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Reisen

Filmreifes Comeback für Rimini

Party, Strand und Sonnenbad sind nicht alles. Rimini hat mehr zu bieten.

Von Anja Reinbothe

Es ist wie jeden Morgen. Mit geübten Griffen klappt Mauro Vanni die Liegen an seinem Strandbad Nummer 62 auseinander, öffnet die weißgrünen Sonnenschirme. Um die 250 solcher Bagni gibt es in Rimini. 40 000 Sonnenschirme in Reih und Glied finden sich normalerweise von Torre Pedrera bis Miramare, dazu 240 Bagninos, die alles bewachen. In dieser Saison ist alles anders, alles ein bisschen weniger von allem, vor allem weniger Sonnenschirme und Liegen. Vanni hat in diesem Jahr statt 750 Liegen nur 600 aufgestellt. Denn waren es vormals zehn Quadratmeter Urlaubsglück, benötigt jeder Haushalt jetzt 18 Quadratmeter Freiluftfläche. Zwischen den Liegestühlen sind mindestens 1,5 Meter Abstand zu halten.

Beinahe hätte Corona Vanni und Kollegen einen kompletten Strich durch die Sommerrechnung gemacht. Schließlich waren Italien und auch Rimini stark vom Virus betroffen. Im Juni aber konnten die Strandbäder in der Adriastadt eröffnen und der »Osservatorio Turistico Regionale«, die regionale Tourismusbehörde, Anfang September eine positive Zwischenbilanz ziehen: Im Juli verzeichneten die Küstenregionen in der Emilia Romagna ein Minus von 37 Prozent an Übernachtungen, im August nur noch eines von 6,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, das mit rund 60 Millionen Übernachtungen in der gesamten Region allerdings ein Topjahr war.

Wie in Deutschland machen viele Italiener in diesem Jahr Urlaub im eigenen Land, meint Claudia Valentini vom Fremdenverkehrsamt APT Servizi Emilia Romagna: »Rund 76 Prozent der Touristen an der Adriaküste sind Italiener.«

So bleibt das Publikum von Mauro Vanni in diesem Jahr zumindest nicht aus. Bagninos wie er gehörten einst zur Urlaubsszene wie das Kokosöl zum Braunwerden. Manch einer Auserwählten machten die Bagninos das Sonnenplätzchen besonders schön - und die Ferientage gleich mit, oder? Vanni lacht: Das Klischee sei veraltet, sagt er: »Ich habe nie einer Versuchung nachgegeben, bin seit 30 Jahren glücklich verheiratet.«

Für aufgeregtes Strandleben sind die 15 Küstenkilometer vor Rimini in der Emilia Romagna seit den 1960ern bekannt. In normalen Zeiten sind die Deutschen die treuesten Besucher. In den 1990ern seien sie plötzlich weggeblieben, erinnert sich Bademeisterchef Vanni: »Es zog sie an neue Orte. Auf die Balearen, in die Türkei. Zudem gab es eine Algenplage.« Doch das war einmal. »Wir haben das sauberste Wasser Italiens«, beteuert der 56-Jährige. »Es wird ständig kontrolliert.« Vor ein paar Jahren seien die Deutschen zurückgekehrt. Nun, mit Corona, sind sie wieder vorsichtig.

Überall in Rimini wird jedoch für »Ferien in Sicherheit« geworben. An den Hotelrezeptionen schützen Plexiglasscheiben Gäste und Angestellte, an den Stränden gilt ein Sicherheitsabstand von einem Meter.

Wenn reisen, dann jetzt - auch um das neue Rimini zu erleben, an dem Andrea Gnassi einen großen Anteil hat. Seit 2011 ist er Bürgermeister der Stadt und schafft eine Aufwertung dessen, was vorhanden ist. 250 Millionen Euro hat Rimini in die Renovierung der historischen Altstadt investiert. Bürgermeister Gnassi setzt auf Grün und Nachhaltigkeit. Er hat den Radverkehr wiederbelebt, dafür Wege bauen lassen und die Strandpromenade autofrei. Selbst viele Rimineser steigen wieder in den Sattel. Für Gäste ist es die beste Art, um Rimini zu erkunden, um von Strand auf Kultur umzustellen, was von April bis Oktober gut möglich ist.

Im Grunde genommen ist der Strand das Langweiligste in Rimini, spannend wird es erst ab dem Hafenkanal. Eine Armada von Fischkuttern liegt hinter Panorama-Riesenrad und Leuchtturm vor Anker. Viele der 151 000 Einwohner holen sich an der Mole fangfrische Makrelen, Sardinen - und Canocchie: »Heuschreckenkrebse«, übersetzt Reiseleiterin Helga Schenk. Die Deutsche lebt seit fast 30 Jahren in den Bergen Riminis und begleitet Radtouren. »Canocchia war aber auch Fellinis Spitzname, weil er als Kind sehr mager war und dünne Beine hatte.« Federico Fellini, der Filmemacher, der mit Streifen wie Amarcord oder La Dolce Vita weltberühmt wurde, wurde am 20. Januar 1920 unweit des Hafens geboren, vor genau 100 Jahren.

»Es gibt vieles in Rimini, das einen Platz in Fellinis Filmen gefunden hat«, sagt Schenk, »auch wenn er nie in der Stadt gedreht und die Kulissen immer in Rom nachgebaut hat.« Selbst Riminis Tiberiusbrücke, über die in »Amarcord« die Autos preschten. Standhaft spannt die Brücke seit 2000 Jahren ihre fünf Bögen über den Marecchia-Fluss, der im Altertum Ariminus hieß und der Stadt ihren Namen gab.

