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Langzeitstudie zum Grundeinkommen

Was ein bedingungsloses Einkommen mit Menschen macht, wird jetzt erstmals genau untersucht.

  • Von Lisa Ecke
  • Lesedauer: 3 Min.

Entscheidungen sind stark von äußeren Faktoren bestimmt. Davon ist Susann Fiedler, die am Max-Planck-Institut forscht, überzeugt. Sobald man unter Druck stehe, etwa durch fehlende Mittel oder Zukunftssorgen führe dies zum Verlust von wichtigen kognitiven Ressourcen, sagte sie am Dienstag anlässlich der Vorstellung einer Langzeitstudie zum bedingungslosen Grundeinkommen (BGE).

»Unter Druck besinnen sich Menschen eher auf Bekanntes und suchen weniger nach neuen Informationen. Sie umgeben sich dann eher mit Leuten, die ihnen gleichen«, so Fiedler. Das BGE könnte dazu führen, dass Menschen den Kopf frei hätten, um sozialer zu sein. »Was die Leute tatsächlich machen, werden wir sehen.«

Das Pilotprojekt wird vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und dem Verein Mein Grundeinkommen initiiert. Ab dem Frühjahr 2021 erhalten 120 Menschen drei Jahre lang ein bedingungsloses Einkommen von monatlich 1200 Euro. Ausgewählt werden die Teilnehmenden aus bis zu einer Million Bewerber*innen, die sich seit Dienstag bewerben können. Die Studie wird nicht staatlich, sondern ausschließlich über Spenden finanziert. »Als Forschende werden wir bemüht sein, dass Vertrauen und Engagement aus der Zivilgesellschaft in wissenschaftliche Erkenntnis zu transformieren«, sagte Jürgen Schupp vom DIW. Neben dem DIW werden auch Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts und der Kölner Universität die Studie auswerten.

Drei Jahre lang 1200 Euro im Monat für 120 Menschen

Bisher werde die Idee eines BGE vor allem ideologisch diskutiert, so Schupp. Die Studie soll jetzt zeigen, wie sich das Empfinden und Verhalten von Menschen durch das bedingungslose Geld verändert. Welche Auswirkungen das Grundeinkommen auf Preisveränderungen bei den Löhnen oder beispielsweise bei Mieten und Lebensmittel hat, kann mit dem Projekt jedoch nicht untersucht werden. Es gibt weltweit zwar Studien zu dem Thema, deren Erkenntnisse sind laut Schupp aber begrenzt: »Sie sind entweder veraltet, nicht verallgemeinerbar oder untersuchen das Grundeinkommen nur für Erwerbslose.«

Es gibt zig unterschiedliche Modelle für die konkrete Gestaltung von einem Grundeinkommen und dessen Finanzierung. Auf der Website des Vereins Mein Grundeinkommen wird erklärt, dass es sich dabei vor allem um eine Steuerreform handeln würde. Je nach BGE-Modell hätten Menschen mit geringen Einkommen mehr Geld zur Verfügung, die »Mittelschicht« etwa gleich viel und die Reichsten etwas weniger als vorher. Im Gegensatz zu Hartz IV, das zu »Demotivation, Existenzangst und Misstrauen« führe, würde ein bedingungsloses Grundeinkommen für Vertrauen, Sicherheit und Handlungsspielräume sorgen. Bisher hat der Verein regelmäßig insgesamt über 650 temporäre Grundeinkommen verlost. Befragungen der Gewinner*innen hätte gezeigt, dass sie während der Zahlungen gesünder und sozialer gelebt hatten, mutiger waren und sich keine Sorgen mehr über ihre finanzielle Lage gemacht hatten.

Auch die Linkspartei streitet über das bedingungslose Grundeinkommen

Für eine funktionierende Gesellschaft sei es nicht nur wichtig, dass produktiv gearbeitet werde, sondern »auch das der Einzelne hier zufrieden ist. Dass er vielleicht keine Depression hat«, stellte Fiedler fest. Kritiker glauben hingegen, bei einem Grundeinkommen für alle würden Menschen weniger arbeiten, wären demotiviert und dadurch letztlich auch unglücklicher. Auch in der Linkspartei wird seit Jahren über das BGE gestritten. Kritiker befürchten etwa, ein BGE würde gewerkschaftliche Kämpfe schwächen. So hat sich der Parteivorstand erst im Juni gegen ein BGE ausgesprochen, während Co-Parteichefin Katja Kipping sich immer wieder dafür einsetzt.

»Die Corona-Pandemie hat vielen bewusst gemacht, wie wichtig starke Sozialsysteme und eine wirklich universelle Grundsicherung für die gesamte Gesellschaft sind«, sagte wiederum Marcel Fratscher, Präsident des DIW. Zudem stießen die gegenwärtigen sozialen Sicherungssysteme an ihre Grenzen. Die Ergebnisse der Studie würden ein differenziertes Bild über die Wirkungen eines BGE möglich machen. »Es ist Zeit zum Hinterfragen und zum Experimentieren, um neue Lösungen für die großen Fragen unserer Zeit zu finden.« Kommentar

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