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Willkommensklassen

Mit Wenn und Aber

Hossam Saber ist Lehrer einer Willkommensklasse in Berlin-Wedding. Er sagt: Wir Lehrer, vor allem aber auch die Kinder brauchen mehr Unterstützung

Von Claudia Krieg

Seit 2015 kamen im Zuge von Konflikten und Kriegen viele geflüchtete Kinder nach Berlin. Der Bildungsverwaltung zufolge besuchten 2016 insgesamt 11 383 Schüler*innen eine Willkommensklasse. 2020 sind es nur 6541. Hossam Saber, Lehrer in Wedding, erläutert im Gespräch mit Claudia Krieg Probleme und Herausforderungen des Konzepts.

Wie lange arbeiten Sie schon als Lehrer von Willkommensklassen?

2015 habe ich damit angefangen, und mit einer Unterbrechung von einigen Monaten war ich durchgehend in dem Bereich tätig. Allerdings hatte ich, wie fast alle Willkommensklassenlehrer, immer befristete Arbeitsverträge. Wir bekommen weniger Geld als normale Lehrer. Obwohl wir die gleichen Aufgaben haben - wenn nicht mehr.

Das sind ja keine besonders attraktiven Arbeitsbedingungen...

Ja, es gibt sehr viel Unsicherheit. Wer einen festen Arbeitsvertrag bekommen kann, der wechselt und verlässt die Schule. Dazu kommt: Die Klassen werden nach einer Weile geschlossen, die Kinder werden auf die Regelklassen verteilt. Oder statt zwei Willkommensklassen gibt es nur noch eine. So war es auch bei mir, meine Stelle wurde gestrichen. Innerhalb von drei Jahren habe ich so dreimal die Schule gewechselt.

Was bedeutet das für die Kinder, die Sie unterrichten?

Das ist natürlich für die Kinder auf Dauer keine Lösung, dass einfach der Lehrer von heute auf morgen verschwindet. Und auch die Kinder, die nicht mehr in der Willkommensklasse sind, aber waren, brauchen danach noch Betreuung oder Förderunterricht. In den Regelklassen brauchen sie weiterhin mehr Unterstützung für Deutsch zum Beispiel. Das Konzept sieht aber vor, dass sie nach zwölf Monaten in die Regelklassen wechseln.

Ist das zu schaffen?

Das kommt darauf an, welches Niveau die Kinder haben, welches Alter, aus welchem familiären Bildungsumfeld sie kommen, ob sie traumatisiert sind oder nicht. Ob die Eltern in ihrer Muttersprache alphabetisiert sind oder nicht. Spielen Fluchterfahrungen eine Rolle? Welches soziale Leben haben die Kinder? Manche schaffen den Übergang innerhalb weniger Wochen, manche benötigen mehr als 15, 16 Monate. Meiner Meinung nach brauchen die Kinder in den Willkommensklassen zwei, wenn nicht drei Lehrer, mehr Sozialarbeiter, Praktikanten sowie Schulhelferassistenten. Manchmal bin ich mit vier anderen Erwachsenen im Unterricht für acht oder neun Kinder da, das ist natürlich ideal. An anderen Tagen bin ich den ganzen Tag mit mehr als 14 Kindern fast allein. Hilfe brauchen auch die Eltern, bei Anträgen und mit der Bürokratie zum Beispiel. Die Kinder sollen sich ja auf das Lernen konzentrieren. Und ich will mich auf die Kinder konzentrieren.

Es gibt auch Kritik an dem Konzept. Da heißt es, die Kinder kämen nicht richtig an, manche kämen plötzlich nicht mehr. Sie berichten nun, dass auch Lehrer oder die Klassen selbst »verschwinden«.

Am Anfang war der Bedarf sehr groß. Mit der Zeit ging die Anzahl der Klassen und Schüler rapide nach unten. In jedem Bezirk gibt es eine Koordinierungsstelle, die die Kinder zentral verteilt. Manche Schulen haben ein, zwei Willkommensklassen und manche Schulen haben gar keine. Aber was mir wichtig scheint: Es geht ja nicht nur um Flüchtlingskinder oder Kinder, die aus dem Ausland nach Deutschland gekommen sind. Auch manche Kinder, die hier geboren und aufgewachsen sind, hier in die Kita gegangen sind, kommen in die Schule, in die erste Klasse, und sind der deutschen Sprache nicht mächtig - aus verschiedenen Gründen. Und auch diese Kinder brauchen mehr Betreuung, mehr Förderung. Gerade heute hatte ich ein Gespräch mit einer Kollegin, die mich fragte: »Wer entscheidet eigentlich, dass ein Kind bei mir in die erste Klasse geht, das gar nicht der deutschen Sprache mächtig ist? Ist es möglich, dass es zu dir in die Willkommensklasse wechselt?«

Und ist das möglich?

