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Ein schlechtes Los

Die meisten Amateurvertreter verzichten dieses Jahr auf ihr Heimrecht. Und das oft nicht aus freien Stücken.

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

Der FC Rielasingen-Arlen ist derzeit Zehnter in der Oberliga Baden-Württemberg. FV Lörrach oder SV Oberachern heißen hier die Gegner. Ein Erstrundenspiel gegen Holstein Kiel im DFB-Pokal ist da schon eine andere Nummer. Zumindest wäre es das, wenn Corona den Amateurvereinen nicht in diesem Jahr einen riesigen Strich durch die Rechnung machen würde. 20.000 Zuschauer kamen ins Freiburger Stadion, als das Team vom Bodensee 2017 Borussia Dortmund zugelost bekam. Die Einnahmen aus Kartenverkauf und Verzehr waren eine wichtige Basis für den Aufstieg in die Oberliga in der darauffolgenden Saison. »Das war ein echtes Fußballfest«, erinnert sich Vorstand Peter Dreide. »Dieses Jahr kann davon leider keine Rede sein.«

Der FC sah sich gezwungen, sein Heimrecht an den potenteren Gegner abzugeben, wohlwissend, dass Kiel mehr als 900 Kilometer von Rielasingen entfernt liegt. Das eigene Stadion genügt nicht den Pokalanforderungen, ein Umzug nach Freiburg wäre ohne Zuschauereinnahmen zu kostspielig gewesen. Bleibt also nur die Fahrt nach Kiel. Die Oberligakicker vom Bodensee rechnen mit 13 Stunden Busfahrt. Lieber hätte man den ICE genommen, berichtet ein Vereinssprecher. Doch vom DFB sei man »deutlich aufgefordert« worden, den Bus zu nehmen. Auch der Vorschlag, einen eigenen Waggon zu mieten, sei abschlägig beschieden worden. Zu groß sei die Gefahr, dass sich das Team an einem Bahnhof anstecke. Und es gelte nun einmal zu verhindern, dass ein Amateurverein Corona in eine Bundesliga-Mannschaft trage.

Elf der 17 Vereine unterhalb der dritten Liga verzichten an diesem Wochenende auf ihr Heimrecht. Der DFB genehmigte das in Zeiten der Corona-Pandemie ausnahmsweise. Lediglich der SV Todesfelde, der SC Rheda-Wiedenbrück, der TSV Steinbach-Haiger, der SSV Ulm, RW Essen und die Spvgg Elversberg haben sich für die gewohnte Umgebung entschieden.

Aus freien Stücken gibt natürlich kein Verein sein Heimrecht auf. Doch die Anforderungen des Hygienekonzepts und nicht zuletzt die nötigen Umrüstungen für die TV-Kameras sind für kleinere Vereine meist nicht zu stemmen. So hätte Bayern-Regionalligist FC Schweinfurt 05 allein 20.000 Euro in eine Hebebühne für die TV-Kameras investieren müssen, Gesamtkosten von bis zu 50.000 sind schnell beisammen, wie der »kicker« ausgerechnet hat. »Für uns als Amateurvereine ist es unter den momentanen Bedingungen der Corona-Pandemie, vor allem aber in einem Zeitfenster von nur drei Wochen weder organisatorisch noch unter wirtschaftlichen Aspekten leistbar, ein Heimspiel durchzuführen«, sagt Martin Hahn, Präsident des Südwest-Oberligisten FV Engers. Stattdessen reist er mit seinem Verein nach Bochum. »Mit 350 Zuschauern und Kosten von mehreren zehntausend Euro wäre aus dem größten sportlichen Erfolg unserer Vereinsgeschichte sonst ein nicht kalkulierbares Risiko für uns entstanden.«

Ähnlich argumentiert auch Sieghard Richter, Vorsitzender des Nordost-Regionalligisten Union Fürstenwalde: »Wir haben bis zur letzten Minute versucht, das bei uns zu stemmen, aber das finanzielle Risiko war einfach zu groß.«

Wobei: In den Ruin würde ein Heimspiel, so unrentabel es sein mag, keinen Amateurverein treiben. 30.000 Euro bekommt jeder Verein vom DFB für die Umsetzung des Hygienekonzepts, und in der vergangenen Saison erhielt jeder 170.000 Euro aus den TV-Einnahmen. Auch wenn die Summe dieses Jahr etwas geringer sein könnte – ein lukratives Geschäft bleibt der Pokal dennoch.

Die wenigen Vereine, die ihr Heimrecht behalten, argumentieren dann auch eher mit dem psychologischen Faktor. Markus Weibler vom Regionalligisten SSV Ulm hat nicht lange gezögert, als es um den Austragungsort ging: »Warum sollten wir den Heimvorteil aus der Hand geben und stattdessen eine strapaziöse Busfahrt nach Aue machen?« Dabei gehe es weniger um die 500 Zuschauer, die an der Donau zugelassen sind. »Aber wir spielen in unserem Wohnzimmer, das macht etwas aus.«

Die rund 300 Tickets, die in den freien Verkauf gingen, haben die Ulmer bevorzugt an Mitglieder und Dauerkartenbesitzer vergeben. Manche Vereine verlosen die Tickets, andere bedenken vor allem ihre treuesten Stehplatz-Fans. Schalke, das offenbar imagetechnisch einiges wieder gutzumachen hat, bedenkt Mitarbeiter von Gelsenkirchener Krankenhäusern und Altenheimen. Beim Drittligisten SV Waldhof Mannheim wählte man hingegen einen anderen Weg und bot die Tickets zum Spiel gegen den SC Freiburg erstmal nur den eigenen VIPs an, zu 230 Euro das Stück. Einen Widerspruch zur Eigenwerbung auf der Homepage sah man beim Drittligisten offenbar nicht, obwohl dort zu lesen ist: »Working class football since 1907«.

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