Der schmale Grat der Zuversicht

Der gutbürgerlichen Klasse ist heute alles ziemlich scheißegal - und dann wieder überhaupt nicht

  • Von Adrian Schulz
  • Lesedauer: 2 Min.

Unlängst fiel mir ein Exemplar der Zeitschrift »Essen und Trinken« in die Hände. Das ist ein Medium der gutbürgerlichen Klasse, die heutzutage aber nicht mehr gutbürgerlich, sondern ökoavantgardistisch zu kochen und zu speisen wünscht. Für 4,90 Euro bekommt man darin auf jeder zehnten Seite ein Rezept, für das immer irgendeine seltene Weizenart in einem ganz bestimmten Onlineshop bestellt werden muss; davor und danach wahnsinnig viele Bilder (den lauwarmen Wirsingpuff von der Seite, nochmal von oben, und, oh, was passiert eigentlich, wenn wir ihn auf einen Spieß aufspießen) und noch viel mehr Werbung, unter anderem für Reis, der in Österreich angebaut wurde, oder für Landschaftsarchitekten, mit einer Frau, die auf einer Wiese sitzt und Cello spielt.

Dieser Klasse ist also, kurz gesagt, alles ziemlich scheißegal. Und dann aber, und nicht nur beim Besitz, wieder überhaupt nicht. Steht da zum Beispiel in einem Rezept die Zutat »50 g feine Rauke«. Klar natürlich, dass man, gebildet, gehoben, lieber »fein« als »unfein« isst. Aber andererseits: Was ist aus der »Shabby Chic«-Logik geworden, mit der man noch das Verrotzteste aufhipstern kann? Wäre es nicht an der Zeit, so richtig dreckige Rauke zu fressen? Und überhaupt: Rauke. Hatte nicht das Deutsche Salatinstitut diesen Namen einst wie eine Fessel von sich geworfen? Ins letzte Jahrtausend verbannt? Und gerade unter dem Zaubernamen Rucola den kommerziellen Siegeszug der zackigen grünen Flocken besiegelt? Nur um jetzt wieder, natürlich zuerst für die Gebildeten, Gehobenen, das Zeug Rauke zu nennen? Und was macht man eigentlich mit den anderen 50 Gramm aus der Packung?

Und dann lande ich vor lauter Grübeln im Nachtprogramm, WDR, »Kölner Treff«, und schaue Luisa Neubauer beim Stirnrunzeln zu, weil sie Marianne und Michael zehn Minuten lang über ihren Campingurlaub frohlocken hören muss. Die Stunden zwischen zehn Uhr und Mitternacht auf den dritten Programmen sind ja auch so ein Fenster, in dem ziemlich viel scheißegal ist und dann doch ziemlich wenig. In der Runde sitzt auch noch »Alpenrocker« Hubert von Goisern, der stolz erzählt, dass er identitätsstiftende Workshops für grönländische Jugendliche veranstalte, und die »Zeit«-Redakteurin Anna Mayr, die gerade ein Buch über Armut veröffentlicht hat. Mit wem auf der Welt könnte sie darüber schließlich besser reden? Nach nur wenigen Minuten weint Hubert von Goisern, weil Leute zur Tafel gehen müssen. Aber wichtiger ist doch: Wie hieß sie früher? Wird sie bald umbenannt? Und warum?

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