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Heimat ist ein blaues Band

Martina Mosebach wagt die Annäherung an eine Weggeherin

  • Lesedauer: 9 Min.

Als Mutter noch lebte, erzählte sie mir häufig Geschichten über ihre Heimat.

Pommernland.

Niemals ließ sie sich dabei in die Karten schauen. Es war zwecklos, ihr Fragen zu stellen. Wenn sie Dinge nicht erzählen wollte, schwieg sie.

Stille.

Stolz auf ihrem Gesicht.

Geheimnisse gehörten seit jeher zu unserer Familie, doch Mutter liebte sie am meisten. Mutter war eben eine merkwürdige Person. Schon ihr Aussehen irritierte die Menschen: ihre muskulösen Arme und Beine, ihr breiter Rücken. An der Wäschestange vor unserem Haus konnte sie fünf Klimmzüge hintereinander machen, ohne aus der Puste zu kommen und zwei Wasserkästen ohne Unterbrechung in die fünfte Etage unserer Mietswohnung schleppen. Ihre Hände waren groß und kraftvoll. Sie besaß keine zarten Klavierspielerhände wie ich sie von anderen Müttern kannte, die nichts anderes taten, als zu kochen und zu waschen und ihren Töchtern Zöpfe zu flechten. Nur ihr Gesicht war sanft, milchfarben, ihr gelocktes Haar, im Sommer schimmerte es wie Himbeeren, rötlich.

Am meisten erschreckten mich ihre kleinen eingefallenen Brüste. Einmal sah ich sie, als sich Mutter über der Badewanne wusch. Sie erinnerten mich an zerplatzte Luftballons, die wir als Kinder mit Wasser füllten und uns gegenseitig vor die Füße warfen. Auch trug meine Mutter niemals Schmuck, nur eine russische Uhr mit einem rotgoldenen Zifferblatt. Ich hörte sie leise ticken, wenn es ruhig im Raum war, wenn Mutter schlief oder sie sich mal wieder Geschichten ausdachte. Wenn ich mit meiner Mutter in unserer Gegend spazieren ging, tuschelten die Nachbarn häufig hinter unserem Rücken. »Schaut nur, das ist doch die aus dem Osten«, hörte ich sie sagen. Ich bemerkte ihre argwöhnischen Blicke, wenn sie ihr aus dem Fenster hinterher starrten, wenn sie vor ihren Häusern standen und ihr Blicke nachwarfen.

Der Ort, den meine Mutter am meisten mochte, war ihr kleiner Garten hinter unserem Mietshaus. Sie liebte die Arbeit mit den Händen, das Graben in der Erde. Sie legte dort allerhand Blumenbeete und Gemüsebeete an und pflanzte einen Apfelbaum, der im Frühjahr herrlich süß duftete. Im September trug er in manchen Jahren so viele Äpfel, dass Mutter tagelang mit dem Ernten und Einkochen beschäftigt war. Sie erstand das kleine Grundstück von unserem Vermieter, der sich anfangs weigerte, ihr sein Eigentum zu verpachten. Er wollte dort Garagen bauen und sie an die Anwohner vermieten. Damals befand sich dort nur Sperrmüll und keiner hätte sich träumen lassen, dass aus solch einem Schandfleck mal ein kleiner, hübscher Garten werden würde. Mutter hatte eben ein Händchen dafür. Sie war ein Landkind und sie kannte jede Blume. Manchmal verbrachten wir ganze Wochenenden draußen, um den Garten zu richten: Im Herbst setzten wir Blumenzwiebeln - Osterglocken und Tulpen. Im Frühjahr, wenn die Zeit kam, die Beete zu bepflanzen, wurde Mutter immer redseliger und kaufte Unmengen von Stauden in allen möglichen Blautönen. Der Storchschnabel gehörte zu ihren Lieblingspflanzen. Sie liebte die kleinen, zarten Blüten in nachtblauer Farbe. Den Sommer mochte Mutter am meisten, wenn die Luft vor Hitze klirrte und der Himmel durchscheinend blau war. Im hinteren Teil des Gartens war es bis zum Mittag schattig. Manchmal kühlte sie ihre Füße dann in einem kleinen Waschtrog. Mit hochgekrempelten Hosenbeinen saß sie auf ihrem Gartenstuhl, bewunderte ihren Garten. Und wenn sie sich unbeobachtet fühlte, sank sie in sich zusammen, nickte für einige Minuten ein und träumte von ihrer Heimat, die sich wie ein langes blaues Band durch ihr Leben zog - ohne Anfang, ohne Ende.

