was auch immer. Bei Muhammed lautet es sofort: Ja, wir wussten es doch, er ist Muslim, so sind die.

Nadire Biskin: Mittlerweile gibt es Studien wie die zu Max und Murat, bei denen herausgefunden wurde, dass dieselbe Leistung je nach Namen unterschiedlich benotet wurde. Jugendliche probieren sich aus, auch mit Wörtern. Aber migrantischen Teenagern wird dieser Freiraum oft nicht zugestanden. Und es wird nicht in der Form auf ihre individuellen Bedürfnisse und Nöte eingegangen, wie ich mir das wünschen würde. Das gilt nicht für alle Lehrer*innen und für jede Schule, aber ich kenne diese Tendenzen. Die Reaktionen sind sehr defizitorientiert, man nimmt diese Jugendlichen nicht als vulnerable Wesen wahr. Sie erstarren dann auch, die Vorurteile werden zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung.

In »Generation haram« schreiben Sie, Frau Erkurt, Shisha-Bars seien die einzigen Orte für diese Jugendlichen, wo sie sich unbeobachtet fühlen können. Nach dem Terroranschlag auf eine Shisha-Bar in Hanau haben Sie, Frau Biskin, einen Tweet über Ihren Bruder verfasst und gefragt, wo er sich noch frei bewegen kann. Welche soziale Bedeutung haben diese Bars?

Biskin: Ich habe den Vergleich zu meinem Bruder. Wir unterscheiden uns nicht nur vom Geschlecht her, wir haben mittlerweile auch sehr unterschiedliche gesellschaftliche Positionen, einen anderen sozio-ökonomischen Status. Im deutschsprachigen Diskurs wird über Männlichkeit gesprochen, inwieweit dürfen und sollen Männer von Genderstereotypen abweichen, wie sieht die Aufgabenteilung in Beziehungen aus, wie ist ihr Diskursverhalten, was sind ihre Struggles mit Männlichkeit und so weiter. Aber was ist mit den bildungsfernen Jungs und migrantischen Jungs - das erwähne ich separat, weil es muss nicht immer identisch sein - die immer nur als Gefahrenquellen betrachtet werden? Sie werden dabei kaum beachtet und wenn, dann nur als Täter. Hanau hat aber endgültig gezeigt, dass sie auch Gefahren ausgesetzt sind, gerade weil man sie von außen als Gefahr wahrnimmt. Natürlich sind in diesen Shisha-Bars auch Frauen, aber es ist von der Assoziation her trotzdem ein männlich codierter Ort.

Erkurt: In beiden Ländern gibt es ein Rauchverbot, aber in Österreich gibt es im Gegensatz zu Deutschland keine Ausnahme für Shisha-Bars. Das heißt, sie werden dort jetzt geschlossen. Als ich thematisiert habe, was das für Migrant*innen bedeutet, schien das vielen so als wäre ich für Lungenkrebs. Doch man befasst sich gar nicht damit, dass diese Jugendlichen keinen anderen Rückzugsort haben. Sie kommen nicht in Clubs rein, in Cafés werden sie abgewiesen, Moscheen und migrantische Einrichtungen werden beschmiert. Sie werden als anders markiert, man will sie nicht unter sich haben, die Mehrheitsgesellschaft will ja auch keine Durchmischung, und dann können sie noch nicht einmal mehr in die Shisha-Bar?

Wie sieht es mit nicht-männlichen Personen aus, etwa den Mädchen, denen diese Jungs »haram« zurufen. Wie ist das Bild der unterdrückten muslimischen Frauen und Mädchen zu bewerten?

Erkurt: Was es in Österreich gibt und in Deutschland zum Glück nicht, ist das Kopftuchverbot an Schulen für Mädchen unter vierzehn. Ich sage nicht, dass es keine Mädchen gibt, die zum Kopftuch gezwungen werden. Ich bin mir sicher, es ist eher die Minderheit, aber selbst ihnen hilft dieses Gesetz überhaupt nicht. Wenn ein Kind Eltern hat, die einen zu etwas zwingen, dann braucht es etwas anderes als ein Verbot, dann braucht es Hilfe und Unterstützung. Aber die Mehrheitsgesellschaft glaubt, damit sei es abgehakt: Passt, das Kopftuch ist aus unserem Blickfeld verschwunden.

