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Es fehlt an professionellen Krisendiensten

Jedes Jahr nehmen sich in Deutschland fast 10 000 Menschen das Leben

  • Von Pat Christ
  • Lesedauer: 3 Min.

Eine plötzliche Trennung vom Lebenspartner kann eine ganze Kaskade von verheerenden Gedanken auslösen. Ängste wie »jetzt werde ich lebenslang alleine sein« oder »ohne den anderen kann ich nicht leben« schießen durch den Kopf. Auch eine schlimme ärztliche Diagnose vermag einen Menschen bis ins Mark zu erschüttern. Manche stürzen dann in eine so tiefe Krise, dass sie sich das Leben nehmen wollen. Der Welttag der Suizidprävention am 10. September macht darauf aufmerksam, dass es selbst in ausweglos erscheinenden Lebenslagen Hilfe gibt.

In diesem Jahr ist ein Thema neu hinzugekommen: Die Corona-Pandemie, die auch zu massiven seelischen Problemen geführt habe, könne persönliche Krisen verschärfen und das Suizidrisiko erhöhen, sagt Sonja Liebig vom Würzburger Krisendienst. »Es wird gerade sehr viele Menschen geben, die am Rande ihrer finanziellen Möglichkeiten sind oder nicht wissen, wie sie ihren Beruf weiter ausüben oder ihr Geschäft weiterführen können.« Der ökumenische Krisendienst hilft seit 30 Jahren verzweifelten Menschen, die ernsthaft darüber nachdenken, ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Manche Menschen beginnen in einer suizidalen Krise bis ins Detail zu planen, wie sie sich töten werden. Sie ziehen sich entweder stark zurück oder erscheinen sehr umtriebig, wie Liebig erläutert. »Bis sie in einer trügerischen Ruhe so wirken, als hätten sie die Situation wieder im Griff.« Dabei ist der Suizidplan fertig und der Zeitpunkt exakt bestimmt. »Selbst Fachleute erkennen dann manchmal nicht die akute Todesabsicht.« Deswegen sei es wichtig, im Gespräch zu bleiben, unterstreicht die Sozialpädagogin.

Für Menschen, die nicht mehr am Leben hängen, müsse mehr getan werden, sagt die Suizidpräventionsforscherin Ute Lewitzka vom Uniklinikum Dresden. In Psychiatrien gebe es kaum spezielle Ambulanzen für sui-zidgefährdete Menschen. Auch müsse die niedrigschwellige Krisenintervention ausgebaut werden. »Leider hat fast kein Krisendienst die Ressourcen, sein Angebot rund um die Uhr oder sogar aufsuchend vorzuhalten.« Dabei sei das zur Prävention wichtig, denn »Krisen halten sich nicht an Öffnungszeiten, und die Hemmschwelle, sich in einer Klinik vorzustellen, ist oft riesengroß«.

Deutschlandweit nahmen sich nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2018 fast 9400 Menschen selbst das Leben. Angesichts dieser hohen Zahl fordert auch Barbara Schneider, Leiterin des Nationalen Suizidpräventionsprogramms, einen Ausbau der Krisendienste in Deutschland. »Bisher läuft hier viel ehrenamtlich«, sagt sie. Das freiwillige Engagement sei zwar gut, aber es könne regelmäßige fachliche Angebote nicht ersetzen.

Ob jemand das Leben in vollen Zügen genießen kann oder ob er das Dasein als eine einzige Last empfindet, hängt nicht zwingend mit den konkreten Lebensumständen zusammen. Darauf verweist Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Depressionen könnten das Leben verleiden, auch wenn die äußeren Umstände alles andere als schlecht sind. »Depressionen werden als Erkrankung unterschätzt und nicht konsequent behandelt«, beklagt der Frankfurter Psychiater.

Suizidgedanken sind laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe ein »sehr häufiges« Symptom bei Depressionen. Sie machten dieses Leiden darum zu einer lebensbedrohlichen Erkrankung. Die Quote der psychiatrisch Erkrankten unter allen Menschen, die durch Suizid sterben, liegt nach Angaben der Stiftung bei 90 Prozent. In mehr als jedem zweiten Fall handle es sich um eine Depression. epd/nd

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