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Kampf gegen Verstümmelung

Neue Koordinierungsstelle will Angebote gegen Genitalbeschneidung bündeln

  • Von Lola Zeller
  • Lesedauer: 4 Min.

Allein in Deutschland gebe es 75 000 betroffene und etwa 20 000 gefährdete Frauen und Mädchen, sagt Idah Nabateregga. Sie ist Projektleiterin der neuen Koordinierungsstelle gegen »FGM_C«, das steht für »Female Genital Mutilation_Cutting«, zu deutsch: weibliche Genitalverstümmelung_Beschneidung. »Unser Ziel ist es, Ratsuchende, Communities und unterschiedliche Fachkräfte und Ehrenamtliche, die in Kontakt zu den Betroffenen und Gefährdeten kommen, rund um das Thema beraten und begleiten zu können«, sagt Nabateregga. Die Projektleiterin arbeitet seit August für das » Familienplanungszentrum Balance« in Lichtenberg, das gemeinsam mit der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes und dem Desert Flower Center Waldfriede die Einrichtung betreibt. Finanziert wird das Projekt vom Senat.

»Die Zusammenarbeit ist interdisziplinär«, erklärt Nabateregga. Das Desert Flower Center sei für medizinische Fragen und Versorgung zuständig, Terre des Femmes übernehme die Communityarbeit und Trainings von Berufsgruppen, das Familienzentrum Balance die Koordination. »Unsere Angebote sind zum Beispiel gynäkologische Beratung und Versorgung, psychologische Beratungen, psychosoziale Begleitungen und Beratung und Sensibilisierung von Fachkräften.«

In vielen Bereichen gebe es großen Bedarf, Aufklärung zum Thema in die Berufsausbildungen und Lehrpläne aufzunehmen. »Es gibt wenige Berufsgruppen, die nicht in Kontakt mit Betroffenen oder Gefährdeten kommen«, so Nabateregga. Als Beispiele nennt sie Hebammen, Sozialarbeiter*innen, Psycholog*innen, Erzieher*innen oder medizinisches Personal. Auch in die Schulbildung müsse darüber aufgeklärt werden, fordert sie. »Das muss alles angesprochen werden, um Schutzmaßnahmen zu stärken.«

Immer Frauen sind betroffen

Unter weiblicher Genitalverstümmelung versteht man die Entfernung der äußeren weiblichen Genitalien ohne medizinischen Zweck, erklärt die Expertin. Manchmal benutzt sie auch den eher beschönigenden Begriff Beschneidung, weil sie in den Communities dann einen besseren Zugang habe, sagt sie. »Außerdem möchten Betroffene oft nicht als Verstümmelte bezeichnet werden, sondern als Beschnittene.« Verstümmelung sei allerdings der angemessene Begriff, um die Menschenrechtsverletzung wiederzugeben.

Die Projektleiterin arbeitet seit über zehn Jahren zu dem Thema, über das sie auch promoviert hat. Sie erklärt, dass Genitalverstümmelung weltweit vorkommt und entsprechend angegangen werden muss: »Wir brauchen eine Stärkung des globalen politischen Engagements und eine Erhöhung der Mittel, um FGM_C zu beenden, Überlebende zu unterstützen und Gefährdete zu schützen.« Weltweit seien es 200 Millionen Betroffene. Die Zahlen stiegen jährlich an, aber es gebe auch positive Entwicklungen: »Das Thema ist weniger tabuisiert, immer mehr Aktivist*innen kommen aus den entsprechenden Communities selbst und immer mehr Betroffene setzen sich dagegen ein.« Mit Communities meint Nabateregga die Gemeinschaften aus den Gebieten, in denen die frauenfeindliche Praxis praktiziert wird. Aufklärungsarbeit mit und in den Communities sei eine wichtige Grundlage, um Genitalverstümmlung zu beenden, sagt sie.

Kritik am Ansatz von Terre des Femmes

Dieser Ansatz wird nicht von allen Engagierten positiv bewertet. Ines Laufer ist ehemaliges Mitglied des Vereins Terre des Femmes, den sie seit ihrem Austritt regelmäßig kritisiert. Sie hat die »TaskForce für effektive Prävention von Genitalverstümmelung« gegründet und ist dort Geschäftsführerin. Die Annahme, Aufklärung könne zu einer Abkehr von der Praxis aufgrund veränderter Überzeugung führen, hält Laufer für falsch. Denn die Täter wüssten ganz genau Bescheid über die Praktiken.

Die TaskForce fordert demgegenüber regelmäßige verpflichtende Kontrolluntersuchungen und eine Meldepflicht von entdeckten Verstümmelungen. »Wenn man diese Maßnahmen umsetzen würde, wäre das eine ganz klare Botschaft an die Täter, dass sie ihre Tat nicht unbemerkt durchführen können«, sagt Laufer. Aufklärungsarbeit hingegen werde »weder den Tätergruppen gerecht, noch den Mechanismen, die hinter dieser Gewalt stehen.«

Strafe oder Aufklärung?

Idah Nabateregga verteidigt die Aufklärungsarbeit: »Wir brauchen die Communities. Veränderung kommt von innerhalb, nicht von außerhalb«, ist sie überzeugt. Zu der Kritik sagt sie: »Es gibt keinen falschen Ansatz. Alle Ansätze, die helfen können, Genitalverstümmelung zu überwinden, sind willkommen.« »Unsere Arbeit ist unbequem, da wird es immer Kritiker*innen geben«, sagt Sina Tonk, Bereichsleiterin bei Terre des Femmes, gelassen. Der Verein selbst reagiert auf die Kritik seiner ehemaligen Mitarbeiterin schärfer: »Ines Laufer differenziert nicht zwischen Gegner*innen und Befürworter*innen von weiblicher Genitalverstümmelung innerhalb der afrikanischen Communities«, heißt es. Ihre Vorwürfe seien haltlos.

Sina Tonk freut sich auf die Zusammenarbeit mit den anderen beiden Organisationen in der neuen Koordinierungsstelle. »Nur gemeinsam sind wir stark«, sagt sie. »Es müssen die unterschiedlichsten Zielgruppen aufgeklärt, sensibilisiert und geschult werden, um einerseits Betroffene gezielt unterstützen zu können und andererseits ein Umdenken in Bezug auf diese schwere Menschenrechtsverletzung zu erreichen.«

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