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Gut gefüllt: Tausende Badegäste am Caleta-Strand von Cádiz.
Coronavirus

Virusfrei durch Cádiz

Corona und die neue Wirklichkeit beim Reisen.

Von Wolfgang Scherreiks

Das ist die neue Realität!» wiederholt der Rezeptionist am anderen Ende der Leitung in Cádiz, was er sich für Anfragen zögerlicher Reisender zurechtgelegt hat. Seine Argumentation gleicht der von Juanma Moreno, Präsident des autonomen Gebietes Andalusien, der sie bekanntlich auch nicht erfunden hat: «Reisen sind möglich», schließt der Rezeptionist die Diskussion ein für alle Mal ab.

Dass die brüchige Wirklichkeit vor Ort neu definiert sein könnte, hat neugierig auf eine Spanienreise gemacht; aber nicht leichtsinnig. Schlagendes Argument des Hotels am Ende: Es sitzt auf dem Geld, das wir schon fürs Apartment bezahlt haben. Das wird nicht so einfach wieder rausgerückt. Zudem ist die Zeit knapp und Andalusien in Sachen Pandemie bisher glimpflich davongekommen. So treten wir die einwöchige Reise an.

Sie beginnt Mitte Juli am alten Flughafen Tegel: vermutlich unser letzte Flug von dort, passend dazu absolviert mit der deutschen Vintage-Airline. Die Dame an der Gepäckaufgabe hat Zeit, von ihrer Tochter zu erzählen. Die studiert in Sevilla, wo sie selbst zehn Jahre gelebt hat. Nach den letzten Tagen von Tegel befragt, wird ihr Gesicht leer: «Bestimmt werden wir alle entlassen.» Auch der Flughafen ist verwaist. Alles sieht nach Feierabend aus.

Nach München fliegt nur noch, wer logistisch dazu gezwungen ist. Das halbvolle Flugzeug erlaubt den gebotenen Abstand. Alle tragen Mund-Nasen-Bedeckung. Und alle nehmen sie wieder ab, um die Wasserflasche und den Trostkeks der Lufthansa zu goutieren. Vermeintliche Vielflieger wirken mit abgedecktem Gesicht noch abgebrühter, allzeit alert im Überlebenskampf. Und die ängstlichen Passagiere noch ängstlicher. Dass der Raum im Flieger durch Geld, nicht durch Gesundheit definiert wird, zeigt sich im voll besetzten Flug nach Sevilla. Was das angeht, ist die neue Wirklichkeit die alte.

«Die Flugzeuge der Lufthansa Group Airlines sind mit Filtern ausgestattet, die die Kabinenluft reinigen. […] Dank dieser speziellen Filter ist die Kabinenluft sauberer als die Luft, die Menschen auf der Erde atmen.» Wir wissen nicht, was an solch geschmeidigen FAQ-Sätzen des Unternehmens faktisch ist und was Marketing-Poesie.

Ohne QR-Code darf niemand nach Spanien einreisen. Dafür fragt ein Web-Formular Gesundheitszustand und letzte Auslandsaufenthalte ab. Bei der Ankunft in Sevilla nimmt eine Wärmekamera Temperaturmessungen vor. Anschließend hocken die Fahrgäste eng zusammen im Flughafenbus.

Kurz vor Antritt der Reise hat Andalusien die Pflicht zum Tragen der «Mascarilla» angeordnet - ausdrücklich auch im Freien und wenn der Sicherheitsabstand eingehalten werden kann. Seit wir den Flughafen betreten haben, sitzt ein Stoff über Mund und Nase. Wir werden ihn lange tragen, im Flughafenbus, im Zug nach Cádiz, in den Calles, auf den Plazas - bis zu unserem Appartement in der Altstadt. Dort wird die Tür mit einer App geöffnet. Innen ist jeder häusliche Plunder aus hygienischen Gründen fort. Die Fernbedienungen für Klimaanlage und Fernseher wie auch der Schlüssel und das Besteck sind sorgsam eingeschweißt. Die Folien tragen Aufkleber mit dem Vermerk «Virus free». Dass der Raum zudem im hinteren Teil eines Patios liegt und fensterlos ist, macht ihn endgültig zu einer sterilen Kapsel im Irgendwo. Wir taufen diese Wohnung unseren «Kühlschrank», in dem wir uns nur zum Durchatmen und Schlafen zurückziehen. Wir kochen nie, sitzen lieber stundenlang in Tapas-Bars.

Auf deren Terrassen lesen wir Kommentare aus Deutschland, die auf Spanien blicken. Die Deutschen erwarten die Rückkehr der Pandemie selbstverständlich aus dem Ausland, aus Spanien. Ist man auf Zahlen aus, schneidet Cádiz zu diesem Zeitpunkt jedoch besser ab als Berlin. Weiter heißt es, jeder Reisende suche nichts anderes als die Fiesta, jene unhygienische Sünde, der die Pest auf dem Fuße folgt. Gehören wir zu diesen verantwortungslosen Sündern?