Erster Teil

1. Kapitel

Mutter starb eines Tages völlig unerwartet an einer Virusinfektion und keiner wusste, warum sie uns so früh verlassen hatte. Ich hatte gerade mein Abitur gemacht und sie wollte, dass ich Architektur studiere. Es war ihr eigener Traum gewesen, sie hatte es sich so fest in den Kopf gesetzt, dass sie schon Hochschulen auskundschaftete, wobei ich noch völlig unschlüssig über meine Zukunft war.

Mutter war in vielen Dingen streng mit mir, was wohl mit ihrer eigenen Erziehung im Sozialismus zusammenhing. Bei den Bettzeiten machte sie nie Kompromisse, in den Morgenstunden rüttelte sie mich um sechs Uhr wach, ganz gleich ob die Schule früh begann oder nicht. Nur in den Ferien gestattete sie mir all die Freiheit, die sie in der DDR nie gehabt hatte. Schon früh schickte sie mich allein auf Reisen. Ich kannte von all meinen Schulkollegen die meisten Jugendherbergen in Deutschland, Österreich und Italien. Schon Wochen vor den Ferien begann sie mit der Urlaubsplanung - alles wurde bis aufs Detail ausgearbeitet. Sie selbst aber ging nie auf Reisen. Ihre eigenen Reiseerfahrungen erstreckten sich gerade mal auf die ehemalige DDR. Sie war bis an die Grenze Polens gekommen, obwohl sie von anderen Ländern geradezu fasziniert war. Wenn sie Reiseberichte im Fernsehen sah, leuchteten ihre Augen und wenn ich sie fragte, warum sie selbst nicht auf Reisen ging, blinzelte sie nur seltsam mit den Augen, wandte mir den Rücken zu und erwiderte so etwas wie: »Ach Kathi, nun ist’s auch zu spät. Was man nicht kennt, kann man auch nicht vermissen.«

Im Stillen glaubte ich damals, dass sie mich nur wegschickte, um mit Onkel Ilja alleine zu sein.

Onkel Ilja gehörte zur Familie, auch wenn er gar kein richtiger Onkel von mir war. Ich nannte ihn nur so. In Wirklichkeit war er der Liebhaber meiner Mutter. Nie verlor sie all die Jahre ein Wort über ihre Beziehung. Die Liebe gehörte zu den Dingen, die unaussprechlich für sie waren. Auch meinen Vater erwähnte sie nie. Ich wusste nur, dass er bei einem Autounfall ums Leben kam, angeblich ein Westler, den sie nach der Flucht aus der DDR kennengelernt hatte. Die Wahrheit über meinen Vater erfuhr ich erst viel später. Ein winziges, zerknittertes Passfoto war das einzige, was ich von ihm besaß. Er war blond, seine Augen waren wasserblau und er hatte ein Grübchen, das ein pfenniggroßes Loch in seine rechte Wange grub.

Er hatte mit Onkel Ilja so gut wie gar nichts gemein. Onkel Ilja besaß Hände wie Schaufeln und einen Kopf so groß und rund wie eine Wassermelone. Er war halb Russe, halb Deutscher. Wenn ich ihm früher als Kind abends vor unserem Mietshaus heimlich beim Rauchen begegnete, erschrak ich, weil er irgendwie unheimlich aussah, er trug auch im Sommer dicke Winterstiefel . Wenn Onkel Ilja bei uns war, hatte meine Mutter immer die Angewohnheit, mich aus dem Zimmer zu schicken. Sie hätten Dinge zu bereden, die für Kinderohren nicht bestimmt seien, sagte sie dann. Manchmal lachten sie laut oder es war lange Zeit still im Raum. Früher mochte ich Onkel Ilja nicht sonderlich, weil Mutter sich während seiner Anwesenheit seltsam verhielt. Obwohl sie sich gewöhnlich nicht schminkte, benutzte sie dann Wimperntusche, die ihre Augen dunkel erscheinen ließen. Ihr krauses Haar trug sie offen. Im Badezimmer stand ein kostbar aussehender Parfumflakon von Dior, den Onkel Ilja ihr mitgebracht hatte. Mutter hätte sich so etwas nie gekauft. Immer wenn Onkel Ilja zu Besuch war, trug sie das Parfum auf und ein süßlicher Duft nach Maiglöckchen zog dann durch unsere Wohnung.

