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Ausweg aus dem Trauma

Kunst und Depression: Katya Apekinas Roman »Je tiefer das Wasser« sucht nach Sinn im Suizidversuch

Eines der auffälligsten Themen in diesem Bücherjahr ist sicher der von Depression und Suizid, oftmals gerahmt von Familien- und Herkunfts(trauma)geschichten. Da hat etwa Christian Baron eine Autofiktion und Bov Bjerg einen Ich-Roman vorgelegt, die beide das Thema auch als Geschichte von Klassenstrukturen und sozialem Aufstieg behandeln. Der US-Amerikaner David Vann erweitert das Ganze um eine ethnisch-historische Perspektive und ein Ideal von Freiheit. Benjamin Maack schließlich veröffentlichte seine erschütternden Notizen aus der Psychiatrie, und mit Helene Bockhorst nahm zur Abwechslung mal eine Frau das Thema vor allem mit Humor.

Die russisch-amerikanische Autorin Katya Apekina hat mit ihrem Debütroman »Je tiefer das Wasser« nun endlich auch ein Künstler*innendrama zu dem Themenkomplex Depression und Suizid geschrieben. Doch wie es sich für ein echtes Kunstwerk gehört, ist es zugleich viel mehr als das. Die psychisch labile (und erfolglose) Dichterin Marianne hat versucht, sich umzubringen, und liegt nun in der Psychiatrie. Ihre 16-jährige Tochter Edie hatte sie gerade noch rechtzeitig gefunden und wurde daraufhin mit der 14-jährigen Schwester Mae aus ihrem Kaff in Louisiana nach New York zum Vater Dennis verfrachtet, der seine Töchter nicht mehr gesehen hat, seitdem er kurz nach Maes Geburt - und Mariannes erstem Suizidversuch - die Familie verließ.

Dennis ist ein berühmter Schriftsteller, dem die wesentlich jüngere Marianne schon als Kind Inspiration und Muse war und die ihn schließlich mit 17 heiratete. Sie hatte Dennis im Haus ihres Vaters kennengelernt, der ihn zusammen mit einer Gruppe von Studenten bei sich aufnahm, die auf den sogenannten Freedom Rides der Bürgerrechtsbewegung Anfang der 60er Jahre mit Bussen durch die Südstaaten fuhren, um gegen die Segregation zu protestieren. In Louisiana wurden sie von einem weißen Mob halbtot geprügelt und von Mariannes Vater gerettet.

Dennis hat diese Ereignisse später in seinem ersten Roman verarbeitet, der ihn über Nacht bekannt machte. Doch seine Freunde von damals waren alles andere als begeistert über die Porträts von sich, die sie in dem Buch entdeckten, die Dennis aber alle für fiktiv und zu Facetten seiner selbst erklärte.

All das erfahren wir - wie auch Edie und Mae - erst nach und nach. Doch Apekina erzählt uns diese Geschichte nicht nur abwechselnd aus der Perspektive der beiden Schwestern, Edies in einer Art Gedankenprotokoll aus der Gegenwart der Haupthandlung im Jahr 1997, Maes in einem Rückblick von 2012 (was wir allerdings auch erst später erfahren). Im Laufe des Romans kommen immer mehr Stimmen und Textformen dazu: Briefe zwischen Dennis und Marianne, Tagebucheinträge, Telefongespräche, Zeitzeugenberichte, Arztprotokolle. Das ist jedoch weit weniger anstrengend, als es klingen mag, denn es ergibt kein postmodernes Verwirrspiel, sondern entfaltet sich perfekt arrangiert - und trotz der Schwere der Themen mit sehr viel Witz - zu einer konsistenten Erzählung, die am Ende zwar keineswegs rund ist, sich dafür aber zu einem in höherem Sinne umso realistischeren Ganzen fügt.

War es nun Dennis, der mit dem »emotionalen Vampirismus« des Schriftstellers seiner Muse erst den Lebenswillen aussaugte und sie dann zusammen mit den Kindern fallen ließ, oder hat er Marianne in Wahrheit nach dem frühen Tod ihres Vaters durch die Heirat »gerettet«? Und daraufhin hat umgekehrt sie, die kranke »Hexe«, ihm das Leben schwer gemacht, bis sie nach der Geburt der zweiten Tochter endgültig den Verstand verlor und nach dem Suizidversuch mit Dennis den einzigen Menschen verjagt, der sie noch am Leben zu halten drohte?

Vermutlich ist beides ebenso Teil der Wahrheit, wie Edie und Mae beide vollkommen unterschiedlich auf den erneuten Suizidversuch reagieren. Während Edie, die sich immer schon von ihrer Mutter weniger geliebt fühlte, zunehmend Schuldgefühle entwickelt und immer dringender zurück nach Hause will, um sich um Marianne zu kümmern, ist Mae heilfroh, endlich der identifikatorischen Vereinnahmung durch die Mutter entkommen zu sein und will sie, durch einen pikanten Exorzismus in der Liebe zum (wieder)gefundenen Vater, in sich selbst noch einmal töten.

Natürlich laufen diese Spannungen auf eine - oder vielmehr zwei - erneute, diesmal jedoch kathartischere Katastrophen hinaus. Am Ende gibt es sowohl einen gewissermaßen familientherapeutischen Ausweg aus dem Trauma, wie auch einen kunsttherapeutischen. Nur Dennis scheint weiter für etwas büßen zu müssen. Macht sich die Kunst also doch immer schuldig?

»Kunst ist kein Schutzschild«, sagt eine der erheiterndsten Figuren in Apekinas reichem Kabinett, die (so Edie) »hässliche Tschechin« Rivka, eine von Dennis’ zahlreichen Amouren, irgendwann zu ihrem Schützling Mae: »Kunst ist ein Messer. Du musst bluten!« Aber eben die Künstler*in, nicht die anderen.

Vielleicht darf man das als Apekinas ästhetische Ethik verstehen, vielleicht auch nicht. Jeder versteht ohnehin nur das, was er verstehen kann. Die Kunst aber - jedenfalls dann, wenn sie so groß ist wie die von Katya Apekina - kann sehr viel zu diesem menschlichen Verstehen und Verständnis beitragen. Dadurch mag man ihr auch gerne zutrauen, dass sie - auf welche Weise auch immer - letztlich jede Krankheit heilen kann - sogar, und vielleicht ganz besonders, die zum Tode führt.

Katya Apekina: Je tiefer das Wasser, a. d. Eng. v. Brigitte Jakobeit, Suhrkamp, 396 S. geb., 24 €.

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