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Wenn die Patienten ausbleiben

Covid-19: Pandemie und Lockdown erschwerten die Versorgung bei anderen Krankheiten

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 5 Min.
Corona und soziale Folgen: Wenn die Patienten ausbleiben

Die Corona-Pandemie einschließlich der Gegenmaßnahmen hat ihre Spuren in den betroffenen Ländern und Regionen hinterlassen. Zu den Folgen zählen nicht nur ökonomische Verwerfungen, sondern auch Veränderungen in der medizinischen Versorgung. Dabei wird auch von Kollateralschäden gesprochen - gemeint ist damit, dass bestimmte Patientengruppen nicht mehr so versorgt werden, wie es vor der Pandemie möglich und üblich war. Wenn militärische Begriffe in der Medizin auftauchen, sollte jedoch genauer hingeschaut werden. In kriegerischen Auseinandersetzungen werden diese unbeabsichtigten Schäden nämlich in Kauf genommen. In der Gesundheitspolitik sollte es so weit nicht kommen, schon angesichts der vorhandenen Ressourcen in Deutschland. Da die Pandemie noch lange nicht zu Ende ist, bleiben auch genug Chancen, den Schutz vor Covid-19 so zu gestalten, dass niemand zurückbleibt.

Inzwischen liegen die ersten Daten dazu vor, welche Ärzte und Krankenhausabteilungen tatsächlich in den letzten Monaten weniger Leistungen als sonst abrechneten. Ein Report des Zentralinstituts für kassenärztliche Versorgung zeigt zum Beispiel, dass in der letzten Märzwoche 2020 die Fallzahlen der Hausärzte im Vergleich zum Vorjahr um 39 Prozent einbrachen. Bei den anderen (niedergelassenen) Facharztgruppen wirkten Infektionsgeschehen und Lockdown noch früher und schärfer. Unter anderem versorgten die Augenärzte in dieser Woche 64 Prozent weniger Fälle, die Kinderärzte 53 Prozent. Der stärkste Rückgang war bei Vorsorge- und Früherkennungsmaßnahmen zu verzeichnen, also bei Untersuchungen, für die es keinen aktuellen gesundheitlichen Anlass gibt. So wurden Ende März 82 Prozent weniger Mammografie-Screenings (Aussetzung der Einladungen ab 25. März) und 71 Prozent weniger Hautkrebs-Screenings durchgeführt. Diese Untersuchungen können natürlich nachgeholt werden, und es ist sicher aufschlussreich, ob es hier mittelfristig trotzdem einen Anstieg von Erkrankungsfällen oder schweren Verläufen geben wird.

Schon etwas kritischer ist die drastische Reduzierung von Maßnahmen wie der Kontrolle von Herzschrittmachern - das waren bis Ende März 47 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

Ebenfalls stark zurück gingen die Zahlen bei den ambulant versorgten Notfällen. Dabei sank die Zahl der Hausbesuche von Ärzten um etwa ein Drittel. Relativierend muss jedoch auf die in dieser Situation einsetzende Nutzung von Alternativen verwiesen werden. So ist nicht nur die Zahl der telefonischen Beratungen durch Ärzte in der vierten Märzwoche im Vergleich zum Vorjahr um 251 Prozent angestiegen. Durchstarten konnten erstmals die Videosprechstunden, die vor der Pandemie nur eine marginale Rolle spielten. Der Ausfall von Sprechstunden vor Ort konnte damit aber bei Weitem nicht ausgeglichen werden. Außerdem nutzten viele Patienten die Möglichkeit, sich ohne Arztkontakt über Wiederholungsrezepte mit den nötigen Medikamenten einzudecken. Bemerkt wurde das auch durch den Anstieg bestimmter Arzneimittelverordnungen. Dies betraf vor allem Mittel wie Blutdruck- und Blutfettsenker sowie Antidiabetika.

