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Kollektiv dagegenhalten

Klimakrise und Pandemie, Polizeigewalt und Black Lives Matter, Riots in Stuttgart und Frankfurt, Proteste in Belarus und im Libanon: Über die Momente der Gegenwehr im dystopischen Jahr 2020

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 7 Min.

Erst gehen Teile des Planeten in Flammen auf, riesige Landstriche unter anderem in den USA, Australien und Brasilien werden auf Jahre hinweg verwüstet, gleichzeitig tobt eine sich rasend ausbreitende tödliche Pandemie, Zehntausende sterben, Millionen Menschen befinden sich eingeschlossen in Lockdown und Quarantäne.

Dem sozialen Ausnahmezustand und dem autoritären polizeilichen Zugriff an einigen Orten folgt die drastische Ausweitung der in den Jahren zuvor schon sichtbaren globalen Riots, als nach dem Tod von George Floyd in Minneapolis nicht nur die soziale Frage sondern auch der jahrzehntelang vernachlässigte Rassismus diskutiert wurden. Was wie ein dramaturgisch überspitztes Drehbuch eines der heute üblichen apokalyptischen Hollywood-Blockbuster wirkt, die zunehmend auch Rassismus und soziale Ausgrenzung thematisieren und damit Kasse machen, ist die knappe Zusammenfassung der global einschneidenden Ereignisse im ersten Halbjahr 2020.

Die zweite Hälfte dieses bisher so ereignisreichen Jahres ist noch nicht zu Ende. Wer zahlt für die Krise? Geht das autoritäre marktkonforme Verteilungssystem einfach weiter? In einer verschärften Form mit »chilenischen Verhältnissen« für alle? Geht der autoritäre Rechtsruck in die nächste Runde? Oder wird erfolgreich um soziale, ökonomische und kulturelle Teilhabe gekämpft? Fördert die Coronakrise sogar kollektive Organisierungen von unten? Stehen wir gar am Anfang einer neuen Welle emanzipatorischer Kämpfe?

Inzwischen lodern schon wieder gigantische Brände in Kalifornien und Südamerika, während in China ganze Landstriche absaufen. Diese vom planetaren Raubbau mitverursachten Naturkatastrophen im Anthropozän werden nun aber wegen der sich weiterentwickelnden Pandemie nur am Rande als eine Art Hintergrundrauschen wahrgenommen. Das dystopische Szenario weitet sich also eher aus und verstetigt sich. Gleichzeitig kommt es erneut zu wochenlangen Protesten gegen autoritäre Regierungen wie in Belarus, aber auch im Libanon und in Hongkong flammen die Kämpfe wieder auf, in Chile wird wieder demonstriert - und in den USA spitzen sich die Auseinandersetzungen mitunter zu wie vor einigen Wochen in Seattle und Portland.

Hierzulande ist vor allem der Anschlag in Hanau im Februar, bei dem zehn Menschen ermordet wurden, ein einschneidendes Ereignis, das noch einmal unterstreicht, dass rassistischer Terror auch bei uns zum Alltag gehört. 2020 ist eben auch das Jahr eines zunehmenden rechten Terrors, polizeilicher Übergriffe und einer auch für den medialen Mainstream immer offenkundiger werdenden Affinität für rassistische und neofaschistische Positionen in Teilen von Polizei und Armee. Ein Polizeigewalt-Video jagt in den sozialen Netzwerken das nächste. In den USA ziehen schwer bewaffnete Paramilitärs ohne Abzeichen durch die Innenstädte und versuchen die größte außerparlamentarische Bewegung seit 50 Jahren durch Einschüchterung kleinzuhalten. Demokratische Standards besitzen immer weniger Verbindlichkeit, der Rechtsstaat wird munter von jenen abgewickelt, die ihn ständig als Rechtfertigung autoritärer Maßnahmen im Munde führen.

Auch deshalb gehen nach dem Tod von George Floyd hierzulande so viele Menschen auf die Straße, wobei es in Berlin gleich wieder Bilder gewalttätiger und rassistischer Übergriffe durch Polizeibeamte gibt. Die Filmsequenzen in sozialen Netzwerken von Polizisten, die sich auf wehrlose, auf dem Boden liegende Menschen setzen und ihnen die Luft zum Atmen nehmen, gleichen sich. In diesem Zusammenhang sollten auch die Ereignisse im Juni und Juli in Stuttgart und Frankfurt am Main gelesen werden, wo sich die Wut zahlreicher junger, vorwiegend migrantischer Menschen spontan entlädt und es zu stundenlangen Riots kommt, die in dieser Art hierzulande eher ungewohnt sind, was einige bürgerliche Kommentatoren dazu bringt, vor französischen Verhältnissen zu warnen.

In Stuttgart und Frankfurt sind Polizeikontrollen der Auslöser dieser Ereignisse. Insofern folgen die dortigen Riots dem gängigen Muster derartiger Konfrontationen, wie sie auch in anderen Ländern stattfinden. Hierzulande wird der politische Gehalt dieser Auseinandersetzungen in der schwäbischen Metropole und in Frankfurt kollektiv fast gänzlich geleugnet, obwohl es in beiden Fällen eindeutige Hinweise darauf gibt, dass erst eine im Regelbetrieb fest eingeschliffene autoritäre und rassistische Polizeipraxis zur Eskalation führt und eine kollektive Reaktion subalterner Solidarität entstehen lässt. Die Riots sind eben auch Ausdruck dafür, dass die rassistische Zurichtung von vielen jungen Menschen nicht mehr einfach als selbstverständliches, nicht hinterfragbares Gewaltverhältnis hingenommen wird.

