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Wenn sich der MDR blamiert

Robert D. Meyer ärgert sich über Interviews mit Rechtsextremen

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 3 Min.

Akribisch vorbereitet sollte es sein, es werde hartnäckig nachgefragt: Bereits vor der Aufzeichnung verteidigte der MDR das geplante »Sommerinterview« mit dem Thüringer AfD-Vorsitzenden Björn Höcke. Vieles sollte anders als die lockere Plauderstunde des RBB mit Andreas Kalbitz vor einigen Wochen sein. Am Ende bestand der größte Unterschied darin, dass das Gespräch nicht an einem Brandenburger See, sondern im Erfurter Rundfunkhaus stattfand.

Brauchte es ein weiteres Lehrbeispiel, dass Rechtsextreme mit (Live)-Interviews nicht zu entlarven sind, der MDR lieferte am Dienstag dafür ein Musterstück ab. Kritiker hatten davor gewarnt, dem Faschisten eine Bühne zu geben. Schon Tage vor dem Interview gab es in den sozialen Netzwerken unter dem Hashtag #KeineMinuteAfD massiven Protest dagegen.

Der Sender rechtfertigte sich, er müsse laut Rundfunkstaatsvertrag unparteiisch über alle relevanten Parteien in Thüringen berichten. Dass die Öffentlich-Rechtlichen laut ihrer Grundsätze ebenso verpflichtet sind, die »Würde des Menschen« zu achten und auf ein »diskriminierungsfreies Miteineinander« hinzuwirken, war da für die Verantwortlichen wohl nur eine Nebensache.

Höcke konnte meist widerspruchslos seine Botschaften und Stichworte verbreiten, inhaltliche Positionen wurden ab-, aber nicht wirklich hinterfragt. Genau darin zeigt sich auch, warum Interviews denkbar ungeeignet sind, Rechtsextreme als Verächter der pluralistischen Gesellschaft zu entlarven. Unangenehmen Fragen, wie der nach dem Pseudonym »Landolf Ladig«, unter dem Höcke früher für NPD-Postillen geschrieben haben soll, wich er einfach aus. Dazu sei alles gesagt, es gebe wichtigere Themen für das Land, umging der AfD-Politiker jede inhaltliche Antwort. Dass der MDR-Journalist seine Frage auch noch mit einem »Wie sehr nervt Sie das...« eröffnete, zeigt den Unwillen, tiefer in die Materie einzusteigen. Höcke hatte hier leichtes Spiel, weil er auf ein Gegenüber traf, dass vor allem darauf bedacht war, möglichst viele Themen abzuarbeiten.

Da wundert es auch nicht, dass der MDR-Journalist keine Miene verzieht, als Höcke den seit Ende Mai formal aufgelösten völkisch-nationalistischen »Flügel« als fröhliche Männerrunde darstellt, deren Freundschaften weiterbestehen. Wer hier nicht einsteigt und den AfD-Politiker mit inhaltlichen Positionen und Zitaten konfrontiert, will doch geradezu hinausschreien, dass er keine Lust hatte, in seiner Vorbereitung einen Blick in Höckes erst zwei Jahre alte Propagandaschrift »Nie zweimal in denselben Fluss« zu werfen, die die zutiefst rassistische, demokratiefeindliche und nationalistische Denkweise dieses Mannes entlarvt.

Hauptsache, Höcke brachte noch einen Werbeblock für die am Samstag geplante Coronaleugnerdemo in Berlin unter. Wer da mitlaufe, vertrete halt nur eine andere, aber wissenschaftlich fundierte Position, behauptet Höcke und weil er noch irgendetwas halbgares über die Treffsicherheit von Coronatests nachschiebt, ist der MDR-Journalist spätestens jetzt mit der Situation sichtbar überfordert, wie eigentlich an so vielen Stellen dieses Gespräches, das ziemlich genau so verlief, wie im Vorfeld befürchtet wurde. Wenn so wochenlange Vorbereitung aussieht, möchte man nicht wissen, wie das Interview verlaufen wäre, wenn fünf Minuten vor Ausstrahlung ein beliebiger MDR-Kollege in der Kantine angesprochen worden wäre, ob er nicht gerade einmal ein paar Minuten Zeit habe, Björn Höcke zu interviewen.

Dass es anders geht, beweist das ZDF. Dessen Chefredakteur Peter Frey erklärte 2019, Höcke nicht mehr einzuladen. Das wäre auch für den MDR die einzig richtige Entscheidung gewesen.

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