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Schufa der Liebe

Diese Kolumne hat kein Thema

Von Paula Irmschler

Auf den Glückseinkommensnachweis zu lange gewartet, die Kaution des Lebens nicht zurückbekommen: Paula Irmschler sammelt in ihrer Schlager-Kolumne Haben und Soll und findet Gold in jeder Scheiße.

Ausmisten. Übers Ausmisten wird immer viel geredet. Leute haben zu viel Kram, das sagen sie, wenn sie zu viel Kram haben. Die, die zu wenig haben, sagen das eher nicht. Irgendwann kam noch Marie Kondō mit ihrer Netflix-Serie übers Ausmisten, und alle Dämme waren gebrochen. Das war jetzt wichtig. Immer weniger haben, minimalistischer werden, was aber nicht bedeuten soll, dass man an der Qualität sparen MUSS. Geld ausgeben muss noch immer sein, zu viel Geld mal wieder, also wenn man es halt hat bzw. hatte. Das ist das wichtigste Thema, nach wie vor, was man hat und losgeworden ist und was diese Dinge wert sind.

Den Aufräumkult wünsche ich mir auch fürs Internet manchmal, nicht wirklich, aber so bisschen in der Fantasie, wie das mit Wünschen eben manchmal so ist. Leute würden richtig viel ausmisten, kistenweise die Meinungen rausschleppen, »zu verschenken«, sie würden recyceln, statt alles neu aufzutischen, und die ein oder andere alte Unterlage einfach schön wegschreddern. Müll, Müll, Müll. Vielleicht ist das Internet zu voll geworden - wäre ich eine Poetry-Slammerin, würde ich an der Stelle noch hinzufügen: oder wir zu leer? - Und dazu kommt ja noch alles andere, außerhalb des Internets, aber dazu mehr woanders.

Auf Instagram drücken schlanke Frauen an ihrer Haut rum, um so zu tun, als wären sie nicht ganz schlank, um dieses Body Positivity zu gewinnen, um weiterzugewinnen, wie immer, Misswahl forever. Auf dem Cover des aktuellen »Bruce Springsteen«, pardon, des »Rolling Stone«, ist ein männlicher weißer Musiker, der lange im Geschäft ist, und nicht die beiden aktuell sehr erfolgreichen, nichtweißen Frauen. Das verkauft sich besser, und das stimmt. Auf Facebook schreibt jemand, dass alles scheiße ist und bleiben wird, und was man dagegen nur tun soll. Auf Twitter gewinnt der einmilliardste Tweet über »Cancel Culture« die Medaille, DIE Medaille. Nur Eingeweihte wissen Bescheid.

Am Fenster, morgens um sechs, hört man Kinder schreien, Autos hupen, Baustellen entstehen und Leute diskutieren. Meine Theorie dazu ist: Die Geräusche sind nicht da unten auf der Straße, sondern nur bei den Empfänger*innen. Eine Verschwörung vielleicht, eine Einbildung oder das Abspielen einer Stadtgeräusch-CD, damit nur niemand Schlaf bekommt, niemand, der ihn braucht. Doch, oh, da kommen die Nachrichten. Polizisten haben wieder geprügelt. Geflüchtete werden ermordet. Ulf Poschardt verteidigt Don Alphonso, und Liberale haben die Linken satt und die Rechten lieb. Das Künstlerkollektiv Peng! soll sie doch nicht machen, die Antifa-Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz, und wird dann noch mit seiner Auktion von Ebay verbannt. Rechte tun Rechtes, und wir werden nicht müde zu tippen, warum das, was sie tun, Doppelmoral ist, aber sie wissen das schon. Alles ist eigentlich klar. Vielleicht ist die Baustelle wirklich da, man weiß nur nicht, was dort gebaut werden soll.

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