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  • Berlin
  • Anton-Wilhelm-Amo-Straße

Die Mohrenstraße wird umbenannt

Bezirksparlament von Berlin-Mitte entscheidet sich für neue Bezeichnung Anton-Wilhelm-Amo-Straße

  • Von Quynh Tran
  • Lesedauer: 5 Min.

Die Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Mitte hatte am Donnerstagabend beschlossen, die Mohrenstraße in Anton-Wilhelm-Amo-Straße umzubenennen, weil »der bestehende rassistische Kern des Namens nach heutigem Demokratieverständnis belastend ist und dem nationalen und internationalen Ansehen Berlins schadet«. Das kam für viele überraschend. Keine 24 Stunden später versammeln sich an der gleichnamigen U-Bahn-Station einige Dutzend Aktivisten und Interessierte zum »Dekolonialen Flanieren mit Anton Wilhelm Amo durch die Mohrenstraße«. Zu dem Spaziergang mit vier Stationen hatte die Nachbarschaftsinitiative Anton-Wilhelm-Amo-Straße schon eingeladen, als die Umbenennung noch nicht absehbar war. Nach der überraschenden Entscheidung der Bezirksverordnetenversammlung war die Stimmung euphorisch.

»Keiner hätte gedacht, dass das jetzt passiert. Aber vielleicht war es so überraschend doch nicht, denn wir erleben gerade einen Moment, in dem die Bereitschaft wächst, wirklich etwas zu verändern und sich dabei auch mit Rassismus in der öffentlichen Topografie unserer Stadt auseinanderzusetzen«, sagt Regina Römhild. Sie ist Mitinitiatorin der Nachbarschaftsinitiative und Professorin am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität Berlin, das am Ende der Straße liegt. Schon als Römhild 2009 berufen wurde, haderte sie mit der Adresse in ihrer Signatur, die ganz wortwörtlich ein Relikt ist. »Aber die Umbenennung ist nur ein Schritt in der aktiven Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte«, mahnt sie.

Diese Auseinandersetzung beginnt für die Flaneure nur ein paar hundert Meter vom historischen Ort der Afrika-Konferenz von 1884 entfernt, an dem heute das Kulturprojekt »Dekoloniale Erinnerungskultur in der Stadt« wirkt. Dass Dekolonisierung auch Namen und Worte und die Räume, die sie besetzen, durchdringen müsse, daran erinnern die Journalistin Arlette-Louise Ndakoze und Bonaventure Ndikung, Gründer und künstlerischer Leiter von Savvy Contemporary. Die Gesprochene-Worte-Performance wird vom überwiegend jungen Publikum mit Applaus aufgenommen.

Auf dem Weg zur nächsten Station gibt es einen regen Austausch. Mnyanka Sururu Mboro, Mitbegründer des Vereins Berlin Postkolonial, engagiert sich schon seit Jahrzehnten für eine aktive Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte. Als er 1978 aus Tansania zum Studium an die Technische Universität in Westberlin kam, nahm ihm seine Großmutter das Versprechen ab, den Schädel des Chagga-Fürsten Mangi Meli zu finden, der vermutlich nach seiner Ermordung durch deutsche Kolonisten nach Deutschland verschleppt wurde.

Zum 100. Jahrestag der Afrika-Konferenz, bei der es um die Aufteilung des Kontinets gegangen war, organisierte Mboro Lesungen im Hebbel-Theater, und von 2005 bis 2007 organisierte er Märsche zur Erinnerung an den Maji-Maji-Aufstand, aus denen schließlich sein Verein hervorging. »Für die Änderung von Straßennamen, die mit dem Kolonialismus zusammenhängen, setzen wir uns schon seit 15 Jahren ein. Der Erfolg fühlt sich noch surreal an«, sagt er. Trotz der Freude über die Umbenennung geben die drückende Hitze an diesem frühen Abend und der schwere Gang Mboros vielleicht eine kleine Ahnung davon, wie ermüdend die jahrzehntelange Debatte war.

Umbenennungen gibt es immer wieder. Sie haben meist mit der Nazivergangenheit oder der Wiedervereinigung zu tun. Die Mohrenstraße - zur Vermeidung des Begriffs von etlichen Aktivisten nur M*straße genannt - oder das Afrikanische Viertel wurden von der Gesellschaft lange nicht als Problem angesehen. Aber auch die Umbenennung von Straßen, die nach Wissenschaftlern oder Künstlern benannt sind, die Antisemiten waren, stieß bisweilen auf Widerstand. Am Gendarmenmarkt weisen die Forscher Silvy Chakkalakal und Arjun Appadurai darauf hin, dass die Straße ein Ort des politischen Handelns ist und ihr Name das Geschichtsverständnis mitbestimmen kann.

Umbenennungen sind nicht als Geschichtsrevision zu verstehen, sondern als Sichtbarmachung unbekannter Geschichte, als Anerkennung von Realitäten, als Zeichen für einen Perspektivwechsel. So wie bei Anton Wilhelm Amo, dem wahrscheinlich ersten Studenten afrikanischer Herkunft an einer europäischen Universität und ganz sicher erstem bekannte Philosophen und Rechtsgelehrte in Deutschland, der schwarz war. An seiner einstigen Wirkungsstätte, der Universität Halle-Wittenberg, wird seit 1994 der Anton-Wilhelm-Amo-Preis für besondere wissenschaftliche Arbeiten an Studenten und Graduierte verliehen.

Um Sichtbarkeit geht es auch am Bundesjustizministerium. Vor der Installation des Künstlers Ulrich Schröder zur »Verkündung der Reisefreiheit« 1989 durch Günter Schabowski trägt Studentin Savannah Sipho das Gedicht »blues in schwarz weiß« von May Ayim vor. Alina Benecke und Feben Amara vom Fasia-Jansen-Ensemble singen das Lied »Freedom, Freiheit, Liberté«.

Samuel, Student aus Köln, ist unter den Flaneuren und läuft bis zum Ende mit. »Als PoC hat mich die Thematik der Dekolonisierung immer schon interessiert, und ich bin dankbar für diese Veranstaltung und für die Namen und das Wissen, das hier geteilt wird. Als ich heute morgen von der Umbenennung gehört habe, hat es sich ein bisschen historisch angefühlt«, sagt er. Eine PoC ist eine Person of Color, ein Mensch, der keine weiße Hautfarbe hat.

Am Ende vor dem Institut für Europäische Ethnologie bleiben viele Flaneure für Gespräche. Es besteht nach zwei Stunden noch Redebedarf, auch wenn hier bald der Name von Anton Wilhelm Amo stehen wird - ein Etappensieg im Bemühen um Anerkennung.

Amo wurde als Kleinkind von der Niederländisch-Westindischen Gesellschaft versklavt und 1707 an Anton Ulrich von Braunschweig und Lüneburg-Wolfenbüttel »verschenkt«. Am Hof von Braunschweig-Wolfenbüttel erhielt er eine hervorragende Ausbildung, studierte Philosophie und Rechtswissenschaften und lehrte nach seiner Promotion als Professor an der Universität Halle. Trotz seiner Erfolge bleibt Anton Wilhelm Amos Name ein Mahnmal. Denn er hat in Deutschland keine Heimat gefunden. Nachdem seine Förderer verstorben waren und er in Spottkampagnen öffentlich verleumdet wurde, kehrte er 1747 in sein Geburtsland zurück. Ob er dort eine Heimat gefunden hat, ist nicht bekannt, seine Spur verliert sich. Seine Schriften wurden lange ignoriert und erst seit den 1960er Jahren wieder verstärkt rezipiert.

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