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Savo

Das alte Finnland

Seit drei Jahren wohnt der Autor in Helsinki. Das Land verstanden hat er erst im ostfinnischen Dorf Haukivuori.

Von Robert Stark

In Finnlands Nationalgalerie Ateneum Helsinki sind im zweiten Stock die Klassiker ausgestellt: Von französischen Meistern inspiriert, begannen die Söhne der Oberschicht Ende des 19. Jahrhunderts, Finnlands Einwohner, Seen und Wälder zu malen: Kämpfende Auerhähne, karelische Frauen mit Kopftüchern oder eine Beerdigungsgesellschaft in einem Ruderboot.

Kein Werk kann den Betrachter so gut ins historische Finnland versetzen wie das Gemälde »Kaski« (deutsch: Unter dem Joch) des Realisten Eero Järnefelt. 1893 entstanden, stellt es Grundbesitzlose bei der Brandrodung in der Provinz Savo (Ostfinnland) dar. Die Füße in Birkenrinde-Latschen, die Gesichter verrußt, von den dünnen Körpern hängen die Kleider in Fetzen. Traurig starrt ein blondes Mädchen den Betrachter aus dem Zentrum des Gemäldes an.

So wurde in Suomi über Jahrhunderte gelebt und überlebt - Finnland vor Nokia, nordischem Design, Computer Games oder Pisatest-Bestplazierungen. Als mich meine finnische Freundin Tanja Kohvakka einlud, den Mittsommer in ihrem Heimatdorf Haukivuori in der Povinz Savo zu verbringen, sagte ich ohne Umschweife zu: Holzsauna am See, mitternächtliche Gespräche bei Taghelligkeit und überteuertes Dosenbier - o ja!

Ihr Dorf Haukivuori (Hechtberg) hat zudem den höchsten Drumlin Europas. Ein tropfenförmiger Hügel, der mit fast 170 Metern Höhe von der Kraft des Gletschereises zeugt. Dreieinhalb Autostunden von Helsinki entfernt liegen Berg und Dorf in einem soziogeografischen Loch: Süd-Savo, jahrhundertelang umkämpfte Grenzregion zwischen Schweden und Russland, ist etwa so groß wie Sachsen, hat aber nicht einmal 150 000 Einwohner. Das dort liegende Pieksämäki in Savo wurde zur hässlichsten Stadt Finnlands gewählt. 9,96 Menschen pro Quadratkilometer leben in der Provinz Savo. Zum Vergleich: Die menschenleere Uckermark kommt bei diesem Parameter immerhin auf 39.

In den 1950er Jahren hatte Haukivuori 6000 Einwohner, jetzt sind es 2200. Im Jahr 2011 wurde das Gymnasium geschlossen, und obgleich man protestierte und Unterschriften sammelte, hielt im 2014 das letzte Mal ein Personenzug in Haukivuori.

Wir reisen mit dem Auto an: Während wir durch das Dorfzentrum fahren, zeigt mir Tanja, wo einst der Buchladen war. Im einzigen Supermarkt kaufe ich mir in der Haushaltswarenabteilung ironisch graue Baumwollsocken mit rotem Haukivuori-Schriftzug.

Auf dem Grundstück der Eltern angekommen verhält sich unsere Gruppe urbaner Endzwanziger wie Kinder im Süßwarengeschäft. Wir jubilieren vor Glück. So grün! So schön! So ruhig! Eine Bachstelze! Doch die Natur ist unromantisch: Eine übergewichtige Katze präsentiert eine gefangene Maus und verspeist ihren Fang vor unseren Augen - bis auf die Eingeweide.

Der ehemalige Kuhstall lehnt sich gegen den Wind, ungenutzt. Seit mehr als 200 Jahren ist dieses Land in Familienbesitz. Tanjas Vater ist Baugeräteführer, ihre Mutter Erzieherin. Von der Landwirtschaft, die ihre Vorfahren ernährte, ist nur ein kleines Kartoffelfeld geblieben. Keine der vier Töchter interessiert sich für das Anwesen, keine will hier leben. Und so verblassen die Erinnerungen an das alte Finnland immer mehr.

Bis ins 20. Jahrhundert war Finnland das Armenhaus Europas. Die Mehrheit der Finnen erwirtschafte gerade genug für das eigene Überleben. Karge Böden und Frost bis in den Juni und Bevölkerungswachstum erzeugten in den 1860er Jahren die letzte »natürliche« Hungersnot Europas. 15 Prozent der Bevölkerung Finnlands und Nordschwedens verhungerten damals. Eine Folge dieser Katastrophe ist bis heute im Norden der US-Bundestaaten Michigan und Minnesota zu sehen: In manchen Orten dort hat jeder fünfte Einwohner finnische Wurzeln. Die Kohvakkas wanderten nicht aus. Das Land wurde weiter bestellt.

Tanjas Großmutter half einst noch selbst bei der Brandrodung - wie auf dem berühmten Gemälde. Irgendwann hatten die Kohvakkas ein paar Kühe und etwas Wohlstand, wenige Jahrzehnte später schon verschwand die letzte Kuh wieder vom Hof. Heute ist die Holzsauna am See umgeben von Leerstand: Eine von Spinnenweben überwachsene Datsche, ein Pavillon, weitere Nebengebäude - in den letzten Jahren seines Rentnedaseins hat Tanjas Großvater immer weiter gebaut. Protestantischer Arbeitsethos und wohl auch Melancholie trieben ihn an.

In der Ferne brüllt ein Motor auf. Die paar Jugendlichen, die es in diesem Dorf gibt, lieben laute Motoren. Im Winter röhren die Schneeschlitten, im Sommer die Motorräder oder die Quads. Die nächsten Nachbarn sind gute anderthalb Kilometer entfernt.

In der Fischfalle am See, die wir im Auftrag des Vaters überprüfen sollen, hat sich am dritten Tag endlich etwas getan: Ein paar Rotfedern zappeln darin. Als ich das letzte Stück des glitschigen Metallkäfigs aus dem See ziehe, kommt tatsächlich ein kleiner Hecht zum Vorschein. Wir entlassen alle Gefangenen wieder in die Freiheit: Womöglich sind wir Millenials doch zu weich für ein Leben hier.

Zuhause in Helsinki erscheint mir die Reise in den Osten Finnlands irgendwie unwirklich. Meine Haukivuori-Socken trage ich mittlerweile ganz unironisch und ich weiß, wenn ich das nächste Mal das Ateneum besuchen werde, werde ich an die Kohvakkas denken müssen. Daran, wie dieselbe Familie das gleiche Stück Land über viele Generationen hinweg mit eisernem Willen bestellte, bei Junifrost und weißen Nächten - dort wo heute der Fuchs dem Hasen »Hyvää yötä!« sagt. Gute Nacht.

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