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Traumafabrik Moria

Psychologische Unterstützung ist für Geflüchtete besonders wichtig. In Berlin geht das nun ab dem ersten Tag

  • Von Marie Frank
  • Lesedauer: 3 Min.

59 geflüchtete Menschen aus Moria sind mittlerweile in Berlin gelandet, ein weiterer Flieger mit Familien mit Kindern im niedrigen zweistelligen Bereich landete am Dienstag in der Hauptstadt. Ein »sehr hoher Anteil« von ihnen weise schwere psychische Belastungen auf, erzählt André Vinicius Albuquerque de Bulhoes, Psychologe am Zentrum für transkulturelle Psychiatrie am Vivantes-Klinikum. Für diese Menschen, aber auch für alle anderen der rund 800 monatlich in Berlin ankommenden Flüchtlinge, gibt es seit Mai ein psychologisches Unterstützungsangebot im Ankunftszentrum des Landesamts für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF).

Als erstes Bundesland gibt Berlin damit Schutzsuchenden die Möglichkeit, direkt nach ihrer Ankunft psychologische Unterstützung zu erhalten. »Wir wollen verhindern, dass sich psychische Erkrankungen manifestieren«, so LAF-Präsident Alexander Straßmeir am Dienstag bei der Vorstellung der Psychosozialen Erstdiagnostik und Verweisberatungsstelle (PEV). Wozu das führen kann, weiß Peter Bräunig, Leiter der Abteilung für Seelische Gesundheit am Vivantes- Klinikum, das die Beratungsstelle koordiniert. 3000 Geflüchtete sind dort pro Jahr in Behandlung, fast immer liege eine im Zusammenhang mit der Flucht stehende Belastung zugrunde. Unbehandelt könne das zu Angsterkrankungen und Depressionen führen.

Damit es dazu gar nicht erst kommt, finden im Rahmen des Registrierungsprozesses Gespräche zwischen Sozialdienst und Geflüchteten statt. Bei Bedarf werden diese dann an das PEV weitervermittelt. Dort erhalten sie im Rahmen eines Screenings eine erste Diagnose durch ein mehrsprachiges Team von Psychiater*innen sowie eine Beratung zu weiteren Behandlungsmöglichkeiten.

Den Bedarf überhaupt zu erkennen, ist dabei nicht immer einfach. »Psychische Erkrankungen sind häufig ein Tabuthema«, sagt Straßmeir. Andere Betroffene hätten Angst vor negativen Auswirkungen auf ihre Chancen im Asylverfahren. Und manchmal sieht selbst das geschulte Auge den Menschen ihre Belastungen einfach nicht an. Albuquerque de Bulhoes erzählt von einem solchen Fall: Bei einem jungen Mann, der durchaus »ordentlich« und aufgeräumt gewirkt habe, sei erst nach einem längerem Gespräch herausgekommen, dass er auf seiner Flucht aus Afrika psychisch und physisch missbraucht und in Libyen schwer gefoltert wurde.

Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen unter den Patient*innen liege etwa bei 70 zu 30, sagt Albuquerque de Bulhoes. Die meisten der Patientinnen seien alleinreisende Frauen - ganz im Gegensatz zur durchschnittlichen Zusammensetzung der Gruppe geflüchteter Menschen. Eine Mitarbeiterin vom Sozialdienst hat dazu eine Theorie: »Frauen mit Familien haben gelernt, zu funktionieren, sie lassen die Belastung nicht so sehr raus. Das kommt erst, wenn sich die Situation beruhigt hat.« Geflüchtete Kinder sind besonders traumatisiert, etwa weil sie Menschen ertrinken gesehen haben. Weil die Eltern oft selbst schwer belastet seien, sei eine frühzeitige spezifische psychosoziale Versorgung besonders wichtig, um langfristige Schäden zu vermeiden, betont Kinder- und Jugendtherapeut Clemens Povel.

Bei den geflüchteten Kindern und ihren Eltern, die dieser Tage aus Moria nach Berlin kommen, wird von vornherein davon ausgegangen, dass eine enorme Belastungssituation vorliegt. Jede Familie wird direkt vom PEV untersucht. Generell gilt: Je länger die Flucht, desto schlimmer, sagt Bräunig, Chefarzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. »Das gilt insbesondere, wenn die Menschen lange Zeit in wenig Hoffnung gebenden Verhältnissen leben wie in Moria.«

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