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Sporthallen werden zu Wahllokalen

US-Sportligen setzen Spielbetrieb nach Zugeständnissen fort

  • Von Maximilian Haupt und Claas Hennig, Orlando
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Basketballstars der Milwaukee Bucks und von Orlando Magic knieten in der leeren und halbdunklen Halle. Sie trugen T-Shirts mit dem Leitspruch der weltumspannenden Bewegung »Black Lives Matter« und schwiegen für einen Moment. Vor dem Eishockeyspiel zwischen Tampa Bay und Boston war ein Video zu sehen, in dem zum Kampf gegen Rassismus aufgerufen wurde. Auf zwei Riesenbildschirmen leuchtete der Schriftzug: »This is bigger than sports« - das ist größer als Sport.

Nach den beispiellosen Streiks und Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt nahmen die Topligen in den USA am Wochenende ihren Spielbetrieb wieder auf - doch von Normalität ist nicht nur wegen Corona nichts zu spüren. Das Thema Rassismus bleibt omnipräsent. Insbesondere die Basketballer der NBA weisen immer wieder auf die Probleme in der amerikanischen Gesellschaft hin. »Das ist größer als Basketball«, sagte Starspieler Giannis Antetokounmpo nach dem Sieg seiner Bucks gegen Orlando und dem Einzug ins Viertelfinale am Samstag. »Es wird Spiele geben, in denen du vielleicht 50 Punkte machst, doch später wirst du dich daran nicht erinnern. So, wie wir uns in dieser Woche gefühlt haben, daran werden wir uns für den Rest unseres Lebens erinnern«, sagte er.

Als erste Profimannschaft hatten die Bucks diese Woche ein Playoff-Spiel bestreikt und damit eine nie da gewesene Protestserie ausgelöst. In der Frauenliga WNBA, im Fußball (MLS), Baseball (MLB) und etwas verspätet im Eishockey (NHL) hatten sich Teams und Spieler angeschlossen. Football-Mannschaften aus der NFL verzichteten auf ihr Training und selbst das Tennis-Masters in New York spielte einen Tag lang gar nicht. »Das ist groß. Das ist stark«, sagte Antetokounmpo. »Andere Sportler aus anderen Ligen das gleiche machen zu sehen, ist kraftvoll und zeigt, dass wir das Richtige getan haben.«

Die Bucks hatten am Mittwoch stundenlang in der Kabine gesessen und unter anderem mit der Familie von Jacob Blake telefoniert. Der 29-Jährige war vor einer Woche in Kenosha von einem Polizisten siebenmal in den Rücken geschossen worden. Milwaukee ist mit dem Auto keine Stunde Fahrtzeit entfernt vom Tatort.

In der NBA hatte es seitdem intensive Diskussionen gegeben, ob die Saison überhaupt fortgesetzt werden sollte. Nach mehreren Sitzungen und als unter anderen Lakers-Star LeBron James einen entsprechenden Rat von Ex-Präsident Barack Obama angenommen hatte, entschieden sich die Basketballer weiterzuspielen. Im Gegenzug bekamen sie von den Teambesitzern unter anderem das Versprechen, dass - wo es möglich ist - die Heimspielstätten als Wahllokale bei der anstehenden Präsidentschaftswahl am 3. November genutzt werden.

»Ich hatte Zweifel. Aber wenn du einen Plan aufstellen kannst, von dem du das Gefühl hast, er ist wichtig, um die Landschaft zu verändern, dann ist es klarer«, sagte James dem TV-Sender TNT nach seinem Erfolg gegen die Portland Trail Blazers und dem Einzug ins Viertelfinale am Samstag. »Die NBA-Arenen für viele Gemeinden als Wahllokale zu haben, ist unglaublich, das wollen wir fortsetzen. Wir alle wissen, wie wichtig das ist.« Manche NBA-Stars bleiben aber skeptisch, dass sich in den USA etwas ändert. »Ich bin nicht so zuversichtlich, wie ich es gerne sein würde«, sagte Jaylen Brown von den Boston Celtics. Es habe zu oft leere Versprechen für eine Veränderung gegeben.

Die NHL hatte sich am vergangenen Donnerstag mit einem Tag Verzögerung dem Protest angeschlossen. Die Profis begründeten dies in einer eindrucksvollen Pressekonferenz damit, dass sie von den Entwicklungen überrascht worden seien und sich erst austauschen wollten. Auch die von weißen Profis dominierte National Hockey League entschloss sich dann aber, am Donnerstag und Freitag die Playoffs zu unterbrechen. »Das ist eine viel stärkere Botschaft als alles, was ein oder zwei Spieler allein auf dem Eis machen könnten«, sagte der schwarze Profi Ryan Reaves von den Vegas Golden Knights. Kevin Shattenkirk von den Tampa Bay Lightning meinte: »Jeder schwarze Spieler soll sich in dieser Liga sicher fühlen und eine Stimme haben.«dpa/nd

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