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Immun gegen Angst vor dem Coronavirus

Auch Linke wie Harald aus Chorin sind bei der Querdenken-Demonstration in Berlin mitgelaufen

  • Von Andreas Fritsche und Jordi Ziour
  • Lesedauer: 6 Min.
Immun gegen Angst vor dem Coronavirus

63 Prozent der Brandenburger halten die coronabedingten Einschränkungen für gerechtfertigt, sieben Prozent wünschen sich noch schärfere Maßnahmen. Das hat eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstitut pmg ergeben. 29 Prozent der Bevölkerung geht allerdings alles zu weit.

Harald aus Chorin ist einer der Bürger, die mit dem Kurs der rot-schwarz-grünen Landesregierung nicht einverstanden sind. Sein Familienname ist der Redaktion bekannt. Er soll aber nicht in der Zeitung stehen. Die Redaktion hat sich ausführlich per E-Mail mit Harald ausgetauscht und ihn auch zu einem dreistündigen persönlichen Gespräch getroffen, um seine Motivation zu verstehen. Er ist niemand, der auf Scharlatane hereinfällt, die auf Falschmeldungen basierende Verschwörungstheorien predigen. Er hält sich an Tabellen und Diagramme des Robert-Koch-Instituts (RKI), studiert Erhebungen zu Infektionskrankheiten gründlich und zieht daraus seine Schlussfolgerungen. »Wenn Corona tatsächlich die furchtbare Seuche wäre, für die sie ausgegeben wird, dann müsste doch mit dem angeblichen Anstieg der Fälle auch die Anzahl der Toten steigen«, sagt Harald. »Tut sie aber nicht.« Dass die Zahl positiver Testergebnisse ansteigt, wenn mehr Tests durchgeführt werden, »sollte wohl jedem klar sein«.

Nach Angaben des Potsdamer Gesundheitsministeriums vom Donnerstag liegen im Land Brandenburg sechs Corona-Patienten im Krankenhaus. 3924 Brandenburger haben sich demnach seit Mitte März nachweislich mit dem Virus infiziert. Aktuell erkrankt sind allerdings nur 158 von ihnen. 173 Tote hat es gegeben. In den zurückliegenden Wochen ist aber niemand mehr gestorben. Das letzte Opfer wurde am 9. Juli gemeldet.

Nun hat Harald zwar einen Hochschulabschluss, jedoch keinen in Medizin. Aber er steht mit seiner Meinung nicht allein - »nd« hat sich außerdem mit einem alten Arzt unterhalten. Dieser lebt südlich von Berlin und unterzieht die vorherrschende Interpretation der Zahlen des RKI ebenfalls einer Kritik, die er im Detail erläutern kann. Hygieneregeln einzuhalten sei zur Vermeidung von Infektionskrankheiten nie verkehrt, sagt dieser Mediziner. Die Panik wegen der Corona-Pandemie sei in Deutschland aber nicht gerechtfertigt.

Bei beiden Männern handelt es sich um ausgewiesene Linke. Ihre Fragen sind zunächst Fragen der Naturwissenschaft und der Statistik. Die politische Einstellung kommt erst ins Spiel, wenn es etwa um die Demonstrationen der Querdenken-Bewegung geht, die am 1. und am 29. August in Berlin stattgefunden haben. Dass es nach dem 1. August in den Medien unisono geheißen habe, da seien ausschließlich oder fast ausschließlich Neonazis marschiert, ärgerte Harald sehr. Er war zwar nicht selbst dort. Aber es ist ein Angehöriger hingegangen, für den er die Hand ins Feuer legen kann. Der hat ihm erzählt, er habe vereinzelt Neonazis gesehen, aber viele normale Leute und auch solche, die sich dem linksalternativen Milieu zuordnen ließen. Innensenator Andreas Geisel (SPD) hatte die Demonstration am 29. August verboten. Das Verbot wurde aber vom Verwaltungsgericht aufgehoben. Harald versteht nicht, wie Linke ein solches Verbot fordern konnten, weil am Ende doch die linke Szene unter Einschränkungen des Demonstrationsrechts leiden werde. Um sich selbst einen Überblick zu verschaffen, ist Harald am 29. August nach Berlin gefahren. Was hat er vor Ort gesehen?