Ich hatte schon solche Fälle, dass das Kind nach einem Jahr bei mir dann wieder zurück in die Regelklasse ging. Und es weiß von Anfang an: Das ist meine Klasse und das ist mein Klassenlehrer, und ich bin vorübergehend in dieser Gruppe der Willkommensklasse. Im besten Fall verbringt das Kind auch Zeit mit seinen Mitschülern und mit seiner Lehrerin, zum Beispiel bei Ausflügen. Oder es macht bestimmte Fächer mit, wo die Sprache nicht im Mittelpunkt steht, Sport zum Beispiel oder Musik oder Kunst. Das stärkt die Freundschaften und die Bindung zu seiner Regelklasse.

Das heißt, zusätzlich zu den fünf Stunden in Ihrer Willkommensklasse gibt es dann für den Schüler noch Unterricht mit der Regelklasse?

Ja. Bei manchen Schulen haben die Kinder in der Willkommensklasse Deutsch, Mathe und andere Fächer. Bei manchen ist die Schulleitung der Meinung: nur Deutsch, Deutsch, Deutsch. Aber es sollte auch um die Integration der Kinder in der Schule gehen. Wir haben zum Beispiel an einem Mini-Marathon teilgenommen, und die Kinder waren stolz, dass sie jede Woche trainiert haben. 4,2 Kilometer, das ist ein Zehntel-Marathon. Und das ist für manch Sieben-, Achtjährige eine Herausforderung. Das ist eine tolle Leistung. Das spüren die Kinder.

Wie vollzieht sich der Übergang in die Regelklasse?

Der Übergang ist nicht immer reibungslos. Manche Kinder haben große Ängste, und meistens verstehen sie die Sprache eher passiv und reagieren wenig im Unterricht. Da ist mehr Toleranz von den Lehrern gefragt.

Welche Qualifikation haben Lehrer wie Sie in der Regel?

Die meisten haben einen Hochschulabschluss in Germanistik oder Deutsch als Zweitsprache studiert. Ich bin seit 2001 Lehrer. Ich habe Pädagogik und Germanistik in Ägypten studiert und hier in Deutschland einen Master als Konferenzdolmetscher gemacht. Das ist von Vorteil, wenn ich mal als Dolmetscher zwischen Eltern und Schulleitung gefragt bin. Wir haben an der Schule Muttersprachler in vier, fünf, sechs verschiedenen Sprachen: Arabisch, Bulgarisch, Russisch, Englisch, Türkisch. Das ist großartig. Die Hausordnung ist in verschiedene Sprachen übersetzt. Auch viele Briefe und Newsletter gibt es in verschiedenen Sprachen, viele Anweisungen, Klassenregeln, Schulregeln.

Das scheint mir besonders.

Ich glaube, das gibt es nicht so häufig. Es ist das Engagement der Schule und der Kollegen, das gibt es nicht zentralisiert. Ich würde mir das wünschen. Oft finden die Eltern die Informationen nicht. Es müsste einfacher sein - für die Kollegen, für die Kinder, für die Lehrer, für die Eltern, für die Schulleitungen. Die Sprache ist ein Hindernis. Ich habe immer die Unterstützung von anderen Kollegen, die sich als Muttersprachler anbieten, wenn es um Elterngespräche oder Elternabende geht. Das ist eine große Leistung. Und es spart viel Zeit, Nerven und Kosten, wenn ich das Gespräch mit den Eltern in der Muttersprache führen kann. Es ist eine große Aufgabe. Aber wir schaffen das. (lacht) Wir schaffen das, aber mit Wenn und Aber. Es braucht Ressourcen, Gelder, bessere Rahmenbedingungen. Und man kann nicht erwarten, dass die Kinder in die Maschine reinkommen und nach zwölf Monaten Willkommensklasse rauskommen und perfekt Deutsch sprechen.

Gelingt es Ihnen, das zu vermitteln?

Ich versuche zumindest, eine Brücke zwischen zwei Kulturen zu sein. Jemand, der die Vorteile von beiden gut verstehen und vermitteln und die Nachteile einfach vermeiden oder etwa kleiner machen kann.

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