Nach ihrem Tod teilte ich mir die kleine Wohnung mit Onkel Ilja. Onkel Ilja litt sehr in der Zeit. Er ließ sich regelrecht gehen, rasierte sich tagelang nicht und trug Kleidung, die nicht gewaschen war und nach Schweiß stank. Ich war solche Nachlässigkeit von ihm nicht gewohnt. Am meisten aber befremdete mich seine Untätigkeit. Er wusste nichts mit sich anzufangen. Wenn er von der Arbeit kam, schaltete er meist den Fernseher an und schaute sich Actionfilme oder Krimis an. Er spazierte durch die Gegend, als würde er einem Schatten nachjagen. Er lebte weiter in der Vergangenheit und wenn er sich völlig unbeobachtet fühlte, sprach er mit sich selbst oder mit Mutter und flüsterte ihren Namen in den Raum. Ich wusste, ich musste irgendetwas tun, um ihn abzulenken.

»Weißt du Onkel Ilja«, sagte ich eines Abends zu ihm. »Wir werden den Garten behalten, nicht wahr? Ich glaube, Mutter hätte es so gewollt.«

Onkel Ilja regte sich nicht. Vor ihm stand der volle Teller mit dem Eintopf, den er am Nachmittag gekocht hatte. Das Brot lag zerbröselt daneben, Brotkrumen, die sich über den gesamten Tisch verteilten. Nur das Glas Bier hatte er bis auf den letzten Schluck geleert.

»Wir werden den Weg legen, von dem sie immer gesprochen hat«, fuhr ich fort und nun reagierte Onkel Ilja endlich. Er griff nach dem Brot und stopfte sich einen dicken Klumpen in den Mund, kaute, schluckte und brachte dann mit tiefer Stimme hervor: »Weiß nicht so recht.«

Ich griff nach seinem Arm, strich über die nackte Haut. Sie war klebrig, von der Hitze des Tages, seine dunklen Haare, die sich borstenartig über seine blasse Haut zogen.

»Würdest du den Weg legen und die Hecke ziehen?«, fragte ich ihn, wobei Onkel Ilja nun den Kopf hob und mich aus milchigweißen, trüben Augen anschaute.

»Weiß nicht, Kathi. Ich kann nicht bleiben, hier ist nicht mein Zuhause.«

Ich schaute ihn an.

»Was redest du für einen Unsinn!«, protestierte ich und musste an die vergangenen Jahre denken, die Onkel Ilja bei Mutter und mir verbracht hatte. Immer, wenn er bei uns wohnte, lebte er aus einem Koffer. Er blieb Tage, manchmal Wochen, wenn er uns verließ, gab es keinen langen Abschied. Er sagte meiner Mutter nicht, wohin seine Reise ging. Er nahm seinen Koffer, drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und verließ still das Haus. Mutter putzte dann am gleichen Tag die Wohnung, zog die Betten ab, schrubbte das Badezimmer, das Waschbecken, wo ich in den Tagen darauf kein einziges Haar von ihm mehr fand, zuletzt riss sie die Fenster auf, so dass auch sein Duft verschwand, dieser herbe, leicht säuerliche Duft, der während seiner Anwesenheit durch unsere Wohnung zog. Mutter schaltete das Radio an, sie sang mit lauter Stimme die deutschen Schlager und wenn ausnahmsweise »Wind of Change« von den Scorpions gespielt wurde, zwinkerte sie mit den Augen, schluckte einige Male hintereinander und stellte dann schnell einen anderen Sender ein. Nie ließ sie sich ihren Abschiedsschmerz anmerken.

Martina Mosebach:
Die Grenzschwimmerin
Punktum Verlag
240 S., geb., 19,90 €

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