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  • Sport
  • NFL und Antirassismus

Weniger Fans, mehr Protest

Die NFL startet in leeren Stadien ihre Saison - auch die Footballer dürfen nun gegen Rassismus demonstrieren

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 5 Min.

Ginge es nach dem Präsidenten, würden die Sportfans in den USA an diesem Donnerstag nur über Tom Brady und Patrick Mahomes reden. Der Star-Quarterback und sechsfache Super-Bowl-Sieger Tom Brady hat im Sommer die New England Patriots verlassen und sich den Tampa Bay Buccaneers angeschlossen. Dort will der 43-Jährige versuchen, seinen Legendenstatus zu untermauern - mit einem Titelgewinn ohne das beste Team des Jahrzehnts um sich zu haben.

Genau das möchte der 19 Jahre jüngere Patrick Mahomes verhindern, wenn er mit Meister Kansas City Chiefs in der Nacht zum Freitag die neue Saison der National Football League (NFL) eröffnet. Er will mit seinem Team den Titel verteidigen und Bradys Ära endgültig beenden. Mahomes steht unter enormem Druck, immerhin hat er im Juli einen Zehn-Jahres-Vertrag unterschrieben, der ihm bei andauerndem Erfolg insgesamt eine halbe Milliarde US-Dollar einbringen kann.

Man mag fragen, was das mit Donald Trump zu tun hat. Nun, in etwas mehr als 50 Tagen wird ein neuer Präsident gewählt, und der Amtsinhaber versucht, mit allen möglichen Themen seine schlechten Umfragewerte zu verbessern. Die NFL kommt ihm da gerade recht. Football ist seit Jahren der beliebteste Sport in den USA. Ob am College oder von Profis in der umsatzstärksten Sportliga der Welt betrieben: Wenn Helme aufeinander krachen, zieht das die Massen an - und es lenkt sie von ihren Problemen ab. Trump steht in der Kritik, vor allem, weil er die Corona-Pandemie nicht unter Kontrolle bekam, und die Menschen mit millionenfachen Erkrankungen, bald 200 000 Todesfällen und einer rekordverdächtigen Arbeitslosigkeit den Preis dafür bezahlen.

Also beschwört der Präsident seit Monaten das Ende der Pandemie herbei. Bereits im Mai forderte er, dass alle Menschen zurück an die Arbeit gehen. Im August sollten alle Kinder wieder in die Schule. Doch nie traf ein, was er verlangte. Sein neuester Versuch im Vorgaukeln von Normalität: »Football muss zurückkommen«, twitterte Trump. Am liebsten in vollen Stadien und mit stolz stehenden Spielern, die vor jeder Partie die Nationalhymne mitsingen. Über Corona oder Rassismus soll nicht mehr geredet werden, nur noch über den Sport und seine Stars.

Doch auch diesmal wird Trump sein Wunsch verwehrt bleiben. Klar ist bereits, dass es keine vollen Stadien geben wird. Zum Auftakt gegen die Houston Texans spielen die Kansas City Chiefs zwar vor Zuschauern, allerdings dürfen nur 17 000 ins auf eine Kapazität von 22 Prozent begrenzte Arrowhead Stadium. Die Maximalbelegungen bestimmen weder die Klubs noch Trump, sondern die lokalen Gesundheitsbehörden. Nur drei von 32 Teams kündigten an, dass sie ihre ersten Heimspiele vor Fans austragen können oder wollen. Das höchste der Gefühle ist die 25-prozentige Auslastung bei den Indianapolis Colts. Normalität sieht anders aus.

Dass die Pandemie an der NFL nicht vorbeizieht, bewiesen mehr als 60 positiv getestete Profis. In der vergangenen Woche kamen noch mal vier hinzu. Dennoch verzichtet die Liga auf das Spielen in einer Blase wie im Basketball und Eishockey. Dabei hat die Baseballliga MLB zuletzt gezeigt, wie schnell der Terminkalender durch positive Fälle und Quarantänemaßnahmen durcheinander geraten kann. Die NFL wird weiterhin tägliche Coronatests durchführen. Die Spielergewerkschaft hatte darauf gedrängt. Eine Maskenpflicht besteht aber nicht.

