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Die Buhmänner

SCHWARZ AUF WEIß: Warum eigentlich nur Frauen und Kinder retten, fragt Sheila Mysorekar

  • Von Sheila Mysorekar
  • Lesedauer: 4 Min.
Nach dem Brand in Moria: Die Buhmänner

Im Zuge der Debatte, wie viele und welche Geflüchtete aus Moria aufgenommen werden sollen, heißt es: nur unbegleitete Kinder, Schwangere, vielleicht ein paar Frauen mit Babys. Aber wer auf keinen Fall gerettet werden soll, sind Männer, insbesondere junge Männer. Da sind sich alle einig. Männliche Wesen nach der Pubertät sind hier nicht erwünscht. Wer einmal den Stimmbruch gehabt hat, kann direkt im Mittelmeer ertränkt werden.

Der Publizist Erik Flügge fragte neulich: »Wo kommt eigentlich diese ethisch so fürchterliche Idee her, dass nur Kinder und Frauen gerettet werden sollten und ‚junge, alleinreisende Männer’ ruhig verrecken können?« Das ist eine gute Frage. Diese Idee zieht sich nämlich durch sämtliche politische Entscheidungen und auch durch die Berichterstattung bezüglich Flucht und Migration.

In einer kapitalistischen Gesellschaft, wo der Wert des Menschen in seiner Arbeitsleistung gemessen wird, ist diese Haltung umso seltsamer. Junge, arbeitsfähige Männer sind doch genau die Leute, die man sinnbringend im Arbeitsmarkt unterbringen kann. Frage an all die konservativen Politiker, die jungen Männern auf keinen Fall die Einwanderung erlauben wollen: wer wäre euch denn lieber, vielleicht Frauen in der Menopause? Und das sind dann die neuen Facharbeiter in der Metallindustrie, die wir so dringend benötigen?

Nun geht es um die Rettung 12.000 Schutzsuchender aus Moria. Weil Innenminister Seehofer so unglaublich großzügig ist. Erst sollten rund 150 Kinder nach Deutschland kommen, zuletzt rund 1500 Menschen, vorwiegend Familien. Da sind bestimmt auch Jungen dabei. Lieber Vollhorst, weißt du, was aus Jungen wird, wenn sie älter werden? Männer. Braune Haut, Stimmbruch, erster Flaum auf der Oberlippe – oh, da wächst ein islamistischer Gewalttäter heran! Sollen die dann im Starnberger See ertränkt werden, weil das Mittelmeer zu weit weg ist?

Mit anderen Worten: Die Debatte um den faktischen Einreisestopp für junge Männer ist völlig irrational. Sie basiert darauf, dass viele weiße deutsche Männer schlicht und einfach migrantische Männer hassen. Das klingt jetzt absurd, aber es ist ein roter Faden, der sich von Beschimpfungen im Autoverkehr bis zu Entscheidungen im Bundestag zieht.

Zwei Narrative werden immer wieder bemüht, nämlich die vom sexuell gefährlichen Ausländer, der ‚unsere’ Frauen bedroht, und zweitens von der Kriminalität, die all diese Alis und Ahmeds sozusagen in ihrer DNA tragen.

Das Kriminalitäts-Narrativ wird von den Medien freudig aufgegriffen. De facto geht in Deutschland seit 1991 die Gewaltkriminalität stark zurück. Aber: Weiße Deutsche begehen zwei Drittel aller Gewalttaten, kommen jedoch nur in drei Prozent der Medienberichte vor.

Journalistik-Professor Thomas Hestermann zeigte 2019 in einer Studie über Kriminalitätsberichterstattung, dass ausländische Tatverdächtige in Fernsehberichten 19-mal so häufig erwähnt werden, wie es ihrem statistischen Anteil entspricht; in Zeitungsberichten ist es sogar das 32-Fache.

Auch Kommentatoren, die sich momentan über die fehlende Solidarität der Bundesregierung mit den Geflüchteten in Moria aufregen, haben in den vergangenen Jahren ohne Wimpernzucken über »kriminelle arabische Clans« oder »rumänische Diebesbanden« geschrieben.

Das zweite Narrativ, über den sexuell unkontrollierbaren Fremden, der 'unsere' Frauen bedroht, ist kulturell tief verankert. Patriarchales Denken bildet eine Symbiose mit Rassismus, und zusammen sichert dies die weiße Vormachtstellung. Die Sexualisierung des fremd gelesenen Mannes dient zum Aufbau eines Drohszenarios und zur Rechtfertigung der Unterdrückung.

Dieses alte Narrativ wurde mit der Ankunft der syrischen Geflüchteten wieder aufgewärmt. Die Kölner Silvesternacht 2015 erlangte europaweite Bekanntheit, obwohl laut Gericht nur vereinzelt sexuelle Belästigungen stattgefunden haben. Aber es setzte sich die Ansicht durch, mit den einreisenden Muslimen habe man Gewaltbereitschaft gegen Frauen ‚importiert’ – und diese Idee wird in deutschen Medien unhinterfragt wiederholt, immer wieder aufs Neue.
Nur nebenbei: Eine Studie des BKA von 2019 zeigte, dass bei der Partnerschaftsgewalt unter Einwanderern die Polen führend sind. Das sind eher keine Muslime.

Ungeachtet aller Zahlen und Fakten: bei vielen Politikern und Politikerinnen scheint sich das irrationale Gefühl durchgesetzt zu haben, junge männliche Einwanderer seien irgendwie gefährlich. Und dies führt in letzter Konsequenz zu der Haltung, dass in Moria nur Frauen und Kinder gerettet werden müssen. Menschen werden also in Kategorien von mehr oder weniger erhaltenswert eingeteilt, und es findet eine Selektion statt. Hatten wir so was Ähnliches nicht schon mal? Moment ...

Übrigens: Im internationalen Seerecht gibt es bei Evakuierungen gar keine Regel 'Frauen und Kinder zuerst'.

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