Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung
  • Politik
  • »Initiative 19. Februar Hanau«

»Wir wollen, dass Hanau überall ist«

Nach Verbot von Großdemonstration finden bundesweit dezentrale Gedenkkundgebungen statt

  • Von Sebastian Bähr, Hanau
  • Lesedauer: 4 Min.

»Uns geht es nicht gut mit der Absage der Gedenkdemonstration«, sagt Harpreet Cholia. Die Aktivistin der »Initiative 19. Februar Hanau« trägt ein weißes T-Shirt mit der Aufschrift »Say their names – Sagt ihre Namen«. Sie steht am Samstagmittag am Hanauer Heumarkt vor einer Shishabar. Hier hatte vor sechs Monaten ein Rassist mehrere Menschen erschossen, bevor er zum zweiten Tatort in den Stadtteil Kesselstadt zog und dort seinen Anschlag fortsetzte. Vor der Shishabar wurde an einer Straßenkreuzung ein Baum zu einer provisorischen Gedenkstätte umfunktioniert. Mehrere Blumensträuße stehen auf der Erde, Bilder der neun ermordeten Hanauer werden auf Schautafeln gezeigt. Ein selbst organisiertes Gedenken – doch wie steht es um das offizielle?

Nur einige Meter vom Tatort entfernt hat die »Initiative 19. Februar Hanau« – ein Zusammenschluss von Opferangehörigen, Freunden und Aktivisten – einen Laden als Begegnungsstätte angemietet. Zahlreiche Plakate und Schilder liegen vor dem Eingang. Unterstützer und Familienmitglieder diskutieren oder telefonieren. Monatelang hatten sie für die Großdemonstration zum heutigen Samstag mobilisiert, in einer Stunde hätte sie losgehen sollen. Bis zu 5000 Teilnehmer wurden erwartet – wochenlang arbeiteten Veranstalter und Behörden gemeinsam an einem Hygienekonzept.

Am Freitagabend dann die Überraschung: Der SPD-Oberbürgermeister Claus Kaminsky hatte den Protest wegen steigender Corona-Zahlen kurzfristig verboten. Nur eine Kundgebung mit 250 Menschen ist erlaubt. Am Ladenlokal mischen sich Wut, Unverständnis und ein ernüchterter Pragmatismus. »Wir haben beschlossen, weiterzumachen«, sagt Harpreet. Alle Unterstützer sollen am Nachmittag deutschlandweit Live-Streams der Veranstaltung in Hanau zeigen, so der Wunsch der Initiative. »Wir wollen, dass Hanau überall ist.«

Während die Aktiven zügig ihre Pläne anpassen, ist die Hanauer Innenstadt von einer ambivalenten Stimmung geprägt. An zahlreichen Wänden sind Bilder der Ermordeten zu sehen, am DGB-Gebäude am Freiheitsplatz hängt ein Transparent mit ihren Namen, am Gebrüder-Grimm-Denkmal gibt es eine weitere improvisierte Gedenkstätte. Gleichzeitig sitzen viele Menschen bei knalliger Hitze in Restaurants und Cafés, am Markt herrscht geschäftiges Treiben, eben doch eine Art »Normalität«. »Ich finde gut, dass die Demonstration wegen Corona abgesagt wurde, man muss jetzt auch mal an die Allgemeinheit denken«, sagt der 52-jährige Roland. Benjamin, 42 und mit seinem Sohn unterwegs, sieht das anders. »Es ist wichtig, dass die Tat nicht vergessen wird. Das Ganze war schlimm für Hanau«, sagt der Familienvater, der auch zur Kundgebung will.

In dem Imbiss »Lokanta« nahe dem Tatort am Heumarkt sind die Wunden derweil noch frisch. Batta Kan steht neben seiner Frau Sultan an der Theke und verzieht das Gesicht: »Wir leben seit 40 Jahren in Deutschland, aber jetzt sind wir fertig«, sagt er. In der Tatnacht hatte Batta mit seiner Schwiegertochter Seyda sowie zwei Mitarbeitern im Imbiss gearbeitet. Der Mörder habe sie gesehen, doch sie hätten sich rechtzeitig versteckt – und gerade noch mal Glück gehabt. Seitdem wurde aber alles schwieriger. Der Laden musste wegen des Polizeieinsatzes mehrere Tage geschlossen werden, Mitarbeiter kündigten, wirtschaftlich kämpft man nun ums Überleben. »Unser Sohn hat viel Geld hier reingesteckt, wir können nicht einfach wo anders hin«, so Batta. Dazu kommen die Herausforderungen in der Familie: Seyda bekam Schlafprobleme, Sultan Angst. »Wir haben die Behörden um Hilfe gebeten, aber keine erhalten.«

Von der Begegnungsstätte ziehen am Nachmittag rund 50 Angehörige und Freunde schweigend zum Freiheitsplatz. In ihren Händen halten sie Schilder mit den Bildern der Toten. Der nur wenige Minuten entfernte Kundgebungsort ist schnell gefüllt. Die 250 erlaubten Teilnehmer und etwas entfernt rund 100 weitere Menschen sind gekommen. Auf der Bühne berichten die Familien von den Menschen, die sie verloren haben. Sie erzählen von den schlechten Erfahrungen mit Behörden und Ministern. Fordern würdiges Erinnern, Gerechtigkeit, Aufklärung und Konsequenzen. Konkret bedeutet das unter anderem: Rücktritt des hessischen Innenministers Peter Beuth (CDU) und die Entwaffnung aller Rassisten.

Auch Fragen werden viele gestellt. Çetin Gültekin, der Bruder des ermordeten Gökhan, berichtet etwa auf der Bühne, wie der Mörder seit Jahren dem Amtsgericht bekannt war. »Wie kann es sein, dass der seinen Waffenschein behalten konnte?«, fragt er ungläubig. Wie auch die anderen Angehörigen betont er, dass kaum jemand die Polizei während des Anschlags erreichen konnte. »Das ist ein Behördenversagen in und vor der Tatnacht.« Die Aktivistin Newroz Duman stellt in ihrer Rede wiederum klar: »Wer von Einzelfällen spricht, meint in Wirklichkeit, dass alles wie bisher weitergehen soll.« Dabei brauche es jetzt einen »Aufschrei«, so die Mitbegründerin der »Initiative 19. Februar«. Eindruck macht auch die Rede von Peter Fischer, Präsident von Eintracht Frankfurt. »Wir wehren uns gegen euch«, sagt er mit Blick auf die extreme Rechte. Von der Menge gibt es donnernden Applaus.

Nach rund zwei Stunden ist die Kundgebung zu Ende. Alleine an vier weiteren Orten in Hanau wurden die Reden übertragen. In mindestens 50 Städten fanden bundesweit Solidaritätskundgebungen statt, Tausende haben den Live-Stream angeschaut. Auf der Kundgebung wird zusammengepackt. Peman, ein Freund der Mordopfer Said Nesar Hashemi und Ferhat Unvar, sagt gegenüber »nd«: »So etwas darf nie wieder in Deutschland und nie wieder in unserer Stadt Hanau passieren.«

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln