Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Baskenland zieht die Corona-Reißleine

Gesundheitsnotstand in der nordspanischen Region erklärt / Reisewarnung für Gesamtspanien außer Kanaren

  • Von Ralf Streck, San Sebastián
  • Lesedauer: 4 Min.

Seit Wochen hat sich eine klare Tendenz steigender Infektionszahlen in Spanien abgezeichnet. Nun ist klar, dass man es nicht mehr mit einzelnen Hotspots zu tun hat, sondern mit der sogenannten zweiten Welle, die erst im Herbst erwartet worden war. Die baskische Regierung hatte schon zuvor wegen steigender Infektionszahlen neue Beschränkungen erlassen, da auch die Einlieferungen in Kliniken und auf Intensivstationen zunehmen. »Wir kehren zu einer Ausnahmesituation zurück«, hat die baskische Gesundheitsministerin Nekane Murga angesichts der Tatsache am Samstag erklärt, dass ab Montag nun der »Gesundheits-Notstand« ausgerufen wird. Die Zahl der neu festgestellten Infektionen war mit 575 Fällen auf einen neuen Rekordwert gestiegen. »Wir befinden uns vor einem möglichen Tsunami«, sagte Murga. Im Baskenland liegen inzwischen 158 Personen mit Covid-19 in Krankenhäusern, am Freitag kamen 31 hinzu, davon 14 auf Intensivstationen.

Die Kurve weist im Baskenland wie in ganz Spanien längst steil nach oben. Vergleichbare Werte wurden nur im März ermittelt. Das lässt auch in Europa die Alarmglocken schrillen, weshalb vergangene Woche auch das Auswärtige Amt eine Reisewarnung für Spanien - mit Ausnahme der Kanaren - ausgesprochen hatte. Allerdings sagt ein Vergleich mit März nur bedingt etwas. Damals war die Dunkelziffer wegen fehlender Tests enorm hoch. Bisher wurden im Baskenland fast eine halbe Million Tests durchgeführt, im März waren es nur 20 000.

Welche neuen Einschränkungen kommen, wird am Dienstag im baskischen Krisenstab beschlossen. Es ist klar, dass sie deutlich über die neuen Einschränkungen hinausgehen, die seit Wochenende in Spanien gelten. Die Basken ziehen die Reißleine, um einen allgemeinen Lockdown zu verhindern. Der Notstand soll eine rechtliche Handhabe bieten, um Hotspots abzuriegeln. Das hatte Portugal im Großraum Lissabon durchgeführt und konnte so eine gefährliche Entwicklung wieder in den Griff bekommen.

Neue Einschränkungen werden das Hotel- und Gaststättengewerbe besonders treffen. Die Basken werden sich bei neuen Beschränkungen eher am erfolgreichen Modell Portugal orientieren. Dort mussten Bars in ganz Lissabon im Juli schon um 20 Uhr schließen, Restaurants um 23 Uhr. In ganz Spanien müssen seit Freitag Diskotheken wieder geschlossen bleiben. Sie wieder geöffnet zu haben, wird als Fehler angesehen. In Diskotheken, Bars und bei zum Teil illegalen Festen, das hat die Nachverfolgung gezeigt, werden nun besonders viele neue Ansteckungen registriert. Seit dem Wochenende müssen in ganz Spanien deshalb Restaurants und Bars nun wieder um 1 Uhr schließen und dürfen ab 24 Uhr keine Gäste mehr annehmen. Zunächst waren nach den Lockerungen ab Juni hohe Infektionszahlen bei Erntehelfern in prekären Arbeits- und Lebensbedingungen festgestellt worden. Nun ist es aber der starke Austausch von Menschen über den Tourismus, der im Land für eine Verbreitung des Virus sorgt. Es dringt nun auch in Gegenden wie in die baskische Provinz Gipuzkoa um San Sebastián vor. Sie war vom Virus im Frühjahr fast verschont geblieben.

Spanien wird vom Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) nun als europäischer Spitzenreiter bei neuen Infektionen geführt. Für Experten wie Rafael Bengoa ist klar, dass das Ausmaß der zweiten Welle davon abhängt, wie mit der ersten Welle umgegangen wurde. Der Baske, der einst den US-Präsidenten Barack Obama beraten hat und nun die baskische Regierung berät, erklärt: »Die Zahlen sagen, dass es dort gut lief, wo wir eine gute Nachverfolgung hatten.« Er spricht es nicht aus, aber sein Blick richtet sich vor allem nach Regionen wie Madrid. In der Hauptstadtregion fand lange kein nennenswertes Tracking statt und es ist nun, angesichts der Infektionszahlen, kaum noch zu leisten.

Klar ist, dass die zweite Welle nun die Wirtschaft des Landes massiv treffen wird. Ohnehin ist im Jahresvergleich die Wirtschaftsleistung schon um 22 Prozent gesunken. Da nun diverse Länder Rückkehrer in Quarantäne schicken und auch Deutschland eine offizielle Reisewarnung ausgesprochen hat, befürchten viele einen »Todesstoß« für die Tourismusindustrie, an der ein guter Teil der Ökonomie hängt.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln