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»Man kann nicht mal zur Toilette«

Straßenbahnfahrer Jens Wagner über die Belastungen in seinem Job, die zu wenig honoriert werden

  • Von Ines Wallrodt
  • Lesedauer: 7 Min.

In Coronazeiten leidet auch der Nahverkehr. Schwierige Ausgangslage für die Tarifrunde, oder?

Vor kurzem noch befand sich der ÖPNV im Aufwind. In Zeiten des Klimawandels wurde er als Lösung gelobt. Corona hat uns einen Dämpfer verpasst. Im März gab es einen starken Fahrgasteinbruch. Das ging so weit, dass wir unsere Leistungen verringern mussten. Da war es wenig hilfreich, dass die Politik auch noch gesagt hat, der öffentliche Nahverkehr sei eine Virenschleuder. Erstmals wurden wir mit dem Thema Kurzarbeit konfrontiert. Sie wurde aber nicht umgesetzt, da viel Kolleginnen und Kollegen ihre Arbeitszeitkonten abgebaut haben. Andere erklärten sich zu Reinigungsarbeiten oder Umbaumaßnahmen bereit. Das eingeschränkte Angebot konnte aber natürlich nicht bleiben: Wenn ich will, dass die Leute vom Auto umsteigen, muss ich einen vernünftigen Takt anbieten. Da reicht es nicht, nur alle 15 bis 20 Minuten zu fahren.

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Für enge Taktung braucht es Personal. Haben Sie genug in Magdeburg?

Noch vor fünf Jahren gab es massive Ausfälle im Streckennetz, weil Personal fehlte. Das war Ergebnis der Öffnung für den europäischen Wettbewerb. Dadurch gerieten die Kommunen und die Verkehrsbetriebe unter erheblichen Druck. Um zu sparen und damit die Stadt uns weiter betreibt, wurden Hunderte Arbeitsplätze abgebaut - im Fahrdienst, in der Werkstatt und in der Verwaltung. Die Aufgaben wurden einfach den verbleibenden Leute aufgebürdet. Doch seit etwa 2014/2015 beobachten wir bei uns im Unternehmen ein Umdenken. Seither stellen wir verstärkt Leute ein.

Personalmangel ist kein Problem mehr?

Doch. Es reicht noch nicht. Die Belastung ist weiterhin groß. Bis 2009 hatte ich meine 15 bis 20 Minuten Wendezeit an der Endstelle, da waren Verspätungen kein Thema. Heute habe ich manchmal nur drei bis fünf Minuten Zeit. Ich komme an und schon muss ich wieder los. Ich kann nicht mal eine Kleinigkeit essen oder zur Toilette. Es fehlen die Pufferzeiten.

Sie können also keine Pausen machen?

Doch. Nach viereinhalb Stunden Lenkzeit steht mir eine Pause zu, in der ich vom Fahrzeug gehe. Aber ich muss ja auch mal zwischendurch. Außerdem brauche ich Zeit für vorgegebene Pflichten wie Fahrzeugkontrolle. Und gerade jetzt bei Corona muss ich Hygienestandards einhalten. Wir haben dauerhaft zu wenig Fahrzeuge: Wir können nicht mal eben schnell einen Zug reinnehmen, um eine höhere Wendezeit zu erreichen.

Was tun Fahrerinnen und Fahrer, wenn die Zeit zu knapp für die Toilette ist?

Viele trinken von vornherein zu wenig oder verdrücken sich das Bedürfnis. Deshalb sind Blasenentzündungen im Fahrdienst recht häufig. Oder man nimmt eben die Verspätung in Kauf.

Dann meckern die Fahrgäste.

Sie müssen aber wissen: Wir arbeiten unter extremem Zeitdruck. Der entsteht auch durch Ampelschaltungen, da teilweise im Stadtgebiet die Bevorrechtigung von Bussen und Bahnen nicht mehr funktionieren. Kommt mein Signal und ein Fahrgast will noch mit, muss ich abwägen: Mache ich die Tür wieder auf, könnte mein »Fahrt frei« wieder weg sein und ich handele mir zwei Minuten Verspätung ein. Klingt nicht viel, aber summiert sich, und an der Endstelle fehlt mir dann der Puffer. Stressig sind auch die vielen Baustellen. Seit Jahren fahren wir einen massiven Umleitungsverkehr. Das große Thema bei uns im Unternehmen sind aber die Dienstübergänge.

Was bedeutet das?

Dass vom Ende des Dienstes bis zum nächsten Beginn oftmals nur zehn Stunden bleiben. Man muss sich wirklich an den Kopf fassen, dass der Gesetzgeber es erlaubt hat, im Fahrdienst wie in den Krankenhäusern die elfstündige Ruhezeit zu reduzieren. Dabei trägt man so viel Verantwortung. Man befördert ja Menschen! Wenn ich ein Beispiel bringen darf: Ich habe um 24 Uhr Einfahrt am Betriebshof. Dann muss ich nach Hause fahren und brauche dort eine gewisse Zeit zum Runterkommen und Abschalten. Am nächsten Morgen um 10 Uhr muss ich den nächsten Dienst antreten. Da hat doch kein Mensch acht Stunden geschlafen! Wir fordern elf Stunden Ruhe - mindestens. Super wären zwölf, damit die Leute ausgeschlafen zum Dienst kommen.

