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»Sie werden mit uns verrecken«

Ulrich Sander über das mörderische Finale der NS-Diktatur

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 3 Min.

Wer sich an Kundgebungen oder Demonstrationen von Rechtsextremen, Neonazis, Reichsbürgern und anderen Ideologen und Apologeten unseliger Vergangenheit beteiligt, beteiligt sich an der Demontage der Demokratie und wird womöglich mitschuldig an einem erneut bösen Erwachen in einer Diktatur und letztlich einer Katastrophe. Mögen er oder sie noch so sehr beteuern, keine Nazis zu sein und mag die gegenwärtige demokratische Ordnung noch so viele Unzulänglichkeiten aufweisen - man hüte sich vor Wölfen im Schafspelz, vor braunen Rattenfängern. Ein Rückblick in die Geschichte dürfte heilsam sein. Wenn er unternommen wird. Empfohlen sei hier das Buch des Dortmunder Journalisten Ulrich Sander über das mörderische Finale 1945.

Der einstige, langjährige Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) forscht und publiziert seit Jahrzehnten zu deutsch-faschistischen Kriegsverbrechen. Da er und seine Mitstreiter immer wieder auf neue Spuren, Hinweise, Fakten stoßen (»Mitte 2019 gab es fast wöchentlich Neues zu unserem Thema«), entschied er sich zu einer aktualisierten Neuauflage seiner 2008 unter gleichem Titel erschienenen Dokumentation des NS-Terrors zu Ende des Zweiten Weltkrieges. Wie viele westdeutsche Städte hat sich etwa das bayerische Moosburg hartnäckig gegen die Aufarbeitung der eigenen Geschichte gesperrt, »Russenleichen« nach 1945 heimlich entsorgt und ermordete polnische Häftlinge unter einem »Gedenkstein« mit der zynischen Inschrift »Unseren gefallenen Kameraden. Spielvereinigung Moosburg« verschwinden lassen. Erst jetzt stellt sich die Kleinstadt an der Isar, wo sich Deutschlands größtes Kriegsgefangenenlager befunden haben soll, dank engagierter Bürger den Verbrechen unterm Hakenkreuz. Im Sommer vergangenen Jahres wurden auch auf dem ehemaligen KZ-Außenlager der Ellrich-Julius-Hütte in der niedersächsischen Gemeinde Walkenried die im März 1945 verbrannten Leichen von über 1000 Häftlingen entdeckt. Der Autor informiert zudem über das Vorhaben, in Dortmund, wo seit 2010 am Westufer des Phoenix-Sees eine Thomasbirne die einst mächtige Stahlindustrie heroisiert, nunmehr endlich auch ein Denkmal für die von den Eisenerzmagnaten ausgebeuteten und zu Tode gekommenen Zwangsarbeiter zu errichten.

Bezeichnend für die unwillige, halbherzige, nur auf Druck der alliierten Siegermächte geleistete »Reue« der Hitler & Konsorten mehrheitlich willig gefolgten Deutschen nach der Befreiung ist ein Vorfall aus dem Jahr 1945, der seinerzeit durch die Weltpresse ging. Sander berichtet über die Wiederentdeckung einer Tafel im oberbergischen Land: »Hier ruhen 10 ermordete osteuropäische Kriegsgefangene. Sie wurden in der Nacht zum 9. April 1945 im Brungerst bei Lindlar von Nationalsozialisten erschossen als Vergeltung für einen in Overath erschossenen NS-Parteigenossen.« (kursiv K.V.) Zu den Morden in letzter Stunde, die in diesem Buch angeprangert werden, gehört »eines der grausamsten Verbrechen des Faschismus«, das Massaker in einer Scheune am Stadtrand von Gardelegen nahe Magdeburg, in der am 13. April 1945 allein 1016 Menschen bei lebendigem Leibe verbrannt worden sind. Die aus DDR-Zeiten stammende Gedenkmauer war nach der »Wiedervereinigung« mehrfachen Attacken von Geschichtseliminierern ausgesetzt.

Weitere Mordstätten von fanatischen Nazis, die die Ankündigung des SS-Führers Himmler »Sie werden mit uns verrecken« gnadenlos ausführten, waren Rombergpark und Bittermark bei Dortmund, die Wenzelnbergschlucht sowie Warstein und Prenzberg, über die ausführlich berichtet wird. Sanders Blick ist jedoch nicht nur auf Nordrhein-Westfalen fokussiert. Er erinnert an die Ermordung von Kriegsgefangenen, politischen Gegnern und Zwangsarbeitern sowie an die Opfer von Todesmärschen in den letzten Kriegswochen auch andernorts. Sanders (freilich unvollständige) Liste der Tatorte reicht von Aachen und Apolda über Lüdenscheid und Lüneburg bis zum sächsischen Wolfen und Wuppertal. Für Regionalhistoriker sowie in der Gedenk- und Erinnerungskultur aktive Bürger dürfte sie wichtige Anhaltspunkte und Anregungen für weitere Forschungen und Initiativen geben. Zu danken ist Sander auch für die hier aufgenommenen, hochaktuell anmutenden Kommentare der 1986 und 2016 verstorbenen, verdienten Faschismusforscher Reinhard Opitz und Kurt Pätzold.

Ulrich Sander: Mörderisches Finale. NS-Verbrechen bei Kriegsende 1945. PapyRossa, 282 S., br., 16,90 €.

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