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Ritterschlag für eine Ausnahmefrau

Frauen-Geschichte(n): Die Physikerin Hertha Sponer

  • Von Martin Stolzenau
  • Lesedauer: 3 Min.

Sie gehörte neben Lise Meitner und Hedwig Kohn zu den ersten drei Frauen, die in Deutschland habilitiert wurden. Mehr noch: Hertha Sponer wurde wegen ihrer überragenden Leistungen in der Molekularphysik 1925 mit dem US-amerikanischen »Rockefeller-Stipendium« ausgezeichnet und arbeitete mit Berühmtheiten wie James Franck sowie Edward Teller zusammen. Doch trotz Qualifikation und ungewöhnlichen Forschungsergebnisse wurde sie in Deutschland zunächst von ihren männlichen Vorgesetzten als lästige Konkurrentin und dann von den Nazis schließlich als »politisch unzuverlässig« ausgegrenzt. Hertha Sponer sollte erst im Exil den verdienten wissenschaftlichen Lorbeer erringen. Inzwischen wird in Deutschland alljährlich an erfolgreiche junge Physikerinnen der »Hertha-Sponer- Preis« verliehen.

Am 1. September 1895 in Neisse (Nysa) geboren, südwestlich von Oppeln, der heutigen polnische Woiwodschaft Opole, das wegen der Kirchen und Barockarchitektur als »schlesisches Rom« galt, hatte sie als Mädchen zu ihrer Zeit keine Chance auf einen höheren Bildungsweg. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Erzieherin und Volksschullehrerin in Hannover und Heidelberg und arbeitete ab 1913 als Erzieherin, bis sie schließlich 1917 die gymnasiale Reifeprüfung ablegen durfte. Fortan nutzte sie die wachsenden neuen Möglichkeiten. Hertha Sponer studierte dann in Tübingen und danach in Göttingen - als eine der ersten Frauen - Physik, arbeitete nach ihrer Promotion als Assistentin bei James Franck, der später mit Gustav Hertz den Nobelpreis für Physik verliehen bekam. Obwohl sie zu deren Team gehörte, ging sie leer aus. Das »Rockefeller-Stipendium« kam da dann einem Ritterschlag gleich. Ein Trost. Die »Göttinger Zeitung« berichtete am 25. Oktober 1925 ausführlich über ihre Abreise am Göttinger Bahnhof in die USA, zu der sie von einer beachtlichen Schar Schüler, Kollegen und Freunde verabschiedet wurde.

Furore macht ihr gemeinsam mit Franck und Teller 1932 in der Zeitschrift für physikalische Chemie veröffentlichter Artikel »Bemerkungen über die Prädissoziation dreiatomiger Moleküle«. Nun konnte Hertha Sponer nicht mehr übergangen werden. 1932 wurde sie zur Professorin Göttingen berufen, allerdings ohne Verbeamtung wie ihre früheren männlichen Assistentenkollegen. Nachdem Nobelpreisträger Franck gleich anderen jüdischen Mitarbeitern an der Göttinger Universität von den Nazis entlassen worden war, galt sie in der Fachwelt als erste Wahl für dessen Nachfolge. Doch statt ihrer wurde ein NS-treuer Physiker ernannt. Hertha Sponer kam ihrer drohenden Entlassung wegen Unbotmäßigkeit zuvor, indem sie einen Gastaufenthalt in Oslo beantragte.

In Norwegen vollendete sie ihr zweibändiges Werk »Molekülspektrum und ihre Anwendung auf chemische Probleme«, ihr Hauptwerk, das sie in die erste Reihe der Molekularphysiker katapultierte. Mit wachsender Sorge verfolgte sie die politische Entwicklung in Nazideutschland. Eine Rückkehr kam für sie nicht in Frage, weshalb sie noch vor Ablauf ihrer Aufenthaltsgenehmigung für Norwegen einen Wechsel in die USA in die Wege leitete. Ab 1936 lehrte Hertha Sponer an der Duke-University in Durham in North Carolina, wo sie ihre Forschungsarbeit erfolgreich fortsetzte.

Nach Kriegsende kehrte die deutsche Ausnahmewissenschaftlerin nicht in ihre alte Heimat zurück. 1946 heiratete sie ihren früheren Chef, Franck. Sie fand weiterhin große Anerkennung und gehörte zahlreichen wissenschaftlichen Organisationen an. Erst nach dem Tod ihres Mannes besuchte sie 1964 die Bundesrepublik Deutschland, wo sie bei einem längeren Aufenthalt in Ilten bei Hannover, inzwischen ein Ortsteil der Kleinstadt Sehnde, am 17. Februar 1968 starb.

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