In der stationären Versorgung brachte die Aussetzung aller planbaren Eingriffe und die Freihaltung von Intensivkapazitäten für schwer erkrankte Corona-Patienten einen starken Rückgang bei den Krankenhausfällen mit sich. Nach Daten der AOK wurden im März und April unter anderem 31 Prozent weniger Herzinfarkte und 18 Prozent weniger Schlaganfälle behandelt. Eine Studie der Helios-Kliniken zeigte, dass es während der Coronakrise 30 Prozent weniger Aufnahmen in den Notaufnahmen gab. Gleichzeitig seien die aufgenommenen Patienten kränker gewesen als sonst üblich. Die Deutsche Herzstiftung fördert aktuell das Projekt »Covid-19 Collateral Damage«, in dem aktuell Daten aus über 200 deutschen Krankenhäusern ausgewertet werden. Es geht unter anderem darum, wie stark der Rückgang der Zahl von Patienten mit einem akuten Herzinfarkt von März bis Mai 2020 gegenüber den Vorjahren war. Beteiligt daran ist auch der Kardiologe Uwe Zeymer vom Herzzentrum Ludwigshafen. Er bestätigt aus seiner Erfahrung, dass zu Beginn der Pandemie im Frühjahr Patienten aus Angst vor Ansteckung zu spät in die Notaufnahme gekommen seien.

»Die Situation bei einem klassischen Herzinfarkt verschlechtert sich schon deutlich, wenn nur wenige Stunden gewartet wird, teilweise wurde ein bis zwei Tage gewartet. Es stirbt mehr Gewebe ab, das Herz verliert immer mehr von seiner Funktion.« Das führte in diesem Frühjahr dazu, dass Zeymer und auch seine Kollegen bundesweit mehr Komplikationen sahen. »Zum Beispiel ein Loch in der Herzscheidewand - das gibt es sonst kaum, plötzlich haben wir es mehrmals im Monat.« Ab Juni hätte sich die Situation aber bereits wieder normalisiert, als bemerkt wurde, dass hierzulande die Kapazitäten der Intensivstationen doch nicht in dem Maße in Anspruch genommen werden mussten wie zuvor befürchtet. Anfangs wurden nach Zeymers Erfahrung auch noch Patienten mit Atemnot als mögliche Covid-19-Fälle eingeordnet, während sie tatsächlich akute Herzprobleme hatten. Dies sei inzwischen korrigiert. Die Entwicklung der Sterblichkeit wegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen könne jetzt noch nicht abschließend beurteilt werden, da die Zahl der eventuell zu Hause verstorbenen Menschen noch nicht bekannt ist. Bis Ende des Jahres wisse man mehr, schätzt der Ludwigshafener Arzt.

Befürchtungen, dass das Vermeiden der Notaufnahme doch Auswirkungen auf die Schwere von Krankheitsverläufen und vorzeitige Todesfälle zur Folge haben wird, waren in den letzten Monaten häufiger zu vernehmen. Internisten verschiedener Schwerpunkte sagen für den Herbst ansteigende Patientenzahlen in ihren Fachgebieten voraus, unter anderem bei Herzrhythmusstörungen.

Ähnliche Sorgen machen sich die Krebsmediziner. Durch die im Frühjahr unterbrochenen Screenings werden neue Fälle erst jetzt wieder auf diesem Weg entdeckt. Auch in der Onkologie tauchen etwa bei Patienten mit Leukämie oder einem Myelom bislang seltene Komplikationen auf. Andere Erkrankte mit bereits entdeckten Tumoren sind im Frühjahr nicht zur Verlaufskontrolle gekommen.

In diesem Zusammenhang wiesen Politiker und Ärzte darauf hin, dass akute Leiden wie Herzinfarkt oder Krebs weiter behandelt werden müssen und können. Für alle internistischen Krankheitsfälle stehen in Deutschland rund 150 000 Klinikbetten zur Verfügung. Kein Patient sollte aus Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus auf die zwingend notwendige medizinische Hilfe in einem Krankenhaus verzichten, warnten mehrere kardiologische Fachgesellschaften schon im April. Dies gilt auch weiterhin - und über die Kardiologie hinaus.

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