Obwohl das Coronavirus auch das Leben der Footballer bestimmt, dürfte es dennoch nicht das bestimmende Thema des Saisonauftakts sein, denn auch in der NFL wird mit Protesten gegen rassistische Polizeigewalt gerechnet. Überraschend kommt das nicht, schließlich war San Franciscos Colin Kaepernick im Jahr 2016 der erste, der bei der Hymne kniete. Der Unterschied zu damals ist, dass der seit Jahren arbeitslose Quarterback nun viele Nachfolger gefunden hat und die Liga ihnen zumindest offiziell den Protest auch nicht mehr verbieten will. »Wir hätten den Spielern früher zuhören sollen« sagte NFL-Chef Roger Goodell jüngst. Der Protest sei nicht antiamerikanisch gewesen, auch die Liga sei nun der Meinung: »Black lives matter.«

Hier muss erwähnt werden, dass wenige Tage nach dem Mord an George Floyd viele Stars der NFL per Videomontage Commissioner Goodell fast dazu zwangen, genau dies endlich laut auszusprechen. In der Vergangenheit hatten sich die Klubeigner und Goodell eher von Donald Trump treiben lassen und Bestimmungen erlassen, nach denen bei der Hymne gestanden werden musste. Wer protestieren wollte, sollte dies in der Kabine tun.

Jetzt aber wird alles anders. Die Spieler aus Seattle dürfen Namen der Opfer von Polizeigewalt auf ihren Helmen tragen. Die Liga lässt sogar die Slogans »Stoppt Rassismus« und »Es braucht uns alle« in die Endzonen schreiben, genau dort also, wo die Footballer ihre Touchdowns feiern. Alle Teams sperren zudem am Wahltag ihre Tore zu, damit alle Angestellten wählen gehen können. Und nach den jüngsten Schüssen auf Jacob Blake in Kenosha bestreikten Teams aus Los Angeles, Indianapolis, Green Bay, Chicago, New York, Denver, Nashville, Washington D.C. und Detroit ihr Training, ohne dass sie dafür von ihren Klubführungen bestraft wurden.

Das Knien wird selbstredend auch nicht mehr untersagt. Dabei wollte Donald Trump genau das nicht mehr sehen: »Wenn sie nicht für die Hymne stehen, hoffe ich, dass sie gar nicht anfangen«, hatte er Druck auf die Liga gemacht. Die Leute seien der politisierten NBA-Basketballer überdrüssig und würden abschalten. »Ich hoffe, dass der Football daraus lernt. Steht für unser Land und unsere Flagge!«, ließ er über Twitter folgen.

Doch der öffentliche Druck, friedlichen Protest zuzulassen, ist offenbar größer als der des Staatspräsidenten. Selbst die Dallas Cowboys, die sich seit Jahrzehnten ganz patriotisch als »America’s Team« bezeichnen, wollen Spielern nun erstmals das Knien zur Hymne in den Arenen erlauben. Teambesitzer Jerry Jones hatte seine Mannschaft bis jetzt immer nur geschlossen knien, zur Hymne dann aber ebenso geschlossen aufstehen lassen. Diesmal aber hat Abwehrspieler Dontari Poe klargemacht: »Ich werde zur Hymne knien.« Und Jones knickte ein.

Als Präsidentensohn Eric Trump davon erfuhr, twitterte er: »Football ist offiziell gestorben. Das war’s mit ›Amerikas Sport‹. Auf Wiedersehen NFL. Ich bin weg.« Kaum ein protestierender Footballer wird ihm nachtrauern, wenn die Trumps nach einer möglichen Wahlniederlage im November sich auch vom Weißen Haus verabschieden müssen.

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