Biskin: Das Kopftuch ist in Deutschland ja auch immer wieder Thema. Es gibt so viele radikale Perspektiven darauf. Beim Kopftuchverbot möchte man die Kinder von ihren unterdrückerischen Familien befreien, aber es hat den gleichen Effekt. Es kommt nun ein Verbot von staatlicher Ebene, die noch viel gewaltiger ist. Daran merkt man, wenn man Emanzipation oder Autonomie oder Freiheit, wie auch immer man es nennen will, anstreben möchte, muss es organisch wachsen und nicht, indem man paternalistisch daherkommt und sagt: »Wir wissen alles besser, wir wissen euch zu helfen.« Alle meinen es gut, aber dass wir es gut meinen, reicht allein nicht aus, um es gut zu machen. Das müssen wir uns eingestehen. Es gibt einen Unterschied zwischen der theoretischen Einstellung, die man hat, also Chancengleichheit, Inklusion und so weiter, und der praktischen Umsetzung.

Eine Anekdote aus Ihrem Buch fand ich bemerkenswert, Frau Erkurt. Sie beschreiben, dass Ihre Lehrer Sie im Gymnasium fragten, ob Ihr Vater Ihnen verboten hätte, an den Projekttagen teilzunehmen. Sie bejahten, weil Sie die Wahrheit noch demütigender fanden, nämlich dass Sie ihre Eltern nicht um Geld bitten wollten. Es fiel Ihnen also leichter, das Vorurteil zu bestätigen, als zu sagen, dass Sie wenig Geld hatten. Ist es so, dass es auch den Mädchen nur sehr schwer gelingt, aus den vorgegebenen Rollen auszubrechen?

Erkurt: Ich glaube, es hat sich viel getan in den letzten Jahren, vor allem bei den Mädchen. Man hat gesehen, dass teilweise Social Media mehr Bildungsarbeit beim Thema Emanzipierung geleistet hat als die Schule. Die Mädchen sind viel selbstbewusster geworden. Ich glaube gar nicht, dass sie sich selbst als Unterdrückte sehen. Aber mit 13 hat man einfach keine Lust, sich ständig zu erklären und zu beweisen und auch Lehrer*innen ständig den Islam zu erklären. So sagt man einfach irgendetwas, nur damit diese Lehrer*innen aufhören, einen auszufragen. Einmal war ich bei einer Stundenwiederholung dran, aber ich wollte nicht sprechen und habe gesagt: »In meinem Glauben darf man nicht über dieses Thema sprechen.« Aber eigentlich hatte ich nur nicht gelernt. Ich glaube, das machen viele Jugendliche, aber wir sehen nicht den jugendlichen Leichtsinn, sondern nur die Bestätigung der Vorurteile.

Biskin: Das Beispiel mit den Projekttagen zeigt, dass in all den Diskursen die ethnische, migrantische Herkunft total in den Vordergrund tritt und der Aspekt der Klasse unsichtbar gemacht wird. Man sagt ja auch nicht mehr Klasse, sondern Schicht und Milieu, weil das alles so durchlässig sei. Nehmen wir an, Melisa hätte gesagt, dass ihre Familie nicht genug Geld hat. In solchen Fällen wird dann oft so getan, als sei das selbstverursacht. Dann muss man sich rechtfertigen: Wieso seid ihr denn arm, habt ihr denn dies beantragt, seid ihr denn dahin gegangen? Und egal was man antwortet, muss man damit rechnen, dass man dafür verurteilt und im migrantischen Kontext als Schmarotzer, als fauler Ausländer gesehen wird.

