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Trotzki

Vielfach beflügelt

Zum 80. Jahrestag des Mordes an Trotzki

Von Velten Schäfer Richard Färber

Wie hältst du’s mit der ISA? Wer ist das legitime CWI? Das sind so Fragen, die gar nicht so wenige Linke umtreiben, zuweilen sogar ziemlich emotional. Und wer darüber hinaus noch die höchst kontroversen Antworten darauf überblickt, ob etwa die 4. Internationale a) als Organisation ungebrochen weiter bestehe, b) als Organisation nicht mehr existiere, jedoch wiedererrichtet werden müsse oder c) im Geiste ohnehin dermaßen »degeneriert« sei, dass man sich dringend an den Aufbau der 5. Internationalen machen müsse, der hat sich einen Durchblickorden verdient.

Ob und - wenn ja - zu welcher dieser Fraktionen sich Esteban Volkov zählt, mögen Kundigere eruieren. Gewiss ist jedoch, dass sich alle diese Gruppen, Strömungen, Parteien und Weltorganisationen auf den Mann beziehen, dessen Andenken der betagte Volkov bis heute hochhält: Auf seinen Großvater, den 1879 als Lew Dawidowitsch Bronstein in der heutigen Ukraine geborenen Revolutionär, der unter dem Kampfnamen Leo Trotzki den russischen Bürgerkrieg für die Bolschewiki gewann. Und dass Stalin noch 1940 - als die Weltpolitik nun wirklich kompliziert genug war - genug Zeit und Antrieb aufbrachte, seinen entmachteten Konkurrenten um Lenins »Erbe« in dessen mexikanischem Exil durch einen Agenten namens Ramón Mercader ermorden zu lassen, sagt schon fast alles über Stalins Regime.

Als sich Volkov am Donnerstag anlässlich des 80. Jahrestages der Mordattacke auf der Webseite »marxist.com« - Trotzkismusüberschauer, übernehmen Sie! - live zu Wort meldete, erweckte er zum Leben, was hinter diesen Nachfolgekämpfen oft aus dem Blick gerät: das menschlich-politische Drama um Trotzkis Person, das sich bis auf den Enkel übertrug. Erst 1939 gelangte der Vollwaise nach einer Exilodyssee nach Mexiko, dem einzigen Land, das dem im »Westen« wie »Osten« Unwillkommenen Asyl gewährte. Volkov beschrieb die offene Atmosphäre in dem Haus, in dem sein Großvater unermüdlich schrieb und bis zuletzt Gäste aus aller Welt empfing, obwohl er nicht nur wusste, dass Stalin ihn ermorden wollte - sondern dieser das bereits versucht hatte: Am 24. Mai 1940, als eine mit Maschinenpistolen und Brandbomben bewaffnete Gruppe ins Haus eindrang und nur die Geistesgegenwart von Trotzkis Frau Natalja Sedowa dessen Leben rettete: Sie schubste den Schlafenden zu Boden, sodass er - wie der junge Esteban nebenan - nur leicht verletzt wurde.

Bewegend sind Volkovs Erinnerungen an den 20. August: »Ich kam aus der Schule und bemerkte von Weitem, dass etwas nicht stimmte. Polizisten standen an der geöffneten Tür und ich rannte in das Haus.« Dort sah er den mit dem Tode ringenden Großvater und den überwältigten Mörder. »Nehmt das Kind weg«, rief der blutüberströmte Trotzki, der ihm dieses Bild ersparen wollte. »Er hatte noch die Größe und Kraft, die wutentbrannten Wächter zu drängen, dass der Mörder nicht getötet werden sollte. Dieser solle reden und sei lebend von größerem Nutzen«, so Volkov. Am Folgetag verstarb Trotzki.

1937 hatte Trotzki in Mexiko-Stadt die Vorwürfe aus dem Schauprozess widerlegt. Zuletzt arbeitete er an einer Biografie, die Stalins Anteil an der »Entartung der Oktoberrevolution« analysierte. Am Staatseigentum an Produktionsmitteln hielt Trotzki fest, die UdSSR wollte er gegen Aggressionen verteidigen. Doch brauche diese Ordnung Demokratie so sehr »wie der menschliche Körper Sauerstoff«. Eine Neuauflage jener bis dahin lückenhaften Stalinbiografie hat Volkov vor wenigen Jahren mit Alan Woods herausgegeben, dem Redakteur von marxist.com.

Mit seinen Exilschriften hat Trotzki ein »reichhaltiges theoretisches Arsenal« hinterlassen, findet nicht nur Volkov. Und hätte die Linke nicht spätestens 1989 von seiner sozialistischen Kritik des Stalinismus beflügelt sein müssen? Stattdessen sind »Trotzkisten« bis heute nicht nur die linke Strömung mit den wohl meisten - und untereinander feindseligsten - Flügeln, sondern auch den meisten Verächtern: Traditionskommunisten erinnern sie an ihre eigene Deformation und Niederlage. Postmoderne wittern »Klassenreduktionismus«, wo Anarchisten an ihrer Organisiertheit Anstoß nehmen. Dabei sind dies Tugenden, die eine heutige Linke braucht: Neugier auf wirkliche Konflikte statt Akademismus von oben; Fleiß, Belesenheit - und ja: auch Disziplin - statt frei flottierender Befindlichkeitspflege.

Von der Pro-Corbyn-Bewegung »Momentum« über die Bernie-Sanders-Kampagne bis hin zu bestimmten Strömungen und Personen in der deutschen Linkspartei zeigt sich, wozu maßgeblich auch Trotzkisten in der Lage sind. Wenn, ja wenn sie sich bloß zu einem »Post-Trotzkismus« durchringen können. Also dazu, jenes Binnenuniversum zu verlassen, das um die 4. oder 5. Internationale rotiert - und sich den echten Menschen tatsächlich zuzuwenden, die all diese Sekten angeblich vertreten. Doch nicht nur in diesem Sinn, sondern in jedem Fall verdient das aktuell von der Corona-Krise gebeutelte Trotzki-Museum in Mexiko-Stadt jede Unterstützung, das sein Enkel seit Jahrzehnten pflegt.

www.marxist.com/support-trotsky-museum

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