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Corona und soziale Folgen

Welt im Wartestand

Der Politologe Ivan Krastev über die Corona-Pandemie. Von Irmtraud Gutschke

Von Irmtraud Gutschke

Geboren 1965 in Sofia, ist Ivan Krastev Vorsitzender des Centre for Liberal Strategies in Sofia und Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien, wo er mit seiner Familie auch seinen Wohnsitz hatte. Doch als die Pandemie ausbrach, spürte er das Bedürfnis nach Heimat.

Sicher untergebracht im Landhaus eines Freundes in Bulgarien, mit Zeit und Muße, ließ ihn die Frage nicht los, wie Covid-19 die Welt verändern würde. Damit kann er sich an der Seite vieler anderer Menschen wissen, die sich mit ihren Befürchtungen und Mutmaßungen trotz massiver Medienberichterstattung ziemlich einsam fühlen. Informationen und Diskussionen brachen über uns herein, sollten wohl ein Gefühl der Sicherheit vermitteln, dass Experten und Regierung für uns sorgen würden, und hinterließen doch ein flaues Empfinden, dass »die da oben« es offensichtlich auch nicht so genau wissen und eine Aktivität demonstrieren, die aus der Beobachtersituation heraus auch beklommen machen kann.

Ob und wann Covid-19 die Welt verlassen wird (sind nicht alle Pandemien irgendwann abgeflaut?), wir wissen es ebenso wenig wie wir die politischen Auswirkungen der Wirtschaftskrise abschätzen können, die uns erwartet. Die Welt ist noch im Wartestand. Und Ivan Krastev ist kein Hellseher, aber ein brillanter Denker, der Ansichten immer auch hinsichtlich ihrer Kehrseiten durchleuchtet und sich auf einem beeindruckend breiten Wissensfundament bewegt, was Literatur der Vergangenheit und Debatten der Gegenwart betrifft. Ein geradezu enzyklopädisches Wissen ist die Grundlage seiner Mutmaßungen. Ja, Mutmaßungen, anders kann es nicht sein.

Nicht-Wissen - unsere Vorfahren hatten ein anderes Verhältnis dazu als wir, die wir in einer Informationsgesellschaft für alles rationale Erklärungen verlangen, und das sofort. Interessant Ivan Krastevs Hinweis, warum die Spanische Grippe, die vor hundert Jahren jeden dritten Erdbewohner dahinraffte, dermaßen aus dem Bewusstsein verschwunden ist. Womöglich mehr Tote als in den beiden Weltkriegen zusammen - aber die Opfer von Kugeln sind leichter zu zählen und vor allem wirken Kriege mit Angreifern, Siegern und Besiegten weniger diffus als Epidemien, die uns in ihrer Schicksalhaftigkeit Angst machen.

Wird auch Covid-19 eines Tages verdrängt werden? Oder liegt das große Sterben noch vor uns? Wird es eine »Pandemie der Nostalgie« geben, wie Krastev überlegt, eine Sehnsucht nach jenen Zeiten, »in denen wir problemlos jeden Fleck der Welt anflogen, in denen die Restaurants bis auf den letzten Platz besetzt waren und in denen der Tod so unnatürlich wirkte, dass wir unwillkürlich an einen Arztfehler dachten, wenn ein älterer Mensch starb«? Und was wird das Zuhause-Bleiben mit uns machen? Darüber denke ich jetzt oft nach, ob sich aus der Forderung nach Distanz nicht eine Menschenscheu entwickelt. Kann es sich verwurzeln, dass man Nähe zu Unbekannten meidet, dass ich zum Beispiel nicht mehr zu einem Marktstand gehe, wenn dort schon zwei Leute stehen?

Hier aber geht es vor allem um die politischen Folgen für Europa, wo plötzlich Undenkbares geschah, wo Grenzen geschlossen und Exportverbote für medizinisch notwendige Güter ausgesprochen wurden. Wo sich jeder sozusagen hinter die eigenen Stadtmauern verkroch, was, wie hier zu lesen, in früheren Jahrhunderten bei Epidemien das Übliche gewesen ist. Die Wohlhabenden fliehen aufs Land und wecken bei den Leuten dort die Sorge, dass sie etwas einschleppen und medizinische Kapazitäten okkupieren würden. Wie bizarr eigentlich, dass Mecklenburg-Vorpommern zunächst Bewohner anderer Bundesländer sozusagen zu Ausländern erklärte und nicht mehr zu ihren Wochenendhäusern ließ.

Wobei Ivan Krastev nicht nur eine stärkere Rolle der Nationalstaaten, sondern auch der kommunalen Verwaltungen und regionalen Identitäten prognostiziert. Wenn er von ungleicher Gefahrenverteilung spricht, ist sozialer Sprengstoff mitgedacht.

Manche Länder werden den Anstieg der Arbeitslosigkeit vielleicht für eine Weile abfedern können, aber überall wird das nicht möglich sein. Der Autor zitiert eine Studie, nach der in den USA zum Zeitpunkt des Abschlusses seines Manuskripts 52 Prozent der unter 40-Jährigen aufgrund der Pandemie einen Job verloren haben. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit in verschiedenen europäischen Ländern, die es nicht erst seit heute gibt, zählt er zu den »Vorerkrankungen« der liberalen Demokratien des Westens, die »im letzten Jahrzehnt unter beträchtlichen Funktionsstörungen litten, während das Vertrauen in die demokratischen Systeme dramatisch absackte«. Allerdings könne Demokratie auf Dauer nicht funktionieren, wenn die Leute zu Hause bleiben müssen.

Dass unser Leben ganz und gar wieder in gewohnte Bahnen zurückkehrt, der Autor dieses Buches nimmt es nicht an. Das Anregende ist, wie er diverse Vorhersagen auf den Prüfstand stellt, wobei vor Jahren auch diese Pandemie vorausgesagt worden ist, wie man auf Seite 11 lesen kann. Gerade der Lockdown hat für politische Bewegungen gesorgt, die man früher nicht für möglich hielt.

Wozu diese führen, das hängt vom Spiel der Kräfte ab. National und geopolitisch. Wenn wir versuchen wollen, das zu durchschauen, wenigstens geistig eine Teilhabe suchen, ist Ivan Krastevs Buch mit seiner analytischen Klugheit und eingängigen Sprachkraft aber allemal von großem Nutzen.

Ivan Krastev: Ist heute schon morgen? Wie die Pandemie Europa verändert. Aus dem Englischen von Karin Schuler. Ullstein Verlag, 96 S., geb., 8 Euro.

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