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  • »Gezeichnete Stadt«

Eine Stadt mit all ihren Verletzungen

Die Ausstellung »Gezeichnete Stadt. Arbeiten auf Papier 1945 bis heute« in der Berlinischen Galerie

Ein Flügel der großen Haustür ist geöffnet, so dass der Blick in den dunklen Gang fällt, der zum Hof des Altbaukomplexes führt. Die Buchstaben an der angefressenen Fassade, mit denen ein Mechanikermeister auf seine Dienste aufmerksam macht, sind nur noch zum Teil lesbar.

In dieser Radierung von 1983 hat Monika Meiser mit fotografisch anmutender Detailliertheit eine Häuserszene in der Husemannstraße in Prenzlauer Berg festgehalten. Die menschenleere, prachtvolle, aber vom Zahn der Zeit angenagte Architektur hat etwas Melancholisches. Die 1946 in Schwerin geborene Malerin und Grafikerin ist eine von fast 70 Künstler*innen, die derzeit in der Ausstellung »Gezeichnete Stadt. Arbeiten auf Papier 1945 bis heute« vertreten sind. Die Berlinische Galerie gibt in der Schau Einblick in ihre umfangreiche, 25 000 Werke zählende, grafische Sammlung.

Herausgekommen ist eine sehenswerte Mischung von Zeichnungen und anderen grafischen Techniken wie Radierungen, Lithographien, Siebdrucken oder Collagen.

Ostberliner, Westberliner und internationale Positionen unterschiedlicher Epochen hängen nebeneinander. So werden vielfältige Blicke präsentiert, die die Diversität, aber auch die Kontinuitäten der Stadt aufzeigen. So viel sich in Berlin auch verändern mag - Häuserecken, U-Bahn-Stationen, Hinterhöfe und Brandwände verbleiben als Charakteristika einer - im doppelten Wortsinn gezeichneten - Stadt.

Anlass für die Ausstellung ist der 100. Jahrestag der Gründung von Groß-Berlin. Am 1. Oktober 1920 wurden sieben Nachbarstädte und viele Landgemeinden zu einer Stadt zusammengeschlossen, die plötzlich 3,8 Millionen Bewohner*innen zählte.

Es entstand eine Metropole, die bis heute wilde, traurige, kaputte und strahlende Seiten hat. Sie alle spiegeln sich in den unterschiedlichen Positionen der Schau. Werner Heldt dokumentierte in seinen Tuschzeichnungen eine Stadt in Trümmern. Der Maler und Essayist war in den 1920er Jahren in Berlin-Mitte aufgewachsen. Auf der Zeichnung »Trümmer« von 1947 ragt ein einsames Haus in dicken, schwarzen Konturen auf, entfernt davon eine schiefe, wie verschoben wirkende Stadtlandschaft.

Neben den Zerstörungen des Krieges thematisierten Grafiker*innen auch die deutsch-deutsche Teilung. Wolf Vostell beschäftigte sich 1976 in dem fünfteiligen Zyklus »Berliner Stadtlandschaften« mit dem Potsdamer Platz. In seinen Collagen lässt er riesige Betonteile auf dem miniaturhaft wirkenden Platz landen, der von der Mauer zerteilt wird.

Interessant sind auch die Arbeiten des spanischen Künstlers Antonio Saura. Präsentiert wird ein Ausschnitt eines Zyklus von 50 übermalten Fotografien und Zeichnungen. Die graue Stadtszenerie verfremdet der Künstler mit glänzender Acrylfarbe. An die Berliner Mauer wirft Saura Schatten: Über der Stadt schweben schwarze Flecken, die wie Ufos aussehen.

Im Gegensatz zu Vostell oder Saura haben die Werke von Emilio Vedova, der mit Lack, Gouache und Kreide gearbeitet hat, eine geradezu fröhliche Anmutung. Seine Blätter unter dem Titel »Absurdes Berliner Tagebuch ’64« zeigen Abstraktes auf Zeitungsseiten. Auch in der bunten Wirrnis des italienischen Malers findet sich Berliner Leben.

Neben den Nachkriegsansichten sind in der Ausstellung unter der Überschrift »Urbane Biotope« vor allem Positionen aus den 1970er und 1980er Jahren zu sehen. Sie beschäftigen sich häufig mit Brachen, Bauzäunen und Abrisshäusern - kleinen, typischen Szenen, die eine Stadt mit all ihren Abnutzungen und Verletzungen zeigen.

Die Schau wirft außerdem einen Blick über die Grenzen Berlins hinaus - beispielsweise in Form von Buntstiftzeichnungen des dänisch-israelischen Künstlers Tal R. Er hat in verschiedenen Städten Fassaden von Sex-Etablissements dokumentiert, an deren Eingängen Verheißungen wie »Girls, Girls, Girls« oder »Extasy« locken sollen.

Im Bereich »Architektur - Struktur« können auch zeitgenössische, utopische Szenerien erkundet werden. Thomas Ravens zeigt großformatige, fiktive Stadtlandschaften, die irgendwo zwischen Realität und Science Fiction angesiedelt zu sein scheinen.

Von Karin Fleischer hingegen sind eindrucksvolle, ultrarealistisch und zeitlos wirkende Farbradierungen aus den 1970ern zu sehen, in denen sie architektonische Elemente wie Stufen im Treppenhaus oder Tarazzo-Flächen neben einer Putzwand dokumentiert hat.

Auch Kartierungen und Topographien sind ein Thema der Schau. Pia Linz, Künstlerin und Professorin an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, hat sich eingehend mit dem Neuköllner Hermannplatz beschäftigt. Auf einer riesigen Zeichnung hat sie Häuser und Menschen sowie Gedanken und Satzfetzen aus dem Berliner Alltag verewigt.

Während die Stadt zu Beginn der Ausstellung eher als architektonischer Raum betrachtet wird, geht es später auch um das vielfältige »Großstadtpersonal«. Darunter finden sich Porträts in Pastell von Gertrude Sandmann, die an die 1920er erinnern, aber aus den 1970ern stammen. Die Künstlerin jüdischer Herkunft, hat die NS-Zeit in der Illegalität überlebt - und gründete 1974 die lesbische Gruppe L74 mit.

»Gezeichnete Stadt. Arbeiten auf Papier 1945 bis heute«, bis 4. Januar 2021, Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124 -128, Berlin

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