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Es ist weit bis Pontresina

… wenn man aus dem Osten kommt. Selbstbefragung aus dem Koffer

  • Lesedauer: 8 Min.

Seit einiger Zeit dachte ich abends gelegentlich an das Symposium, von dessen Vorbereitung man mir im Januar erzählt hatte.

Damals war ich nicht dazugekommen, mich genauer danach zu erkundigen, es war nur ein kurzes Gespräch gewesen, das mit der Auskunft geendet hatte, höchste Stellen hätten den Anstoß für dieses Vorhaben gegeben, offenbar in der Absicht, ein wenig von den Schmähungen abzutragen, die dem in seinem Fachgebiet weit über die Grenzen unseres Landes hinaus bekannten Wissenschaftler zugefügt worden waren.

Auch später hatte ich nichts Näheres erfahren können. Zweifellos konnte es sein, dass man, was nicht selten der Fall war, zunächst allgemeines Stillschweigen verordnet hatte.

Ich sagte mir, wenn dieses Symposium stattfinden würde, bekäme ich auch eine Einladung, sicher drei oder vier Wochen zuvor, ebenso wie alle anderen erwünschten Teilnehmer, meine Adresse würden sie gewiss in irgendeinem Verzeichnis finden, da hatte ich keine Bedenken.

Ansonsten war es nicht meine Angelegenheit, mich um die Erwägungen bestimmter höherer Gremien zu kümmern.

Und trotz alledem ging mir in den letzten Wochen manchmal vor dem Einschlafen der Gedanke durch den Kopf, ob es ihnen tatsächlich gelingen würde, mit diesem Vorhaben alte eklatante Fehler aus der Welt zu räumen und widerwärtige Geschehnisse vergessen zu machen.

Einmal dachte ich sogar, vielleicht werden sich die Organisatoren daran erinnern, dass ich mehrere Jahre unter Kurt Günzerodt gearbeitet und bei ihm promoviert habe.

Aber wer sollte das heutzutage noch wissen? Höchstens Gottfried Kasberg, doch es war fraglich, ob er überhaupt zum Kreis der Organisatoren zählte. Und außerdem, das alles gehörte zur Vergangenheit, zu einem Zeitabschnitt, über den kaum noch jemand gerne sprach.

Überrascht war ich dann aber schon, als gestern, kurz vor Mittag, die Briefträgerin, nachdem sie die Dienstpost bei der Sekretärin abgegeben hatte, in der offenstehenden Tür erschien und mir lächelnd einen grauen Umschlag auf den Schreibtisch legte.

Ich dankte ihr, nahm den Brief und begleitete sie bis zu ihrem Fahrrad, das sie, wie immer, im Hof gegen den steinernen Brunnen gelehnt hatte. Wir wechselten ein paar belanglose Sätze miteinander, dann ging ich hinüber zu meinem Haus und nicht, wie sonst, zum Mittagessen in den Speisesaal.

Einen Augenblick blieb ich noch zögernd in der Tür stehen und beobachtete die ersten Tropfen, die das Pflaster des Vorgartenwegs zaghaft dunkel zu färben begannen. Im Flur zog ich darauf die Jacke aus, hängte sie an die Garderobe, betrat das Wohnzimmer, setzte mich an den Schreibtisch und öffnete den Brief.