»Mein Eindruck war, dass, je weiter stadteinwärts man kam, die Präsenz von Rechten zugenommen hat. Ich muss auch ehrlich sagen, dass mir das ziemlich zuwider war.« Ein Transparent, »das richtig faschistisch war«, hat er beispielsweise registriert. Mit den Neonazis hat er das nicht diskutiert, aber darüber das Gespräch mit anderen Demonstranten gesucht. Es sei aber vergebliche Liebesmüh gewesen, bedauert er. Einige bestritten, dass Rechtsextremisten mitlaufen, obwohl diese nicht zu übersehen waren. »Alles in allem hätte ich gerne mehr Linke gesehen.« Wenn Harald sich die Fernsehbilder vom 1. August ins Gedächtnis ruft und sie mit seinen eigenen Beobachtungen am 29. August vergleicht, so scheint ihm, dass zuletzt mehr Rechte teilgenommen haben. Statt einem Meer von Fahnen mit Friedenstauben und in den Farben des Regenbogens seien beim zweiten Termin doch sehr viele schwarz-weiß-rote Flaggen zu sehen gewesen. Es ist die Flagge des 1918 untergegangenen Kaiserreichs, die heute in der Reichsbürgerszene populär ist. Harald meint trotz alledem, dass die Rechten anteilmäßig nicht die große Masse waren.

Während der Anteil der auch für den Laien ganz augenscheinlich als rechts einzustufenden Teilnehmer am 1. August noch im Promillebereich gelegen hat, bewegte er sich nun bei schätzungsweise drei bis fünf Prozent. Zu bedenken ist dabei jedoch, dass Anhänger der AfD in Gruppenstärke angereist sein sollen, ohne sich als solche zu erkennen zu geben. Anzutreffen waren am 29. August übrigens auch ein paar Linke, die zwei Antifa-Fahnen mitführten, davon eine mit einem durchgestrichenen Hakenkreuz. Sie seien gekommen, weil sie Rechtsextremisten und Rassisten nicht das Feld überlassen wollen, haben sie dem »nd« erzählt. Mit dabei war Hagen Ritter. Er verwies auf einen offenen Brief, den 145 Linke unterzeichnet haben. Ja, mancherorts seien die Proteste entweder von der AfD initiiert oder bereits übernommen worden, heißt es darin. »Aber längst nicht überall.« Jeder erfahrene Linke wisse, dass die Rechte seit jeher versuche, soziale Proteste zu kapern. In solchen Fällen müsse man die Unerfahrenen aufklären anstatt sie als Nazis und Antisemiten zu beschimpfen.

Harald aus Chorin geht es gegen den Strich, als Coronaleugner hingestellt zu werden, weil dies ja absichtlich an den Begriff Klimaleugner erinnere und im schlimmsten Falle sogar an den Holocaustleugner. Dabei seien der Klimawandel und der Völkermord an den europäischen Juden unbestreitbare Tatsachen. Er leugne zudem nicht, das es Coronaviren gebe, mit denen man sich infizieren könne. Er zweifle lediglich, dass dies so gefährlich sei, wie behauptet werde. Harald erklärt sich das verbissene Festhalten an den Corona-Maßnahmen beispielsweise mit dem Gerangel in der Union um die Kanzlerschaft und damit, dass milliardenschwere Subventionen für Lufthansa und die Automobilindustrie anders nicht zu rechtfertigen wären.

Der Bundestagsabgeordnete Dieter Dehm (Linke) hat dazu passend einen Corona-Song geschrieben, in dem es heißt: »Ein junger Virus plus uralte Mächte/ Ja, dieser Mix macht geil auf unsre Rechte«.

Der frühere Bundestagsabgeordnete Wolfgang Gehrke (Linke) - er war auch mal Landtagsabgeordneter in Brandenburg - sagte nach dem 1. August, ihn mache es krank, dass seine Parteivorsitzende Katja Kipping verbreite, dies sei eine »Demonstration der Unvernünftigen« gewesen. Es sei schließlich um die Verteidigung von Freiheitsrechten gegangen.

»Ich halte Abstandsregelungen und Maskenpflicht weiterhin für sinnvoll und notwendig. Sie gehören zu einem Leben mit der Corona-Pandemie, die noch lange nicht ausgestanden ist«, sagt derweil der Landtagsabgeordnete und gelernte Krankenpfleger Ronny Kretschmer (Linke). Er kennt Genossen, »die sehr skeptisch sind« und diskutiert mit ihnen. »Ein Hauptargument von mir ist immer: Die Abstandsregelungen und die Maskenpflicht mögen für den einzelnen eine kleine Einschränkung sein, schützen aber das Leben vieler anderer, die zu den Risikopatienten gehören. Ein Blick über den Tellerrand nach Brasilien und in die USA beweist, dort wo Coronaleugner regieren und Schutzmaßnahmen nicht getroffen werden, sind die Gesundheitssysteme überlastet und die Todeszahlen erschreckend hoch.«

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