Vorbeugen ist besser als Lockdown: Desinfektion auf einem Fährschiff in Cádiz
Vorbeugen ist besser als Lockdown: Desinfektion auf einem Fährschiff in Cádiz

Jedenfalls ist die Gewohnheit stark. Nach jedem Alltagsritual will ich endlich den Schleier der Maske lüften: Nach dem Essen, nach dem Verlassen eines Busses, eines Ladens. Die Erinnerung kommt nie als «ertappt» oder «schuldbewusst» wie es manche Zeitungserzählung den Gesichtern Ermahnter zuschreibt. Sie kommt als Gedanke an eine kurzzeitig glücklich verdrängte Krankheit.

So wie man trotz Wetter-App in den Himmel schauen muss, ist die physische Wirklichkeit nur auf der eigenen Haut erfahrbar. Das betrifft auch das dauerhafte Tragen eines Mund-Nasenschutzes bei 38 Grad im Freien. Das Atmen fällt schwerer. Wir vermeiden ausgedehnte Spaziergänge. Und wir vermissen einen Teil der klassischen Reiseerfahrung: den Sinneszugang über Duft oder Gestank. Irgendwann erlauben wir uns doch ein temporäres Aufatmen ohne Stoff: Beim Schlendern durch leere Gassen zur Siesta-Stunde, beim einsamen Nachtspaziergang am Meer, beim Sitzen auf der Terrasse, beim Eis-Essen. Vielleicht auch mit einer Zigarette - wären wir bloß Raucher!

So ein maskenloses Flanieren durch leere Straßen kann 100 Euro kosten. Aber in Cádiz, beschwert sich die alteingesessene Tageszeitung «Diario de Cádiz», gebe es zu wenig Polizei. In der Ferienzeit pro Schicht bestenfalls ein Dutzend. Dabei titelt der Zeitungschef David Fernandéz in seinem Meinungsbeitrag extra «Mascarilla o muerte» - Maske oder Tod. Am Sonntag wird der elegante Stadtstrand Caleta erstmals wegen Überfüllung geschlossen.

Der vorgeschriebene Abstand beträgt 1,5 Meter. Gruppensport oder Spiele sind ebenso tabu wie Strandspaziergänge ohne Maske. Anmelden muss sich niemand zum Strandgang. Als wir zum ersten Mal baden gehen, sind die Urlauber aus der nahen Umgebung schon wieder abgereist. Andere ausländische Touristen treffen wir kaum. Wer da ist, hält sich an alle Regeln.

Die Jugend indes zieht es nachts auf die Promenade am Strand, unter die gigantischen Gummibäume. Kann man jungen Menschen das dionysische Abenteuer verbieten? Sie feiern, was sonst? Der andere Teil der spanischen Jugend gibt auf Twitter den Tugendwächter, der Reglement einfordert und Verzicht praktiziert. Außerdem gibt es da auch noch ein paar Alte, die nicht alle Regeln einhalten: Vielleicht einfach wegen des kürzeren Atems in der Sommerhitze.

Auch wir sind wegen der Fiesta nach Cádiz gekommen. Die muss man sich etwas anders vorstellen als in den so provokanten wie kitschigen Bildern von den spanischen Urlaubsinseln. Hier trifft der von Virologen gefürchtete mediterrane Lebensstil voll sozialer Nähe auf die Distanzmaßnahmen der Gesundheitsbehörden - was beim Flamenco nicht immer aufgeht.

In Cádiz kommt man dem Flamenco nah. Doch Auftrittsmöglichkeiten für die Künstler sind rar. Die meisten Tablaos sind wegen Pandemiemaßnahmen geschlossen, nicht wenige ruiniert. Auch das Flamenco-Zentrum auf der Plaza de la Merced hat alle Schotten für Veranstaltungen dicht gemacht. Wer an den Mauern der Plaza entlangspaziert, sieht die schönsten Live-Momente der Künstler auf großformatigen Fotos. Hinter den steinernen Wänden hört man Tänzer, Gitarristen und Sänger proben: für einen Auftritt - irgendwann, in einer ungewissen Zukunft.

Zaghafte Ansätze einer Wiederbelebung gibt es: Auf dem Dach eines Hostels tanzt und singt der Flamenco-Künstler El Mawi. Auf dem Weg durchs Treppenhaus müssen Masken getragen werden. Und «Abrazos y Besos», Umarmung und Küsschen, sollen vermieden werden. Aber das funktioniert nicht. Nicht heute. Die Umarmung und der Kuss heute sind stärker als der Tod von morgen. Irgendwann ruft El Mawi ins Publikum: «Haltet bitte den Abstand ein mit euren Zigaretten. Ich habe keine Lust, Krebs zu kriegen!»