Aus Anlass der Emeritierung von Prof. Dr. Kurt Günzerodt beabsichtigt die Sektion Pflanzenproduktion der Universität, ein wissenschaftliches Symposium durchzuführen, las ich mir leise vor, ich bewegte zumindest meine Lippen. Diese Information klang normal, ganz vernünftig. Doch schon der nächste Satz hielt die eigentliche Überraschung des gestrigen Tages für mich bereit, verstärkt noch durch die Tatsache, dass sie von Gottfried Kasberg kam, dem Sektionsdirektor, der nach der Mitteilung über Ort und Termin die Bitte an mich richtete, einen Kurzvortrag von maximal fünfzehn Minuten zu übernehmen. Das Thema, das er mir vorschlug, war gekonnt formuliert, er hatte das, wie ich mich erinnerte, schon immer beherrscht, es würde mir die Möglichkeit bieten, die Schwerpunkte weitgehend nach meinen eigenen Vorstellungen zu setzen. Er gehe davon aus, schrieb mir Kasberg, dass auch ich großes Interesse daran habe, die außerordentlichen wissenschaftlichen Leistungen von Professor Günzerodt zu würdigen und ihn mit meiner aktiven Teilnahme am Symposium zu ehren. Er bitte mich um eine baldige Zusage. Dem Schreiben beigefügt war der Programmentwurf mit allen vorgesehenen Themen und Referenten, mein Thema rangierte an dritter Stelle.

Womöglich trug der sachte Regen dazu bei, dass die Stimmung, während wir am gestrigen Nachmittag unser Programm für die kommende Woche besprachen, so angenehm gelöst war und vermutlich keiner der Anwesenden meine mangelnde Aufmerksamkeit bemerkte oder mein fehlendes Drängen vermisste, endlich zur Sache zu kommen, wenn die Diskussionen auszuufern drohten. Ich ließ sie reden, hielt mich zurück, wunderte mich höchstens ein bisschen, dass niemandem mein passives Verhalten aufzufallen schien, dass kein einziger mich fragte, ob ich mich nicht wohlfühlen würde oder in irgendeiner Weise Probleme hätte.

Später, am Abend, schaute ich, weil ich drinnen keine Ruhe finden konnte, eine Weile vor die Tür, es regnete noch immer, nun etwas stärker als am Nachmittag, aber keineswegs heftig, sondern so, wie sich Landwirte den Regen wünschen, wenn zuvor eine längere Trockenperiode geherrscht hat.

Ich ging schließlich wieder hinein, setzte mich an meinen Schreibtisch, las erneut den Brief des Sektionsdirektors und den beigefügten Programmentwurf, betrachtete beide Schriftstücke unter dem Licht der Schreibtischlampe, gewahrte das verwendete billige Papier, welches ebenso grau und faserig war wie das von unserer Bezirkszeitung und die Insignien der Universität kaum zur Geltung kommen ließ.

Angenommen hatte ich zwar, seit ich vom geplanten Symposium wusste, dass man mich als ganz gewöhnlichen Teilnehmer einladen würde, niemals aber hatte ich auch nur eine Sekunde daran gedacht, dass sie mich als Referenten brauchen würden, ausgerechnet mich, der weit ab von der Universitätswelt sich tagtäglich mit den widrigen Problemen der Praxis herumschlug, der froh war, wenn es mit den Erträgen und Leistungen einigermaßen voranging und die Mitglieder seiner Genossenschaft nicht murrten, sondern sich mit den erreichten Resultaten und den ihnen somit zufallenden Erlösen zufriedengaben.

Ich könnte antworten, dachte ich, dass ich mich aus terminlichen Gründen außerstande sehe, an der Veranstaltung teilzunehmen und den mir zugedachten Vortrag zu halten. Ich würde viel Zeit einsparen, in der ich mich meinen hiesigen Aufgaben widmen könnte, denn aller Voraussicht nach würden die Vorbereitung meines Beitrags und die Teilnahme mich etliche Tage kosten. Wozu also diese zusätzlichen Anstrengungen, die man in unseren Leitungsgremien womöglich als kaum vertretbare Zeitvergeudung bezeichnen würde? Als Konsequenz würde es folglich nur die Absage geben, schlussfolgerte ich. Und im gleichen Moment sagte ich mir, eine solche Entscheidung meinerseits hätten weder Günzerodt noch Kasberg verdient, und es wäre wahrhaftig ein erbärmliches Verhalten von mir, eine Gelegenheit nicht zu nutzen, um etwas wieder gutzumachen oder wenigstens den Versuch dazu zu wagen. Ich konnte doch wohl nicht so tun, als ob auch ich alles, was damals geschehen war, längst vergessen hatte. Ich wachte um sechs Uhr auf und stellte fest, dass es regnete.