Frau Erkurt, ein großes Anliegen Ihrer Arbeit ist es, den Fokus weg von den Familien dieser Kinder und Jugendlichen zu lenken und die Schulen und den Staat stärker in die Pflicht zu nehmen. Wo sehen Sie da Mängel?

Erkurt: In meiner Lehramtsausbildung wurde mir beigebracht, wie ich Kinder unterrichte, deren Eltern ihnen daheim helfen können. Eltern, die das Know-how und die Zeit haben. Ich wurde quasi nicht darin unterrichtet, wie ich Kindern etwas beibringen soll, die keine Eltern haben, die helfen können, die kein Geld haben für Nachhilfe, die vielleicht keinen Laptop haben. Natürlich scheitern dann von Generation zu Generation all diese Kinder. Es ist ein sozio-ökonomisches Problem, aber die meisten armen Kinder in Wien haben eben auch einen Migrationshintergrund. Da wundert sich aber niemand darüber, es ist so als wäre es gegeben, dass migrantische Kinder dümmer sind. Das muss man sich mal vergegenwärtigen, dass das gesellschaftlich akzeptiert ist. Man schaut sich aber nicht an, ob vielleicht etwas mit dem System Schule nicht stimmt. Wir verlassen uns wirklich sehr auf die Eltern, auch wenn die meisten meiner Erfahrung nach das Beste für ihre Kinder wollen. Aber manche haben nicht die Zeit, die Ressourcen und Kapazitäten, vielleicht gibt es sogar wenige, die nicht das Beste möchten oder nicht wissen, was das Beste für ihr Kind in Österreich ist. Aber selbst da dürfen wir doch nicht die Kinder bestrafen. Deswegen plädiere ich für Ganztagsschulen und zwar kostenlos und für alle, damit es nicht wie eine Bestrafung ist, sondern alle hingehen.

Der Ausbruch von Covid-19 hat sich sicherlich auch auf die Situation dieser jungen Menschen ausgewirkt. Wie sind Ihre Beobachtungen in den letzten Monaten gewesen?

Erkurt: Eine Journalistenkollegin hat es gut auf den Punkt gebracht: Corona hat die Probleme, die ohnehin schon da waren, unter die Lupe genommen. Da hat man gesehen, dass Schule nur dort funktionieren kann, wo die Kinder zu Hause die Ressourcen haben. Kinder, die keinen Schreibtisch haben, keine Eltern, die helfen können, keinen Zugang zum Internet et cetera, die scheitern. Sie sind schon immer gescheitert, aber jetzt kann man es deutlich sehen.

Es muss sich also auf lange Sicht nicht nur etwas strukturell und bildungspolitisch ändern, sondern unmittelbar auch der Blick auf diese Kinder?

Biskin: Ich glaube, Veränderungen müssen auf verschiedenen Ebenen stattfinden, auf staatlicher, rechtlicher, gesellschaftlicher, individueller Ebene. Im Hinblick auf Bildungsinstitutionen muss es auf professioneller Ebene geschehen, es muss die Möglichkeit geben, Fortbildungen, Workshops zu besuchen, um die eigenen Vorurteile wahrzunehmen. Das ist ein langer, mühsamer Weg, aber er lohnt sich. Für alle.

Erkurt: Ich hatte so viele Schüler*innen, die eine schlampige Hausaufgabe mitbrachten und die wurden dafür bestraft, obwohl sie zu Hause keinen Platz und kein Geld haben, um es ordentlicher zu machen, weil sie die Hausaufgaben auf dem Boden oder auf dem Bett schreiben mussten. Eigentlich sollte man sie belohnen, dass sie es trotzdem machen. Die Lehrer*innen haben hoffentlich durch Corona eine gewisse Empathie entwickelt, weil sie durch Videotelefonie gesehen haben, wie es bei ihren Schüler*innen zu Hause aussieht. Ich denke, was geht da für ein Potenzial verloren an diesen Kindern, die so selbstständig sind und mit so wenig Ressourcen trotzdem so viel schaffen, die für die Eltern dolmetschen, die Amtswege bestreiten. Was da alles drinsteckt!

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