Schwedischer Sonderweg verhinderte Rezession nicht

Die Wirtschaft des skandinavischen Landes befindet sich ebenfalls in der Coronakrise. Die ist aber weniger heftig als anderswo

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 3 Min.

Als im März ein europäischer Staat nach dem anderen seine Wirtschaft herunterfuhr, entschied sich Schweden für einen anderen Weg. Läden, Büros und Schulen blieben geöffnet. Auch staatlich verordnete Einschränkungen des öffentlichen Lebens blieben für die gut zehn Millionen Einwohner Ausnahmen. Nun zeigt sich, was diese lockere Anti-Corona-Politik der Wirtschaft gebracht hat: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) brach im zweiten Vierteljahr 2020 um rekordverdächtige 8,6 Prozent gegenüber dem ersten Quartal ein. Doch im Vergleich zu anderen Teilen Europas ist die schwedische Wirtschaft mit einem blauen Auge davongekommen. Unternehmen wurden keine Werkschließungen aufgezwungen. Die rot-grüne Regierung Stefan Löfvens appellierte lediglich an die Betriebe, so viele Mitarbeiter wie möglich von zu Hause aus arbeiten zu lassen. Nur Volvo und andere Kfz-Produzenten schlossen daraufhin ihre Fabriken.

Sorglos blieb man in den Chefetagen dennoch nicht. Als das größte Problem von Ikea, dem Telekommunikationsausrüster Ericsson oder dem Maschinenbauer Atlas Copco erwies sich die sinkende Nachfrage aus dem Ausland. Da die schwedische Wirtschaft ähnlich wie die deutsche sehr international ausgerichtet ist - die Exportquote beträgt über 30 Prozent des BIP -, schwappten Rezessionswellen aus anderen Ländern bis in den hohen Norden.

Obwohl kein Lockdown erfolgte, hinterließ Corona in den Betrieben Bremsspuren. So meldeten im April und Mai zahlreiche Unternehmen Engpässe beim Personal. Dies wird auf die Appelle zurückgeführt, bei Krankheitssymptomen zu Hause zu bleiben. In der Landwirtschaft fehlten viele Saisonarbeiter aus Osteuropa, die lieber zu Hause blieben. Wie in vielen anderen Ländern riss auch hier manche Lieferkette. Betroffen waren vor allem kleine und mittlere Firmen, ergab eine Umfrage der staatlichen Exportkreditagentur EKN in Stockholm. Jeder Fünfte hatte demnach sogar »massive Probleme«.

Mit einer Rückverlagerung der Produktion rechnet EKN-Chefvolkswirt Stefan Karlsson dennoch nicht: »Die schwedische Alternative ist selten wettbewerbsfähig, wenn überhaupt.« Exportorientierte Industriekonzerne erzielten ihre Gewinne ohnehin über Marke, Technologien und Standards, nicht über die Herstellung selbst. In diesem Punkt scheint die schwedische Wirtschaft einen Schritt weiter zu sein als die deutsche.

Unterm Strich schnitt die offene Volkswirtschaft zwischen Malmö und Kiruna dann doch besser ab als andere. Selbst die deutsche Wirtschaft, die besonders starke Unterstützung vom Staat erhielt, stürzte im zweiten Quartal um knapp zehn Prozent ab. Die Eurozone insgesamt verlor zwölf und Spanien sogar 18,5 Prozent - also mehr als doppelt so viel wie das frühere sozialdemokratische »Volksheim«.

Mit großem finanziellen Einsatz versuchte die Regierung, die Folgen der Corona-Pandemie für Unternehmen, Angestellte und Freiberufler zu mildern. Doch ein Konjunkturpaket lässt auf sich warten. Dabei ist die Situation auf dem Arbeitsmarkt alarmierend. Die Arbeitslosenquote lag im Juni bei 9,4 Prozent und damit über ein Drittel höher als noch vor zwölf Monaten. »Es wird am schwierigsten für diejenigen sein, die nicht fest im Arbeitsmarkt verankert sind, wie junge und im Ausland geborene Menschen«, erklärt Bettina Kashefi, Chefvolkswirtin des Arbeitgeberverbandes Svenskt Näringsliv. Schon vor Corona war die Arbeitslosigkeit im internationalen Vergleich hoch. Wirtschaftlich immun wurde Schweden durch seine eigenständige Gesundheitspolitik, die auf »Herdenimmunität« und freiwillige Einschränkungen setzte, also nicht.

Und wie sind die gesundheitlichen Folgen? Inzwischen scheint die hohe Sterblichkeit vor allem in Altenheimen Vergangenheit zu sein. Seit Juli werden landesweit am Tag nur noch maximal vier Corona-Kranke in die Intensivstationen der Krankenhäuser eingewiesen, wie die Gesundheitsbehörde meldete. Corona-Tote gebe es schon seit längerem nicht mehr.

Mittlerweile weisen auch in Schweden die Zeichen auf wirtschaftliche Erholung hin. Der von der Swedbank erhobene Index des produzierenden Gewerbes, der als wichtiger Stimmungsindikator gilt, zeigt wieder bergauf: Die Geschäftserwartungen liegen im grünen Bereich. Außerdem beschleunigte sich der seit Mai andauernde Produktionsanstieg weiter. Und im Juli gab es zum ersten Mal seit Krisenbeginn auch wieder eine positive Entwicklung bei den Auftragseingängen - vor allem von Auslandskunden.

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