Vielleicht geht’s nach Paris

Ob die Tour de France wirklich drei Wochen dauert, weiß noch keiner

  • Von Tom Mustroph, Orcieres-Merlette
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Tour de France versucht Blasen zu schaffen: Ganz im Inneren befindet sich die 660 Personen umfassende Blase aus Fahrern und Betreuern. Eine weitere stellen die Mitarbeiter der Organisation sowie die Medien und schließlich das Publikum dar. Sichtbarstes Zeichen der Trennung dieser vier Blasen ist mehr Metall. Die Anzahl der Absperrgitter hat zugenommen. Journalisten werden in der Interviewzone in Ein-Personen-Boxen gehalten. Im Start- und Zielgelände wird zudem weniger Publikum zugelassen. Die Fans stehen nur in Einer- statt Fünfer- oder Zehnerreihen wie aus früheren Jahren gewohnt. Unterwegs, auf freier Strecke und bei den Ortsdurchfahrten, sieht man ebenfalls weniger Personen. Auch die Anzahl der Wohnmobile hat sich auf etwa ein Zehntel reduziert.

Absolut getrennt bleiben die Blasen allerdings nicht. Journalisten und Mitarbeiter der Organisation essen abends in den selben Restaurants und sind in den selben Herbergen untergebracht. Sie halten sich auch gemeinsam mit Bevölkerung und Touristen auf öffentlichen Plätzen auf. Das alles mag noch vertretbar sein. Dass manche Fans dann am Straßenrand ohne Maske stehen, beunruhigt die Fahrer aber doch. »Es wäre besser, wenn alle Maske tragen würden. Manchmal ist es ja kein halber Meter Abstand, den wir von den Fans haben, wenn wir durch die Ortschaften oder auf die Berge fahren«, meint der Berliner Roger Kluge - und lanciert dann einen Appell: »Wir fahren in einer besonderen Situation. Nur wenn sich jeder an die Regeln hält, kann das Risiko minimiert werden.«

Auch die Radprofis selbst tragen Maske. Zwar nicht im Rennen. »Aber sonst tragen wir sie fast überall: Im Bus, vor dem Einschreiben und auch im Hotel«, erzählt Kluge. Ansonsten sei das Leben im Innern der innersten Blase aber kaum verändert, versichert er. »Einzelzimmer und extra Esszimmer für jedes Team hatten wir schon letztes Jahr«, sagt Kluge. Auch Handdesinfektionsmittel gehörten längst zur Standardausrüstung aus Vorsorge gegenüber klassischen Viruserkrankungen bei den ausgemergelten Körpern der Tourfahrer.

Quelle der größten Verunsicherung sind aber die falsch-positiven Tests, die in den Wochen vor der Frankreichrundfahrt zur vorzeitigen Abreise von Fahrern und Betreuern einiger Teams von Testrennen geführt hatten. Sie wurden positiv getestet und heimgeschickt, alle Nachfolgetests waren aber negativ. Daher lassen die französischen Behörden nun schnelle Nachtests bei positiven Befunden zu. Sind die auch positiv oder reicht die Zeit vor dem Start der nächsten Etappe nicht aus, muss die betreffende Person aber die Tour verlassen. Bei zwei positiven Fällen innerhalb von sieben Tagen im selben Team wird dieses komplett aus der Tour genommen. »Das ist ein Kompromiss, mit dem wir leben können«, sagt Ralph Denk, Teamchef von Bora-hansgrohe dem »nd«.

Ob die Tour überhaupt am 20. September Paris erreicht, weiß niemand. Auch nicht David Brailsford, das Hirn hinter den sieben Tour-de-France-Siegen seines Teams in den vergangenen acht Jahren. »Niemand weiß, ob wir nach Paris kommen«, meinte der Boss der Mannschaft Ineos. Dass diese Ungewissheit die Taktik ändern werde, schloss er aber aus. »Wir bestreiten die Tour, als würde sie drei Wochen dauern«, versicherte er. Bei Herausforderer Jumbo-Visma sieht man das ähnlich. »Wir haben keinen Plan, früh im Rennen das Gelbe Trikot zu übernehmen für den Fall, dass die Rundfahrt nach anderthalb Wochen abgebrochen wird«, sagte Co-Kapitän Tom Dumoulin. Der frühere Giro d’Italia-Gewinner meinte: »Ein Sieger nach anderthalb Wochen wäre kein echter Sieger. Denn es wäre dann keine Grand Tour, sondern ein Zehn-Tages-Rennen. Das ist etwas komplett anderes.« Dennoch wurde in den ersten Tagen keine Fluchtgruppe mehr als fünf Minuten weggelassen und früh wieder eingeholt. Auch eine um den Kölner Nils Politt bekam auf der vierten Etappe keine Chance. Stattdessen gewann Favorit Promiz Roglic (Slowenien) die erste Bergankunft in Orcieres.

Eine exakte Regelung, ab wie viel Renntagen eine Grand Tour auch als solche zählt und die kompletten Siegprämien - 500 000 Euro allein an den Sieger - ausgezahlt werden müssen, existiert nicht. Der Weltverband erlaubt zwar den Abbruch unter besonderen Umständen. Die Rennkommissäre entscheiden dann aber, ob die Ergebnisse annulliert oder Zwischenstände gewertet werden.

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