An dem Abend, als sich Jugendliche in Stuttgart von der Polizei schikaniert fühlen und es schließlich richtig »kracht«, strahlt der Privatsender Pro7 den Film »The Hate U Give« (2018) aus, die Adaption eines Romans von Angie Thomas über rassistische Polizeigewalt. Just als die Hauptfigur, die Jugendliche Starr Carter, Tochter eines früheren Black-Panther-Aktivisten, gegen Ende des Films allen Mut zusammennimmt, auf ein Auto klettert und mit einem Megafon in der Hand die Menge agitiert und über die Tötung ihres besten Freundes durch die Polizei berichtet - während Tränengassalven über ihre Köpfe geschossen werden und eine Knüppel schwingende Polizeieinheit auf die Schwarzen Jugendlichen zumarschiert, die sich diesmal aber nicht wegprügeln lassen, sondern kollektiv dagegenhalten -, fangen in Stuttgart einige Jugendliche an, sich dem autoritären Zugriff der Polizei zu entziehen. Diese aus den USA stammende Fiktion im analogen Fernsehen, vom Sender im Zuge der Demonstrationen nach dem Tod von George Floyd breit beworben, und die sozialpolitische Realität kollektiver Gegenwehr auf der Konsum- und Einkaufsmeile einer bundesrepublikanischen Vorzeigestadt erzeugen eine eigenartige Feedbackschleife.

Dabei wird aber genau hier der Unterschied zwischen Realität und Fiktion deutlich: Die Jugendlichen in Stuttgart und Frankfurt werden von den Medien und der Politik nicht als ästhetisch perfekt gestylte Pop-Jugendliche, die ethisch integer ihr Handeln reflektieren, ins Szene gesetzt, sondern mit Hilfe rassistischer und klassistischer Stereotype, die aus dem sozialpolitischen Diffamierungsbaukasten der Brennpunktschulen, Intensivstraftäter und der übergriffigen machistischen Männer stammen, ausschließlich als Täter diskriminiert. Dadurch wird ihrem Handeln jede politische Dimension abgesprochen.

Natürlich ist die soziale Realität kollektiver Proteste immer weit weniger strahlend als in einem Popsong oder im Film- oder Serienformat, wo immer mehr mit »Woke-Washing«, der Instrumentalisierung von sozialen Themen für Imagezwecke, gearbeitet wird und sozial- und rassismuskritische Positionen quotengerecht und massenkompatibel inszeniert werden. Die Realität besitzt weitaus mehr Friktionen und Stolpersteine und hat eher Ähnlichkeit mit einem Theaterstück von Christoph Schlingensief als mit einer aalglatten hollywoodesken Inszenierung. Soziale Proteste machen ebenso Risse im ordnungspolitischen und gesellschaftlichen Gefüge sichtbar, wie sie auch geltende Herrschaftsnormen widerspiegeln und sie reproduzieren. Deshalb ist nicht jede Riot per se emanzipatorisch und reproduziert auch immer wieder männliche Gewalt mit der dazugehörigen Ästhetik. Bei größeren Protestaktionen kann das auch ausschließen und sogar entsolidarisierend sein.

Eine Frage stellt sich aber angesichts global ausbreitender Sozialproteste, die kaum Kohärenz und bisher auch keine wirkliche Gleichzeitigkeit aufweisen wie etwa »1968« und sich auch nicht mit einer emanzipatorischen politischen »Großen Erzählung« miteinander verknüpfen lassen: Wie viel utopisches Potenzial steckt eigentlich in diesem Ereignishorizont, der von Politik und Medien gerne als Teil eines immer weitergehenden dystopischen Szenarios gelesen wird? Denn natürlich haben Waldbrände am Amazonas und im australischen Outback nichts mit Sozialprotesten in Beirut und Santiago de Chile oder mit Antifa-Riots in Nordkalifornien zu tun. Auch wenn die derzeitige Konfiguration des Spätkapitalismus viel mit all diesen Ereignissen und ihrer Dramaturgie zu tun hat. In jeder Transformation und Zerstörung steckt eben auch immer das Potenzial zu Wandel.

In Alfonso Cuarons Film »Children of Men« (2006) wird eine spätkapitalistische Welt entworfen, die kurz vor dem Untergang steht und in der jegliche Staatlichkeit sich in autoritäre Gewalt verkehrt, während gleichzeitig auf sehr unterschiedliche Art gegen diese Herrschaft gekämpft wird. So weit wie in »Children of Men« sind wir noch lange nicht, wenngleich uns das erste Halbjahr 2020 eindeutig ein Stück weiter in diese Richtung geschoben hat. Aber gleichzeitig nehmen die Kämpfe gegen Rassismus und autoritäre Zurichtung immer mehr zu, denn in dem dystopischen Moment steckt mehr utopisches Potenzial, als es im ersten Moment den Anschein hat.

Man muss den politischen Gehalt der sich überschlagenden Ereignisse ebenso sichtbar machen wie diskutieren. Sonst könnte bald das ohnmächtige Gefühl überhandnehmen, in einem schlechten Hollywood-Film verloren zu gehen.

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