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Coronakrise

Zweite Welle

Leo Fischer geht der Gleichzeitigkeit der Gegensätze in Zeiten von Corona auf den Grund

Von Leo Fischer

Das Ziel dieser Kolumne ist die Herstellung einer mittigen Meinung, die im Getöse sich radikalisierender Mikromilieus allzu oft unterzugehen droht. Selten war der Verfasser von dieser Aufgabe aber so überfordert wie angesichts der Schlagzeilen, die ihm in die entzündeten Augen flackern: «Hessen verlängert Maskenpflicht», «Gerichtshof erlaubt Präsenzunterricht», «1445 Neuinfektionen», «Berliner Schule schon wieder dicht!, »Vorverkauf für umstrittenes Großkonzert hat begonnen«.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Demokratie erleben wir politische Maßnahmen, die im selben Moment aufgehoben werden, in dem sie erlassen werden: Schulen gehen auf und wieder zu, Geschäfte öffnen sich und schließen; Lockerungen und Neuverklemmungen, alles hübsch durcheinander und simultan. Überall wirkt noch die Rhetorik des »Neustarts nach Corona«, während die zweite Welle tsunamigleich am Horizont schwebt.

Manch einen mag das an Ernst Blochs »Gleichzeitigkeit« erinnern, die kennzeichnend für die Moderne sei. Andere sehen die paradoxe Rationalität des Spätkapitalismus am Werk, der Lösungen für Probleme anbietet, die es ohne ihn gar nicht gäbe. Der einerseits der darbenden Wirtschaft und den nicht minder darbenden Urlauberscharen Anreize geben möchte, andererseits die von diesen Anreizen ausgehenden Neuinfektionen mit rigorosen Hygienemaßregeln bekämpfen muss. Liberalismus findet gleichzeitig mit Autoritarismus statt, ist mit ihm kovalent, kongruent und sakrosankt, ja im Detail bedeutungsgleich bzw. »völlig wurscht« (Dietmar Dath).

Machte die Politik alten Stils in der einzelnen Maßnahme noch Kompromisse an eine widersprüchliche Wirklichkeit, sind die neueren Steuerungsversuche absolut kompromisslos, geben aber völlig widersprüchlichen Wahrheiten recht. Aktuelle Politik muss stets gleichzeitig so handeln, als sei alles halb so schlimm einerseits und viel schlimmer als gedacht andererseits. Sie muss beruhigen und warnen, meist in derselben Pressemitteilung. Die irr flackernden Blicke in den Augen jener Berufspolitiker, die erkennbar alles andere wollten als eine Krise zu bewältigen, sich vielmehr einfach zehn Jahre für einen schönen Aufsichtsratsposten zu qualifizieren gedachten, müssten all jenen, die in der Pandemiebewältigung eine Verschwörung »der Eliten« wittern, eigentlich klar machen, dass hier die krassen Gegenteile grauer Eminenzen am Werk sind; vielmehr Katastrophenmanager wider Willen, die mit der Irrationalität der Verhältnisse kaum zurande kommen.

Es sei denn, sie heißen Markus Söder. Bayerns Ministerpräsident glänzt, gerade indem er jener Irrationalität höhere Weihen verleiht. 44 000 Reiserückkehrer haben in Bayern freiwillige Tests gemacht, ohne über das Ergebnis Nachricht erhalten zu haben - darunter 900 nachweislich Infizierte, die sich inzwischen Gott weiß wo herumgetrieben haben. »Alle Strukturen sind umgehend zu prüfen«, twitterte Söder. Aber was ist da zu prüfen, wenn schon die Wiedereröffnung jener Partymeilen, die für die massenweise Verbreitung verantwortlich waren, so widersinnig ist, wenn die Freiwilligkeit der Tests die Gesundheit von Zehntausenden zu einer Frage individuellen Wohlwollens macht?

Die »Stimme der Vernunft« möchte hier ausnahmsweise keine Forderung aufstellen, denn jede Forderung könnte zu einer neuen Maßnahme führen, und jede neue Maßnahme würde das Chaos potenzieren. Gleichzeitig wäre es natürlich ebenso verantwortungslos, angesichts von Millionen Erkrankten weltweit keine Forderung aufzustellen. Deswegen ergeht hier die allgemeinste Forderung überhaupt: Alles soll möglichst schnell so eingerichtet werden, dass alle gesund bleiben und keine unbilligen Nachteile hinnehmen müssen. Bitte!

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