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Gemischtes Doppel

Freiluftausstellung über 30 Ost-West-Paarbeziehungen zu 30 Jahren deutsche Einheit in Potsdam

  • Von Andreas Fritsche, Potsdam
  • Lesedauer: 3 Min.

»Wir streiten ab und an über die ›Ehrenrettung der DDR‹ (Arbeiter) und über die Macken der typischen Wessis und warum ich die nicht an den Tag lege, obwohl das doch alle Wessis tun, das belebt und belastet die Beziehung«, sagt Carsten (Jahrgang 1971). Seine Partnerin Anne-Barbara (Jahrgang 1983) verrät: »Carsten hatte in der Kommunikation so einen speziellen Habitus, diese Überzeugung beim Sprechen, die Lautstärke, das gesamte Auftreten, dass ich dachte: ›Der ist bestimmt Ingenieur, fährt einen großen Volvo und kommt aus dem Westen‹. Tatsächlich hat er nicht mal einen Führerschein und ist Soziologe.«

Carsten und Anne-Barbara, die in Werder (Havel) leben, sind eins der 30 Ost-West-Paare, die gegenwärtig zum Jubiläum der deutschen Einheit in der Freiluftausstellung »30 Jahre - 30 Paare« vor dem Potsdamer Filmmuseum in Wort und Bild vorgestellt werden. Bis zum 4. Oktober bleiben die Tafeln dort. Ein paritätisch besetztes Team aus dem Potsdamer Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum hatte im Land Brandenburg nach solchen Paaren gesucht, sie fotografiert und interviewt. Auch eine Polin und ein Österreicher haben an der Konzeption und der Gestal᠆tung der Ausstellung mitgewirkt, die auf einer Idee von Verena Postweiler fußt. Es ging um die Frage, inwiefern die unterschiedliche Herkunft nach so langer Zeit in den Beziehungen noch eine Rolle spielt. Aus Tausenden von Fotos wurden 30 Porträts ausgewählt. Auch schwule und lesbische Paare sind dabei, daneben junge und ältere mit mal großem und mal geringem Altersunterschied. Einer der Ostmänner, die mit einer Westfrau zusammenkamen, ist Dieter - es handelt sich um Dieter Hertrampf, bekannt unter seinem Künstlernamen »Quaster« als Gitarrist der Rockgruppe Puhdys.

Nur vier Prozent aller Beziehungen in Deutschland sind ein gemischtes Doppel aus Ost und West, wobei in 90 Prozent der Fälle die Frau aus dem Osten stammt. Das besagt die Statistik. Sie sagt auch, dass von den schon bald nach der Wende geschlossenen Ehen dieser Art viele nicht lange gehalten haben. Aber die Ausstellung zeigt andere Beispiele. Insgesamt scheint es so, dass die Ossis sich über soziale Ungerechtigkeit mehr aufregen und besser improvisieren können, aber zur Bescheidenheit erzogen worden sind, die Wessis dagegen mehr Selbstbewusstsein entwickeln und die besseren Selbstdarsteller sind. Aber es gibt natürlich Ausnahmen von dieser Regel.

So sagt beispielsweise Rico aus Schulzendorf: »Ich bemerke an Sandra eigentlich nichts typisch Westdeutsches.« Sie dagegen merkte gleich, woher er stammte, als er 1998 die Wohnung neben ihr bezog - an seinem sächsischen Akzent!

Der 1952 geborene Lutz meint, dass die unterschiedliche Herkunft keinen Einfluss auf die Beziehung zu seiner, 1951 geborenen, Partnerin Angelika habe. Hochzeitstag haben sie am 13. August, dem Tag, an dem im Jahr 1961 die Mauer errichtet wurde. Davon haben wiederum Anton und Sara nicht viel davon mitbekommen - sie waren 1989 erst vier beziehungsweise drei Jahre alt. Kennengelernt haben sie sich am anderen Ende der Welt, in Australien.

Westfrau Dagmar aus Potsdam berichtet über ihren ostdeutschen Partner: »Mathias wirft nichts weg, und seine Leidenschaft, kaputte Gegenstände zu reparieren, halte ich für etwas Ostdeutsches. Ich bewundere diese Fähigkeit sehr. Statusunterschiede spielen für Mathias kaum eine Rolle. Anders als in Westdeutschland, wo es stärker so etwas wie Prestigedenken gibt.« Gleich zwei Frauen aus dem Westen erzählen, dass es ihrer Oma nicht recht gewesen sei, dass die Enkelin einen Partner »aus der Zone« hat.

Heike und Michael, beide Ende 40, stellen sich manchmal vor, sie hätten sich schon vor dem Mauerfall kennengelernt. Denn Heike ist als Jugendliche gern mit ihrer kleinen Schwester aus Westberlin nach Potsdam gekommen und hat am Bassinplatz Quarkkeulchen verspeist. Die mochte Michael auch sehr gern.

Es ist ziemlich kurzweilig, sich dergleichen durchzulesen und anhand der Porträts zu raten, wer nun jeweils der Ossi und wer der Wessi ist. Eins steht fest: An der Kleidung merkt man es nach 30 Jahren Wiedervereinigung jedenfalls nicht mehr.

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