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Es begann auf der Lenin-Werft

Wie ein Streik in Gdansk ein System in seinen Grundfesten erschütterte und das Ende des polnischen Sozialismus einleitete

  • Von Daniela Fuchs
  • Lesedauer: 4 Min.
Auf dem Gelände der ehemaligen Werft in Gdansk steht heute u.a. das Solidarnosc-Center.
Auf dem Gelände der ehemaligen Werft in Gdansk steht heute u.a. das Solidarnosc-Center.

Der Vorwurf gegen die am 7. August 1980 entlassene 51-jährige Anna Walentynowicz lautete diesmal: Verbreitung illegaler Zeitungen und Flugblätter sowie Tätigkeit in freien Gewerkschaften. In Polen gärte es schon länger. Seit Juli kam es immer wieder zu Streiks. Das Wirtschaftsprogramm von Edward Gierek, Erster Sekretär der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP), war gescheitert. Das Land befand sich in einer Kredit- und Schuldenfalle. Die Folge waren leere Regale, Preis- und Normerhöhungen. Lebensmittel, die dringend im Land gebraucht wurden, wurden exportiert, um Schulden zu tilgen. Zum allgemeinen Frust verbreiteten sich Nachrichten über Korruption und persönliche Bereicherung von Parteifunktionären. Der polnische Sicherheitsdienst berichtete über zunehmende Kritik. Zu den polnische Besonderheiten gehörte, dass der Autoritätsverlust der führenden Partei, der PVAP, mit der zunehmenden Verehrung des polnischen Papstes einherging. Seit 1978 saß Karol Wojtyła als Johannes Paul II. auf dem Heiligen Stuhl in Rom. Der Streik in der Lenin-Werft, der am 14. August begann, sollte sich denn auch anders als alle bisherigen Arbeitsniederlegungen erweisen: Es gab geistlichen Beistand durch heilige Messen. Als Beichtstuhl fungierte ein kleiner Polski Fiat.

Der politische Charakter des machtvollen Ausstandes in Gdansk war unübersehbar. Fehler der Vergangenheit sollten keinesfalls wiederholt werden. Der blutige Dezember 1970, als sich Polen am Abgrund eines Bürgerkrieges befand, war noch allgegenwärtig. Die Professionalität in der Vorbereitung und Durchführung der nunmehrigen Arbeitsniederlegung überraschte auch die Parteiführung. Eine Initiativgruppe unter der Leitung des Historikers Bogdan Borusiewicz hatte gute Vorarbeit geleistet. Der Geschichtsabsolvent der Katholischen Universität Lublin gehörte seit 1976 dem Komitee zur Verteidigung der Arbeiter, einem Sammelbecken der politischen Opposition, und seit 1978 auch dem Gründungskomitee der freien Gewerkschaften an. Mit von der Partie war Bogdan Felski, Monteur. Er berichtete später, dass man sich bewusst entschieden hatte, innerhalb der Werft zu verbleiben und nicht auch außerhalb aktiv zu werden, um mögliche Provokationen zu vermeiden.

Die Lenin-Werft in Gdansk wurde also besetzt, geschlossen und bewacht. Es herrschte strenges Alkoholverbot. Alles verlief zunächst nach Plan. Doch es fehlte noch ein Anführer. Die Organisatoren wählten hierfür den damals 37-jährigen Elektriker und streng katholischen Familienvater Lech Wałęsa, der jahrelang auf der Werft gearbeitet und wegen seiner politischen Tätigkeit mit Hausverbot belegt worden war. Er hatte in seiner Wohnung auf das vereinbarte Zeichen gewartet, Sirenengeheul von der Werft, das den Streikbeginn verkünden sollte. Sobald dieses ertönt war, machte er sich mit der Straßenbahn auf den Weg, beschattet vom Sicherheitsdienst. Mit zwei Stunden Verspätung und einem - später berühmt gewordenen - kühnen Sprung über die Betriebsmauer gelang ihm der Zutritt zur Werft. Der Streik in Gdansk bildete den Auftakt zu Arbeitsniederlegungen im ganzen Land. Die ersten Forderungen der Werftarbeiter, ein Denkmal für die Opfer von 1970 sowie Lohnerhöhungen, wurden zugesichert. Vom Etappensieg beflügelt, konstituierte sich ein überbetriebliches Streikkomitee unter der Leitung Wałęsas, dem bis zum 27. August Vertreter von 600 Betrieben beitraten. Auch der Forderungskatalog wurde nun erweitert.

Unterstützung fanden die Streikenden durch eine Gruppe von Intellektuellen unter der Leitung des katholischen Publizisten Tadeusz Mazowiecki, dem späteren ersten postsozialistischen Premierminister. An erster Stelle der 21 Forderungen stand die Zulassung freier und unabhängiger Gewerkschaften, hinzu kamen unter anderem Streikrecht, Pressefreiheit, Zugang der Kirche zu den Massenmedien, Freilassung aller politischer Häftlinge sowie Verbesserung der Lebensbedingungen.

Am 31. August unterzeichneten der stellvertretende Ministerpräsident Mieczysław Jagielski und Wałęsa das Abkommen von Gdańsk, mit dem die Regierung etliche Zugeständnisse machte.

Am 17. September 1980 schließlich vereinigten sich die freien Gewerkschaften zur Unabhängigen Selbstverwaltenden Gewerkschaft Solidarność mit Wałęsa als Vorsitzenden. Deren Zulauf war enorm. Geschätzt wurden neun Millionen Mitglieder, von denen etwa eine Million der PVAP angehörte. Das Monopol der Partei wurde nach und nach durchbrochen. Der polnische Historiker Jerzy Holzer spricht dennoch von einer »selbstbeschränkten Revolution«, denn die gesellschaftliche Ordnung und internationale Konstellationen wurden nicht infrage gestellt - aus Furcht vor einer sowjetischen Intervention. Solidarność blieb eine heterogene Organisation und auch Sprachrohr für die Katholische Kirche. Die Konflikte gärten weiter. Dem Kriegsrecht im Dezember 1981 folgte im Jahr darauf das Verbot der Solidarność. Ihre Wiederzulassung 1989 führte letztlich zum friedlichen Systemwechsel.

Unsere Autorin ist Mitglied des Sprecherrates der Historischen Kommission der Linkspartei.

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