Während der ganzen Woche lesen wir von neuen Infektionsherden in Spanien. In einer Diskothek in Córdoba haben sich 101 Personen mit dem Virus infiziert, 78 in Almería. Besonders das jugendliche Nachtleben steht im Fokus. Erste Virologen raten, was mittlerweile umgesetzt ist: Botellónes, die Trinkgelage, verbieten, die Diskos schließen, das Rauchen in der Öffentlichkeit einschränken. Im fernen Barcelona gibt es nun auch schon wieder Ausgangsbeschränkungen. Es wird Zeit, abzureisen.

Auf dem Rückflug ist es so heiß, dass wir unseren verdeckten Nasen in Richtung Klimaanlage recken. Mag die Luft auch noch so sauber sein, es kommt einfach zu wenig von ihr an. Zuvor, im Transferbus von Sevilla, haben wir sinnlose Anordnungen einhalten müssen: Auf dem Boden eingezeichnete Schritte mahnten: «Sicherheitsabstand einhalten!» Folgsam stellten die Passagiere ihre Füße exakt auf die verordneten Plätze. Und standen damit Schulter an Schulter, ohne den Sicherheitsabstand einzuhalten.

Angesichts des Erster-Sein-Wollens, dass die Menschen vor allem an Flughäfen befällt, klappt es in Berlin-Tegel nicht so recht mit dem pandemiegerechten Aussteigen. Spätestens wenn sich vor der Gepäckausgabe Menschentrauben bilden, ist es mit der Vorsicht vorbei.

Vielleicht aber ist das Naserümpfen über Spanien-Urlauber dennoch zu pauschal. Zumindest der Andalusien-Rückkehrer weiß, dass die Pandemiemaßnahmen dort strikter gehandhabt werden als in Deutschland. Auch nach unserer Rückkehr hat sich Cádiz angesichts Spaniens zweiter Covid-19-Welle vergleichsweise gut geschlagen. So bleibt die neue Realität hier wie dort, was die alte schon immer war: brüchig.

Tipps

Allgemeine Informationen:

www.spain.info/de

Cádiz:

Cádiz ist südlichste Provinz der Iberischen Halbinsel. Die Provinzhauptstadt Cádiz mit 116 000 Einwohnern gehört zu den ältesten Städten Westeuropas. Auch wenn sie kein Geheimtipp mehr ist: Besonders beliebt ist sie bei einheimischen Sommerurlaubern.

Nächster Flughafen ist Jerez in 35 km Entfernung. Es gibt eine Busverbindung vom Flughafen Jerez nach Cádiz und zurück. Die Anreise vom Flughafen Sevilla kann auch mit dem Zug erfolgen.

andalucia.org/de/provincia-cadiz

www.cadizturismo.com/de

Corona-Lage

Landesweit beträgt die Inzidenz der Sars-CoV-2-Infektionen in Spanien mehr als 50 Fälle pro 100 000 Einwohner auf sieben Tage. Deshalb wird Spanien mit Ausnahme der Kanarischen Inseln von der Bundesregierung als Risikogebiet eingestuft. Das Auswärtige Amt warnt vor nicht notwendigen, touristischen Reisen dorthin. Tendenziell steigen die Zahlen der Neuinfektion zurzeit in ganz Spanien. Regional fällt die 7-Tage-Inzidenz (Stand 26. August 2020) jedoch unterschiedlich aus: Führend sind die Autonomen Gemeinschaften Madrid (197), Aragón (163), La Rioja (152) und das Baskenland (149). Andalusien liegt mit 45,9 mit am unteren Ende der Skala, die Provinz Cádiz bei 24.

Ein- und Ausreise

Für Reiserückkehrer nach Deutschland ist ein PCR-Test bindend sowie ggf. eine Quarantäne. Die Einreise aus allen EU- und Schengen-assoziierten Staaten nach Spanien ist seit dem 21. Juni 2020 wieder möglich. Bei Einreise kann eine Gesundheitskontrolle durch Temperaturmessung, Auswertung des Einreiseformulars oder visuelle Kontrolle erfolgen. Seit 1. Juli 2020 müssen alle Flugreisende ein Formular im Spain Travel Health-Portal ausfüllen, das einen QR-Code erzeugt. Der muss bei der Einreise vorgelegt werden. Die Registrierung erfolgt frühestens 48 Stunden vor Einreise. In Ausnahmefällen kann ein Formular in Papierform ausgefüllt werden.

www.spth.gob.es

Hygieneregeln:

Landesweit gilt eine Pflicht zum Tragen einer Mund- und Nasenbedeckung an allen öffentlichen Orten innerhalb und außerhalb geschlossener Räume sowie in öffentlichen Verkehrsmitteln. ws

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