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Großmacht auf dem Rückzug

Der armenisch-aserbaidschanische Konflikt beeinflusst die russische Innenpolitik / Experten befürchten Einflussverlust des Kremls im Kaukasus

  • Von Ute Weinmann, Moskau
  • Lesedauer: 3 Min.
Karabach: Großmacht auf dem Rückzug

Gerade mal zwei Monate sind vergangen seit der letzten militärischen Auseinandersetzung zwischen Aserbaidschan und Armenien. Damals blieb es bei einem kurzen Intermezzo. Nun aber befürchten viele Beobachter in Russland, der Konflikt um die vorwiegend von Armeniern besiedelte Region Bergkarabach könnte eskalieren. Schlimmstenfalls könnten sich die Auswirkungen sogar im russischen Nordkaukasus bemerkbar machen.

In anderen russischen Regionen zeigen sich fast immer unmittelbare Folgen von Kampfhandlungen zwischen armenischen und aserbaidschanischen Truppen. In Russland leben 1,7 Millionen Armenier, die überwiegend im Besitz der russischen Staatsbürgerschaft sind. Über Hunderttausend davon in Moskau. Ihnen stehen allein in der Hauptstadt eine Million Aserbaidschaner gegenüber, die mit 3,6 Millionen Menschen landesweit eine der größten nationalen Minderheiten darstellen. Im Juli gab es in mehreren Moskauer Stadtteilen heftige Massenschlägereien. Bei Übergriffen aserbaidschanischer Männer auf ein armenisches Restaurant und einen Baumarkt kamen Holzschläger und Metallstäbe zum Einsatz.

Aber die Auseinandersetzungen erreichen in Moskau noch ganz andere Dimensionen: Das Wirtschaftsmagazin »Forbes« führt in seiner Liste der 200 vermögendsten Geschäftsleute in Russland acht Armenier. Sichtbar werden Konflikte insbesondere im Handel, da sowohl Einkaufszentren als auch viele Märkte von Aserbaidschanern und Armeniern betrieben werden. Mitte Juli wurde armenischen Zulieferern die Zufahrt zum Großmarkt »Food City« verwehrt, dessen Besitzer ein Aserbaidschaner ist. David Tonojan, stellvertretender Vorsitzender der Vereinigung der Armenier Russlands, rief daraufhin zum Boykott aller aserbaidschanischen Läden und Märkte auf.

Aktuell steht jedoch ein anderer Aspekt im Fokus. Ara Abramjan, Präsident der Union der Armenier Russlands, kündigte die Entsendung von 20 000 armenischen Freiwilligen aus Russland nach Bergkarabach an. Der Vizepräsident der Union der Aserbaidschaner, Elunur Gusejnow, erhob daraufhin Anschuldigungen und will eine Anzeige wegen extremistischer Äußerungen stellen. Das sei ein regelrechter Informationskrieg, zudem handele es sich um Einmischung in den Verlauf der Kampfhandlungen. Tonojan konterte, seine Organisation leiste Hilfestellung und biete Beratungen an, beispielsweise wie geschlossene Grenzen überquert werden könnten.

In den Medien nehmen die Ereignisse im Südkaukasus breiten Raum ein. Laut wird auch Kritik an der russischen Diplomatie. So verwies der Radiosender Kommersant FM darauf, dass das russische Außenministerium Zurückhaltung an den Tag lege und nichts unternommen habe, um die Konfliktparteien an den Verhandlungstisch zu bekommen. Dadurch büße Russland langfristig seinen historisch bedingt starken Einfluss in der Region ein. Der unter anderem für die oppositionelle »Nowaja Gaseta« schreibende Militärexperte Pawel Felgengauer zweifelt daran, dass der Kreml derzeit in der Lage sei, eine effektive Vermittlerrolle zu spielen. Zu sehr nähmen die Entwicklungen in Belarus und die zusehende Verschlechterung der Beziehungen zu Frankreich und Deutschland nach der Vergiftung des Antikorruptionspolitikers Aleksej Nawalny die russische Führung in Beschlag. Ein Interesse des Kremls an Kampfhandlungen in Bergkarabach sieht er nicht.

Dem widersprach der Journalist und Kaukasuskenner Maxim Schewtschenko, der bei den letzten Präsidentschaftswahlen als Vertrauensperson des Kandidaten der Kommunistischen Partei, Pawel Grudinin, fungierte. Anders als Experten aus dem liberalen Lager sieht er Russland in der Verantwortung für die jetzige Eskalation. Ziel sei es, die Türkei in einen Krieg zu involvieren, um Ankara als Akteur in der Region zu schwächen. Außerdem wolle der Kreml auf diese Weise von der Situation in Belarus und die Vergiftung Nawalnys ablenken. Darüber hinaus sieht er noch einen weiteren Grund, nämlich den 2018 nach weitläufigen Straßenprotesten an die Macht gekommenen Präsidenten Nikol Paschinjan durch erwartbare Verluste zu diskreditieren und aus dem Amt zu entfernen.

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