Das erklärt manche Unfreundlichkeit.

Genauso ist es. Denn es gibt ja noch weitere Belastungen, wie die vielen Wochenenddienste und Teildienste.

Was ist das?

Das bedeutet, zwei Mal zur Arbeit zu fahren. Morgens ein Stück und dann mittags noch mal. Anstrengend ist auch der Frühdienst, der eigentlich Nachtarbeit ist, denn er beginnt um 3.30 Uhr. Studien sagen, dass nach 20 Jahren die Fahrdienstuntauglichkeit einsetzt. Was mache ich dann mit einem Mitarbeiter? Ziel muss sein, einen Fahrdienstmitarbeiter gesund bis zur Rente zu kriegen. Dafür brauchen wir bessere Arbeitsbedingungen.

Lässt sich an diesen Arbeitszeiten etwas ändern, wenn man zugleich für die Kunden attraktiv sein will?

Der ÖPNV braucht mehr Personal. Und man muss diese Belastungen honorieren. Die Altbeschäftigten bekommen zum Beispiel die Nachtstunden noch beim Urlaub angerechnet. Alle, die nach 2007 eingestellt wurden, kriegen diesen Zusatzurlaub nicht. Und Teildienste mögen ja betriebswirtschaftlich notwendig sein, um Spitzen abzufangen. Aber wir wollen sie reduzieren und fordern, sie teurer zu machen.

Wie viel verdienen Fahrdienstmitarbeiter bei den Magdeburger Verkehrsbetrieben?

Man fängt mit 14,03 Euro Stundenlohn an. Langjährige Mitarbeiter bekommen 17,30 Euro. Bei einer 38-Stunden-Woche sind das zwischen 2319,30 Euro und 2860 Euro.

Wo stehen Sie damit im Bundesvergleich?

Im Mittelfeld. Auch in Westdeutschland gibt es zum Teil schlechtere Bedingungen. Viele haben die 38-Stunden-Woche mit Lohnausgleich noch nicht, damit gehörten wir hier in Sachsen-Anhalt zu den ersten. Es geht aber nicht nur um Entlastung der Fahrerinnen und Fahrer, sondern um alle Beschäftigten, also auch in der Verwaltung und in der Werkstatt. Besonders zulegen müssen die gewerklichen Bereiche, also Mechatroniker und Elektroniker. Denn sonst gehen die woanders hin, wo besser gezahlt wird.

Mit den Verbesserungen - würden Sie die Arbeit im Nahverkehr empfehlen?

Ein bisschen Leidenschaft für Straßenbahnen und Busse muss man wohl mitbringen. Es gibt schon so etwas wie Vereinsamung. Denn man hat manchmal bis zu acht Stunden fünfzig keinen groß zum Erzählen. Aber ich mache meinen Job gerne, ich bin wahnsinnig gerne draußen auf Strecke, man sieht viel, es ist abwechslungsreich. Abwechslung bringt auch das Kombifahren, was meint, dass Straßenbahnfahrer auch Busse fahren oder andersrum. Allerdings haben die eine enorm hohe Belastung, weil sie immer das ganze Streckennetz im Kopf haben müssen, alle Baustellen, alle Veränderungen der Linienführung. Manchmal erfolgt die Disposition innerhalb von wenigen Stunden, natürlich mit Rücksprache, aber dann muss man umplanen und etwa das Auto für die Rückfahrt anderswo abstellen. Diese Flexibilität und Einsatzbereitschaft müssen entlohnt werden.

Werden sie gar nicht berücksichtigt?

Nein, überhaupt nicht. Wir wollen dieses Thema in dieser Tarifrunde vom Tisch kriegen. Kombifahrer müssen höher eingruppiert werden. Bei uns im Unternehmen ist jetzt geplant, wie in Leipzig oder Erfurt, dass alle Kombifahrer ein Tablet kriegen, wo alle Informationen liniengenau und tagesaktuell eingespielt werden. Das würde die Arbeit ein bisschen erleichtern.

Können Fahrgäste die Arbeit ebenfalls leichter machen?

Naja, es wäre schon schön, wenn sie in Coronazeiten von allein die Maske aufsetzen. Und generell ein bisschen mehr Wertschätzung. Unsere Fahrdienstmitarbeiter sitzen nicht nur drin und bewegen einen Hebel, sondern müssen während des Dienstes hochkonzentriert sein. Das ist schon ein anspruchsvoller Job. Aber es ist auch eine gegenseitige Sache. Bus- und Straßenbahnfahrer sollten mehr in Richtung Kundenservice geschult werden. Dann würden alle Seiten zufriedener sein.

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