Gegründet wurde Rimini 268 vor Christus von den Römern. Auf der einen Seite der Tiberiusbrücke liegt das bunte Fischerviertel Borgo San Giuliano, in das es Fellini als Junge oft zog. Beinahe jedes Haus ist mit einem Gemälde bestückt, das an den Cineasten und seine Filme erinnert. Als er 1993 starb, trugen ihn die Rimineser auf ihrem Trauerzug über die Tiberiusbrücke.

Der steinerne Flussübergang führt auf der anderen Seite auf den Corso d’Augusto und direkt ins antike Stadtzentrum. Einmal im Zickzack radeln, schon steht man vor der Glaskonstruktion des Stadtmuseums »Domus del Chirurgo«. Sechs Jahre hat Maria Luisa Stoppioni das Haus des Chirurgen Eutyches ausgegraben. Ein weltweit einzigartiger archäologischer Schatz, wie die Archäologin versichert: »Nicht mal in Pompeji hat man so was gefunden. Das Gebäude brannte im dritten Jahrhundert nach Christus nieder und das Stockwerk darüber ist eingesackt. Daher ist alles so gut erhalten.« Stolz zeigt Stoppioni gut erhaltene Bodenmosaike und einen Schriftzug: »Ein Kranker hat den Arztnamen in die Wand gekratzt.«

Die Eindrücke hallen nach, während die Räder vor dem Szenelokal »Abocar due cucine« festgemacht werden. Dort serviert Mariano Guardianelli Linguine mit Miesmuscheln und Garum, einem Urzeitpesto der Initiative »Dimora Energia Lab«. 40 Mitstreiter stellen dabei Essen nach uralten Rezepten her. Von ihnen sind auch die antiken Kräuterravioli, die Guardianelli mit Blümchen verziert.

Seine Gerichte sind eine Augenweide. Dafür ist der Halbargentinier bekannt wie Federico Fellini für sein »Buch der Träume«, das im Städtischen Museum liegt und in Auszügen an den Wänden des stillen Örtchens im »Abocar« hängt. »Schreib deine Träume auf! riet ein Psychologe Fellini«, erzählt Stadtführerin Helga Schenk, als es mit dem Fahrrad weitergeht. »Da Fellini besser malen als schreiben konnte, entstanden all die Bilder und das Buch, in dem Filmfiguren und Rimini verewigt sind.«

Die Stadt bewegte Fellini Zeit seines Lebens. Hier ist stets was los, nur die zwei Monate während des Lockdowns stand das Leben hier mehr oder weniger still. Nun flammt es im angemessenen Corona-Rahmen wieder auf. Anlass zum Feiern findet sich genug. Seien es Food-Festivals wie »Al meni« mit Sterneküche zu Streetfoodpreisen (25.-27. September) oder die »Rosa Nacht«, die in diesem Jahr zur »Pink Week« wurde - mit lauter kleinen Events wie der Eröffnung des »Fulgor-Kinos« 2018, nach sechs Jahren Renovierungszeit. Das Kino lädt seit wenigen Tagen wieder zu Besuchen ein.

»Als Junge sah Federico Fellini im Fulgor seine ersten Filme«, erzählt die Stadtführerin. In den Stockwerken über dem Kinosaal können Besucher Zeichnungen, Fotos und Erinnerungen aus seinen Werken betrachten. Den größeren Raum hat Bühnenbildner Dante Ferretti im Stil alter Hollywoodkinos mit roten Samtsesseln und Wänden in Gold eingerichtet. Zusammen mit dem neuen Platz der Träume und dem Castel Sismondo bildet das »Fulgor« das künftige Fellini-Museum. »Es wird entweder im Dezember oder spätestens am 20. Januar 2021, dem Geburtstag Federico Fellinis eröffnet«, sagt Claudia Valentini vom Fremdenverkehrsamt.

Auf dem Piazza Cavour nebenan mit dem mittelalterlichen Zapfenbrunnen und der Statue von Papst Paul V. sitzen Männer vor einem Zeitungskiosk und plaudern. Für sie ist der Palazzo dell’Arengo auf der Piazza mit seinen ghibellinischen Zinnen und Säulen alltäglich, für andere einmalig und sie können sich nicht daran sattsehen. Schenk lenkt die Radler zum Malatesta-Tempel an der Via IV Novembre, den Heerführer Sigismondo Malatesta 1450 als Renaissance-Mausoleum für sich und seine Geliebte Isotta Degli Atti errichten ließ. Über die Piazza Tre Martiri geht es dann dem Augustusbogen entgegen.

Eine Pause im Grand Hotel am Rande des Federico-Fellini-Parks kommt wie gerufen. 1908 eröffnete es im Stil der Belle Époque für die Reichen und Schönen. Fellini vergötterte den weißen Schnörkelpalast, erzählt die Reiseleiterin: »Er drückte sich als Achtjähriger am Fenster die Nase platt, um die eleganten Herrschaften im Empfangsbereich und in den prunkvollen Salons zu verfolgen. Später war Zimmer Nummer 315 immer für ihn reserviert.« Am liebsten saß der Filmemacher jedoch in der Eingangshalle und lauschte den Gesprächen der Gäste - stets auf der Suche nach guten Geschichten. So wie Rimini sie selber auch schreibt - zwischen Strandleben und Kulturgenuss.

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