Dann war ich schon dabei, einiges auf den Bogen zu schreiben, auf dem bereits das Thema meines Vortrags stand, als das Telefon klingelte. Der Abteilungsleiter, der Wochenendbereitschaft hatte, informierte mich, dass alles so ablaufe, wie wir es am Vortag abgesprochen hatten. Der Chef müsse über alles Bescheid wissen, das hatte bei meinem Vorgänger Heinz Wendler gegolten, und ich hatte es in gleicher Weise beibehalten.

Der zweite Anruf, so gegen zehn oder schon halb elf, erreichte mich, als ich bereits den Koffer vom Kleiderschrank genommen, hinüber ins Wohnzimmer getragen und geöffnet hatte, den schwarzen Holzkoffer, den mein Vater, angefüllt mit wertvollem Inhalt, seinerzeit aus der Kriegsgefangenschaft in Belgien mitgebracht hatte. Der Koffer war nun eher grau, das Holz war ausgebleicht und die vielen Rillen und Kratzer fielen kaum noch auf. Aber auch ich bezeichnete mein Erbstück noch immer als den schwarzen Koffer, weil meine Eltern ihn so genannt hatten und mein Vater stets behauptet hatte, er hätte jeden Tag, wenn er aus dem Kohleschacht heraufgekommen wäre, genauso ausgesehen, wie dieser Koffer, schwarz eingestaubt und Risse vom Steinschlag in der Haut.

Der jetzige Inhalt des Koffers hat lediglich für mich einen Wert, Fremde würden all das, was sie beim Ausleeren vorfänden, höchstwahrscheinlich für nutzlos halten und es einem Altpapierbehälter anvertrauen. Denn wen würde so etwas interessieren, wie die Diplomarbeit, die Promotionsschrift, die dazugehörenden handschriftlichen Manuskripte, die Übersichten neuerlicher Feldversuche, einige Sonderdrucke, die Mappen mit Zeitungsausschnitten, vieles davon schon erheblich vergilbt, der mit roter Schrift gekennzeichnete Schnellhefter mit dem bewussten, alles in Gang setzenden Artikel und mit weiteren, damit im Zusammenhang stehenden Veröffentlichungen? Ich glaube, höchstens die vielen Briefe könnten ein bestimmtes Interesse erwecken, ja, vielleicht die Briefe, die ich nach Jahresetappen und in zwei Gruppen, allgemein und äußerst privat, gebündelt habe, und bei denen ich jedes Mal, wenn ich sie sehe, meine Neigung unterdrücken muss, nach ihnen zu greifen, das heißt, nach denen aus dem Stapel mit der Aufschrift: äußerst privat, und mit dem Lesen eines ersten Briefes zu beginnen und dabei auch ein eventuell beigefügtes Foto zu betrachten, denn es würde dann so weitergehen, ich könnte nur schwerlich aufhören, Brief um Brief zu lesen, wie eine Sucht würde es über mich hereinbrechen, und meine gesamte Planung würde zur Makulatur verkommen.

Ich war schon im Begriff, einen Teil des Fußbodens meines Wohnzimmers mit einem Mosaik aus Schnellheftern, Seiten bedruckten Papiers, graphischen Darstellungen und Fotos zu gestalten, als mich das Telefon rief und ich mutmaßte, dass es nun doch irgendwo ein Problem gab, über das ich unterrichtet werden musste oder wo meine Hilfe erforderlich war …

Rolf Helmbold:
Es ist weit bis Pontresina, wenn man aus dem Osten kommt
Anthea Verlag
646 S., kt., 19,90 €

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